Zeitung Heute : Insel der traurigen Götter

Am Strand von Kuta haben ein paar Leute Windlichter in den Sand gesteckt. Ein Schmuckhändler erzählt von der Nacht, in der er Tote wegtrug. Seinen Laden hat die Bombe verschont. „Ich werde ihn wohl trotzdem zumachen“, sagt er, „niemand wird mehr hierher kommen.“

Moritz Kleine-Brockhoff[Bali]

Der Polizist will die junge Frau nicht durchlassen. Er schiebt das Maschinengewehr, das an einem Gurt vor seinem Bauch hängt, auf den Rücken. Er streckt die Hände aus, berührt die Frau ganz leicht und redet mit ihr: „Sie dürfen da nicht hingehen.“ Es sieht so aus, als sei es ihm peinlich, er schaut ihr nicht in die Augen. Dass sie seit dem Attentat vom Samstagabend viel geweint und wenig geschlafen hat, ist nicht zu übersehen, sie hat dunkle Ringe unter den Augen. Trägt eine schwarze Hose und ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln. Eine Freundin stützt sie am linken Ellenbogen. Auf der rechten Hand balanciert sie einen kleinen Bastkorb, in dem Blüten liegen. Sie trägt ihn so vorsichtig, als sei er ein Tablett, auf dem etwas Zerbrechliches liegt.

Die Frau reicht dem Polizisten den Korb, ohne ein Wort zu sagen, gleichzeitig fängt sie an zu weinen. Der Beamte nimmt den Korb nicht an, sondern zieht das gelbe Plastikband hoch, mit dem die Stelle abgesperrt ist, an der die Sprengsätze explodierten. Zusammen gehen die beiden ein paar Meter zu einer verbeulten Karosse, die einmal ein Auto war. Die Frau legt den Korb auf die Motorhaube, dann umarmt sie den Polizisten.

Es ist Montagmorgen, und es ist still im zerstörten Teil der Legian-Straße von Kuta, obwohl viele Menschen hier sind. Polizisten, Reporter, Anwohner stehen zwischen den Ruinen – kaum jemand sagt ein Wort. Nur aus ein paar Häusern, denjenigen, die nicht völlig kaputt sind, dringen Geräusche: von Besen, mit denen Glassplitter weggefegt werden.

Auf einer Länge von etwa zweihundert Metern sind alle Gebäude auf beiden Straßenseiten zerstört. Manche mehr, andere weniger. Nahe der Stelle, wo die Sprengsätze ein großes Loch in den Asphalt gerissen haben, sind von ihnen nur noch Haufen aus Schutt und Betonstücken übrig, aus denen Eisenstangen herausragen, die zwei Tage zuvor Wände gestützt haben. Darunter liegen vermutlich noch Leichen. Etwas entfernt sind ausgebrannte Kästen ohne Dächer zu sehen.

Licht kam nur von den Flammen

Das Haus des Schmuckhändlers Zainal Tayeb steht noch. Ein paar Fenster sind kaputt, unter dem Dach im dritten Stock ist die Deckenverkleidung zerfetzt, ansonsten ist alles heil geblieben. „Aber das bringt auch nichts“, sagt er, „meinen Laden werde ich wohl zumachen können, niemand wird mehr hierher kommen.“ Tayeb hat Silberschmuck verkauft. „Nach dem 11. September ging das Geschäft um 50 Prozent zurück, jetzt ist alles vorbei“, sagt er. Schnell entschuldigt er sich: „Ich sollte nicht über das Geschäft sprechen, es sind so viele Menschen gestorben.“ Über 180 Tote haben sie bis jetzt gefunden. Mehr als 300 Menschen sind verletzt. Allein 220 Australier werden vermisst. Und der stellvertretende deutsche Botschafter in Indonesien sagt, dass auch von acht Deutschen noch jedes Lebenszeichen fehlt.

Die sechs schwer verletzten Deutschen sind nach der medizinischen Erstversorgung auf Bali sofort nach Australien geflogen worden. Sie werden in Perth und Darwin weiter behandelt. Aus Wiesbaden heißt es, das Bundeskriminalamt bereite eine speziell geschulte Einheit auf die Reise nach Bali vor. Sie soll die Toten anhand ihrer Zähne und des Erbgutes identifizieren.

Tayeb erzählt von Samstagnacht. Dutzende Opfer habe er zu den Autos geschleppt, die zwischen den Krankenhäusern und der Legian-Straße pendelten. „Es war harte Arbeit, weil die Wagen nicht in die Nähe des Explosionsortes fahren konnten. Da lagen überall Trümmer. Außerdem konnte man schlecht sehen, es gab ja keinen Strom mehr, Licht kam nur von den Flammen, und überall war Staub.“ Und was ist mit den Toten? „ Die haben wir liegen gelassen, nur die Verletzten so schnell getragen wie möglich. Nach zehn Stunden konnte ich nicht mehr. Aber um neun Uhr morgens, kurz bevor ich aufgehört habe, fand ich auf der Toilette einer Kneipe eine junge Australierin, die noch lebte. Das hat mich so glücklich gemacht.“ Tayeb steht auf seinem Balkon im dritten Stockwerk, er schaut über die Stadt und schüttelt den Kopf. Nicht nur in der Legian-Straße, sondern in einem Umkreis von rund einem Kilometer sind alle Dächer beschädigt. Die Sonne scheint, der Horizont ist blau, so blau, dass nicht zu sehen ist, wo das Meer aufhört und wo der Himmel beginnt.

