Zeitung Heute : Insel der Ernüchterten

Wie leben Deutsche in der Fremde? Parallelwelt Teil fünf: Sie kamen nach Kuba mit linken Träumen im Gepäck. Und stellten bald fest, dass auch hier die Sonne nicht immer scheint

Karin Ceballos Betancur[Havanna]

Frau Liekfeldt wird nicht gefallen, dass in der Zeitung steht, in ihrem Garten auf der Leine trockneten Socken, Unterhosen und ein Lappen mit der Aufschrift „Interflug“ im Wind. Wahrscheinlich wird sie sich fragen, was das soll, warum man das überhaupt erwähnt und nicht gleich damit anfängt, dass der „Deutsche Verein Habana“ 1862 gegründet worden ist und zu den ältesten Vereinen Kubas zählt. Frau Liekfeldt spricht nicht gern über sich selbst, jedenfalls nicht mit Vertretern der bürgerlichen Presse.

„Wann sind Sie denn nach Kuba gekommen?“

„Das war 1982.“

„Und wie kam das?“

„Darüber möchte ich nicht sprechen.“

Ihr Mann, Kubaner, lächelt freundlich, wenn sein Kopf im Küchenfenster erscheint. Ihre Tochter verabschiedet sich zur Spätschicht im Krankenhaus. Eine Katze streift über die Terrasse. Rosemarie Liekfeldt, Präsidentin des Deutschen Vereins in Havanna, stammt aus Ostdeutschland. Schon am Telefon stellt sie klar, dass die DDR-Frauen aus dem Vereinsvorstand keineswegs nach der Wende nach Kuba gekommen sind, um eine politische Alternative zu suchen. Obwohl das ja gar nicht schlimm wäre, also: selbst wenn. Sie hat blaue Augen, kurze rote Haare und trägt eine feine Brille. Bekannte nennen Frau Liekfeldt Rosi.

Einen Gartenstuhl weiter sitzt Erich Trefftz, 42, Sekretär des Vereins, seit knapp zehn Jahren wohnhaft in Havanna. Seine Tochter Ana malt, vorerst. Er erzählt, sie sei am 4. April geboren, der in ihrem Geburtsjahr mit dem Tag der kubanischen Pioniere zusammentraf. „Gut geplant“, sagt er und lacht. Erich Trefftz lacht viel. Neben der Terrasse in Cojímar, hinter dem Hafentunnel von Havanna, verfällt eine kleine Hahnenkampfarena, wo in den 90er Jahren noch Wetten bis zu 500 Dollar liefen, sagt Rosemarie Liekfeldt. Pro Hahn, wohlgemerkt.

Wie viele deutsche Staatsangehörige auf Kuba leben, weiß niemand so genau, auch die deutsche Botschaft nicht, sagt Rosemarie Liekfeldt, die dort arbeitet. 1942 waren es jedenfalls etwas mehr als 4000, was man weiß, weil es 1942 eine Volkszählung gab. Während des Zweiten Weltkriegs machten viele Emigranten Zwischenstation auf der Insel. Wer konnte, zog später weiter in die USA. Heute sind es vielleicht 350, schätzt Rosemarie Liekfeldt, aufs Land verteilt. Sie sagt, dass es immer Wellen von Einwanderern gegeben hat. Die letzte bestand aus Vertragsarbeitern der DDR. Das ist lange her.

Erich Trefftz kam Mitte der 90er Jahre aus München nach Kuba, „als es hier wirtschaftlich aufwärts ging“, das habe Hoffnung gemacht. Damals, sagt er, sei es sehr liberal zugegangen, im Moment eher streng, so dass es „jetzt eigentlich wieder nur weicher werden kann“. Er führt das nicht aus, aber er lächelt. Der Satz steht eine Weile schweigend am Tisch herum, wie ein Bettler, bevor er sich verzieht. Eine politisch-familiäre Affinität habe ihn nach Kuba geführt, sagt Trefftz. Seine Herkunft skizziert er mit einem „linken Hintergrund aus dem Westen“ und einem Großvater, dem eine ungewisse Anzahl von Urs vorangestellt werden muss, der vor langer Zeit als Zuckergroßhändler auf der Insel lebte. Trefftz ist Architekt und promovierte über das Thema „Nachhaltige Strategien für die Wohnungswirtschaft bei der Altstadtsanierung von Havanna“. Er sagt, er sei „ein bisschen enttäuscht“, weil sich hier vieles doch als „sehr mühsam“ herausgestellt habe. Geblieben ist er wegen etwas, das man als Gegenteil des zu Tode zitierten „morbiden Charmes“ der Stadt bezeichnen kann: „Ein kleiner Grund, der dann größer wurde.“ Ana ist sechs Jahre alt.