Die Tische der vielen Cafés und Bars unten an der Straße sind leer. „Hier war das Paradies“, sagt Tayeb müde, „warum mussten die Terroristen hierher kommen und uns das antun? Wir haben ihnen doch nichts getan.“ Auf der Straße, vor der Absperrung, stehen schwer bewaffnete Polizisten in grauen Uniformen. Dahinter arbeiten Männer in schwarzen T-Shirts, „Sprengstoffexperten, die ermitteln“, sagt ein Polizist. Auch ein Mann und eine Frau aus dem Westen sind dabei. Er macht Fotos, sie Notizen. Woher er kommt, will der Mann nicht sagen, er hat den Akzent eines Australiers. „Das war eine sehr große Bombe“, sagt er, „das Loch im Asphalt ist drei Mal drei Meter groß und eineinhalb Meter tief. Wahrscheinlich hatten sie mehr als 200 Kilo Sprengstoff in ein Auto gepackt.“

Das Loch ist auf der rechten Seite der Einbahnstraße. „Dort ist Parkverbot“, sagt ein Anwohner, „der Wagen muss gefahren sein, als die Bombe hochging.“ Das hieße, dass ein oder mehrere Selbstmordattentäter beteiligt waren. „Das stimmt doch gar nicht“, sagt ein anderer Mann, der auch in der Straße wohnt, „ab sechs Uhr abends darf man auf der rechten Seite parken. Die Täter haben bestimmt nur den Wagen abgestellt und sich dann aus dem Staub gemacht.“

Ein riesiger gelber Pilz

Am Strand herrscht eine eigenartige Stimmung. Auf einmal hat der Ort so gar nichts mehr von einem Paradies, der Strand ist leer. Ein paar Leute haben Windlichter in den Sand gesteckt, die einheimischen Surfbrett-Vermieter bleiben auf ihren Boards sitzen. Zwei Frauen sind auch noch da, sie langweilen sich. Normalerweise verkaufen sie aus ihren Bauchläden heraus Süßigkeiten. Vor dem Anschlag habe das ganz gut geklappt, sagt eine von ihnen, weil hier immer so viele Touristen in der Sonne lagen, schwammen, joggten oder Badminton spielten. Seit Sonntag sind nur noch die Flugzeuge voll. Sie verlassen die Insel.

Sarah, Sommersprossen, rotes Haar, und ihre beiden Freundinnen gehören zu den wenigen Urlaubern, die noch am Strand liegen. Im Bikini sitzen sie auf ihren Handtüchern, trinken Cola und rauchen. Und natürlich reden sie über den Anschlag. „Das ist jetzt schon zwei Tage her, aber ich kann es immer noch nicht fassen“, sagt Sarah. Die jungen Frauen kommen, wie die meisten Touristen auf Bali, aus Australien. Sie sind schon einige Zeit auf der Insel, ihre Haut ist braungebrannt. Oft seien sie in den Sari Club und ins Padis gegangen, die beiden Diskotheken, vor denen die Sprengsätze hochgingen, erzählen sie. „Am Samstagabend saßen wir zum Glück vor unserem Zimmer auf der Terrasse“, sagt Sarah, „erst haben wir die Explosion nur gesehen, dann, einen Moment später, haben wir sie auch gespürt. Selbst in unserem Hotel, das ist vier Kilometer vom Sari Club entfernt, hat alles gewackelt. Am Himmel tauchte kurz ein riesiger gelber Pilz auf. Danach sah man auch von dort aus die ganze Nacht lang, dass es brannte.“

Die drei sind gleich am nächsten Morgen zum Flughafen gefahren. Sie wollten nach Hause, aber alle Flugzeuge waren schon voll. Seitdem versuchen sie jeden Tag aufs Neue, einen Platz zu bekommen. „Irgendwie tun mir die Menschen ja Leid, die wir hier zurücklassen. Ich weiß, dass Tausende Familien vom Tourismus leben“, sagt Sarahs Freundin, „aber mein Bauch sagt mir nur eins: bloß weg hier.“

Unermesslicher Schaden

Am Flughafen herrscht hektischer Betrieb: Viele Urlauber haben blitzschnell die Rückreise in ihre Heimat geplant und warten jetzt – noch immer geschockt – auf das Flugzeug, das sie wegbringen soll. Sie wollen fliehen vor den Schreckensbildern in ihren Köpfen. „Wir reisen früher ab und werden nie wieder hierher kommen“, sagt ein australischer Tourist.

Eine balinesische Hotelfachfrau befürchtet: „Der Schaden, den sie dem Tourismus hier zugefügt haben, ist unermesslich.“ Schon seit einiger Zeit war die Stimmung schlecht auf der „Insel der Götter“. Der Einbruch des Reiseindustrie hatte auch Bali nach den Anschlägen vom 11.September auf New York und Washington massiv zugesetzt, die Buchungen gingen um bis zu 50 Prozent zurück. In den vergangenen Wochen meinten Tourismusexperten, endlich einen Silberstreif am Horizont ausgemacht zu haben, die Auslastung der Hotels zog wieder ein wenig an. Doch nach dem Attentat sehen viele die Urlaubsindustrie in Bali so gut wie am Ende. „Es ist ein Desaster“, sagt Setyano Sentosa, der Vorsitzende des indonesischen Kultur- und Tourismuskomitees. Mehrere Zehntausend Menschen hingen auf der Insel von den Urlaubern ab. Im vergangenen Jahr kamen weit mehr als eine Million Ausländer her.

Experten befürchten, dass die Anschläge auf der Vergnügungsmeile von Kuta nur der Auftakt einer Serie von Attentaten sind, dass es noch viel schlimmer kommen könnte. Zwar hätten die Behörden in Südostasien schon viel geleistet im Kampf gegen den Terrorismus, aber es gebe auch viele Versäumnisse, sagen sie. Gerade in Indonesien klafften noch große Sicherheitslöcher. Viele Sicherheitsexperten sind überrascht, dass ein Anschlag wie der vom Samstag nicht schon viel früher passiert ist.

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