Dass die Gruppe der Deutschkubaner überschaubar geblieben ist, hängt vor allem mit den Einreisebestimmungen zusammen, die einen dauerhaften Aufenthalt nahezu jedem unmöglich machen, der nicht mit einem Kubaner verheiratet ist, studiert oder mit festem Vertrag für ein ausländisches Unternehmen arbeitet. Auf dem Gringomarkt sind die Lebenshaltungskosten teuer. „Es ist schon das schwierigste Land zum Anfangen“, sagt Erich Trefftz, worauf Rosemarie Liekfeldt pariert: „Umgekehrt ist das ja auch nicht so einfach. In Deutschland kann auch nicht jeder Ausländer kommen und machen, was er will.“

Wer die Schwierigkeiten in Kauf nimmt, hat zum Bleiben meistens Gründe mit zwei Beinen, und oft sprechen sie nur gebrochen deutsch. Damit das nicht so bleibt, bietet der Verein seit kurzem Sprachkurse für die Kinder seiner rund 100 Mitglieder an, vornehmlich Germanisten übrigens. Für die Aufnahme gilt die etwas schwammige Bedingung, „eine Beziehung zu Deutschland zu haben“. Nach Angaben des Auswärtigen Amts gibt es immerhin etwa 30000 Kubaner, die zeitweise in der ehemaligen DDR gearbeitet haben. Das Vereinsziel sei jedenfalls ein „gesellig-literarisches“, sagt Liekfeldt, „die Tradition der deutschen Kultur zu pflegen“. Und vier Partys im Jahr zu veranstalten, sagt Erich Trefftz. Seit 40 Jahren hat der Verein allerdings kein festes Heim mehr. „Und dadurch, dass in Kuba nur einer entscheiden kann, wann wir wieder eins bekommen, kann das auch noch eine Weile dauern.“ Wenn Erich Trefftz solche Sachen sagt, sieht ihn Rosemarie Liekfeldt manchmal entsetzt an.

Erich Trefftz erzählt von den „Domrepsen“ und den Deutschen, die er dort kennen gelernt hat, von Menschen, die es in mehreren Jahren Aufenthalt nicht fertig gebracht haben, die Sprache zu lernen, „und sich dann wundern, wenn ihre Beziehungen mit einheimischen Frauen nicht klappen“. Kuba ist anders. Hier ist beiden kein einziger Fall einer deutsch-deutschen Ehe bekannt. Die meisten sind mit Kubanern liiert, assimiliert, integriert. Und dennoch: Wer den Weg zu Rosemarie Liekfeldt sucht, findet ihn, wenn er in den Straßen von Cojímar nach dem Haus der „Alemana“ fragt. Manche Dinge ändern sich nie. Aber Ana will jetzt nach Hause gehen, endlich, los.

Die Existenz des Deutschen Vereins habe vor allem mit der deutschen Vereinskultur zu tun, fasst Rosemarie Liekfeldt zusammen, weniger mit dem Bedürfnis, im Ausland deutsche Rituale zu pflegen, wie auch immer die aussehen sollten. Im Schatten wird es langsam kühl. Für den nächsten Tag ist eine Kaltfront angesagt. Auf Kuba gibt es keinen Winter. Nur Kaltfronten, denen Kaltfronten folgen. Die Begeisterung ihrer Landsleute für die Insel habe oft auch mit dem Klima zu tun, sagt Rosemarie Liekfeldt. „Aber nach kurzer Zeit merkt man, dass die Sonne nicht immer scheint, und dass auch nicht alle Leute immer nur nett sind.“

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