Zeitung Heute : Inseln im Sturm II

Am 2. April 1982 landeten die Argentinier auf den britischen Falklandinseln. Ein Krieg begann, bei dem viele Soldaten starben – oder traumatisiert überlebten. Edgardo Esteban und David Cruickshanks waren damals Teenager. Zwei Erinnerungen.

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Ich war damals in der Navy. Meine Kameraden und ich haben im Fernsehen gesehen, wie alles begann. Wir kamen mit unserem Schiff gerade von einem Manöver in den Fjorden Norwegens zurück. Es war ja noch Kalter Krieg, und wir hatten mit anderen Nato-Ländern geübt, einen Angriff des Warschauer Pakts abzuwehren. Wir saßen also vor dem Fernseher und sahen uns an, wie die Argentinier auf Südgeorgien, einer anderen britischen Insel im Südatlantik, landeten. Wir wären nie auf die Idee gekommen, dass das etwas mit uns zu tun haben könnte. Ehrlich gesagt, wenn einer von uns gefragt worden wäre, wo die Falklandinseln eigentlich liegen, dann hätte das niemand gewusst. Irgendwo vor Schottland, hätte ich wahrscheinlich geantwortet. Aber dann wären da ja kaum die Argentinier gelandet.

Ich hatte die Schule mit 16 geschmissen und auch die Chance auf ein Studium ausgelassen. Angelockt von Werbebroschüren mit braun gebrannten Seeleuten vor der Akropolis, bin ich zur Navy gegangen. Ein junger Schotte, der die Welt sehen wollte. Ich habe auf Abenteuer und Aufregung gehofft – und auf Mädchen. Das mit den Mädchen wurde erst einmal nichts, ich sah damals aus wie ein kleiner Junge.

Als ich in den Krieg zog, war ich 17.

Unser Schiff hieß HMS Fearless, das Schiff der Furchtlosen. Nach dem Norwegenmanöver lagen wir im Hafen von Portsmouth. Wir haben uns auf ein paar Wochen Ruhe gefreut.

Und dann sahen wir diese Bilder im Fernsehen, mit denen wir zuerst nicht viel anfangen konnten. Aber die Lage im Südatlantik wurde immer dramatischer. Am 2. April landeten die Argentinier auf der östlichen Falklandinsel und nahmen die Hauptstadt Port Stanley ein. In Buenos Aires gingen die Menschen auf die Straße und schwenkten begeistert ihre Landesfahnen. Und uns wurde klar, dass das sehr wohl was mit uns zu tun haben könnte.

Die Kameraden, die Urlaub hatten, mussten zurück an Bord kommen. Als wir vollzählig waren, wurden wir alle an Deck befohlen. Wir holen uns die Inseln zurück, hat ein Offizier zu uns gesagt. Okay, ich glaube, er hat das in etwas offizielleren Worten ausgedrückt, aber das war schon seine Botschaft. Ich hatte gemischte Gefühle: Ich war sehr aufgeregt und gespannt auf das, was kommen würde, aber ich hatte auch eine dunkle Vorahnung. Wir haben dann gewettet, dass es eine politische Lösung geben wird, bis wir dort mit unserem Schiff überhaupt nur angekommen sind.

Einen Tag bekam ich noch frei. Ganz allein fuhr ich nach London zum Sightseeing. Eine Freundin hatte ich damals nicht. Ich hatte mir gerade einen Sony- Walkman gekauft. Das Teil war fast so groß wie ein Ziegelstein. Ich hörte The Jam und lief über den Trafalgar Square. Meine Eltern werden sich ganz schön Sorgen um mich machen, dachte ich.

Kurz bevor wir ausliefen, wurde die HMS Invincible in Richtung Falklands verabschiedet – mit Pomp und Fanfaren. Ich war ein bisschen beleidigt, weil unser Abschied eine Nummer kleiner ausfiel. Die Überfahrt dauerte Wochen, mit einem langen Zwischenstopp auf der Insel Ascension. Wir glaubten da immer noch, dass die ganze Sache diplomatisch gelöst wird. Als dann Anfang Mai der argentinische Kreuzer General Belgrano und unsere HMS Sheffield versenkt wurden, war uns klar, wie ernst die Lage ist.

Hier kamen wir also, um Maggies Krieg zu führen. Damit in London die City-Banker vom Thatcher-Boom profitieren und in Champagner baden konnten, aßen wir Schiffszwieback und Eintopf, 8000 Meilen von zu Hause, wo die argentinische Luftwaffe uns ins Jenseits befördern wollte. Wir trugen wochenlang dieselbe Kleidung, weil wir Angst hatten, dass in der Waschmaschine die feuerfeste Schicht auf unseren Overalls beschädigt werden könnte. Ich dachte an meine Freunde daheim, die in die Disco gingen und Cocktails tranken, die Ärmel ihrer Jacketts hochgekrempelt, um die gebräunten Arme zu zeigen. Sie trugen bunte Turnschuhe und – um Himmels willen – weiße Socken.

Wir lagen in der San Carlos Bay. Von der HMS Fearless aus wurde die Landung britischer Truppen koordiniert. Wir gerieten bald unter schweren Beschuss. Die HMS Fearless ist ein sogenanntes Landungsdockschiff. Von See aus unterstützt es die Operationen an Land mit Soldaten, Waffen und schwerem Gerät. Ich saß tief im Bauch des Schiffes in der Schaltzentrale. Für mich war der Falklandkrieg vor allem ein Krieg der Sinne. Ich hörte das Getöse um mich herum, das Pfeifen, das Zischen, das Krachen, dumpf nachhallend durch den Schiffsrumpf. Manchmal habe ich bei meinem Job da unten sogar die Kameraden draußen beneidet, die mit der Waffe in der Hand an Land kämpften. Sie konnten wenigstens etwas tun, während ich völlig ausgeliefert unten im Schiff saß. Ich konnte die Männer, die mich umbringen wollten, nicht einmal sehen. Die argentinischen Flugzeuge griffen mit ihren französischen Exocet-Raketen vor allem große Schiffe wie meins an.

Wenn ich mal an Deck ging, sah ich, dass die Bucht voller Schiffe war, viele waren zerstört. Es war ein unheimlicher Anblick. Bei einem Luftangriff wurde eines der Landungsboote der HMS Fearless versenkt. Zwei Seeleute und vier Royal Marines starben bei der Attacke.

Eines Abends sollten wir helfen, die in Brand geratene Fregatte HMS Antelope zu löschen. Kurz bevor ich dort an Bord gehen sollte, explodierte das Schiff. Der Untergang der Antelope, das Feuer, das den Nachthimmel über der San-Carlos-Bucht erleuchtet, ist eines der Bilder vom Falklandkrieg, das in Großbritannien allen Menschen in Erinnerung geblieben ist.

Als der Krieg vorbei war, wurden wir mit Helikoptern nach Port Stanley geflogen. Auf der Straße fielen mir zwei Frauen in die Arme und riefen: „Danke, dass ihr das für uns getan habt.“ Es war ein merkwürdiges Gefühl, denn kurz vorher hatte ich gesehen, wie Leichen mit Zeltbahnen abgedeckt wurden. Ich war an dem Tag geschockt und erleichtert zugleich. Der Krieg hatte viele Menschen getötet, aber er war vorbei.

Ich war 18 Jahre alt und ein Kriegsveteran. Meine Ankunft in Schottland ähnelte der Heimkehr des Vietnamveteranen, den Robert De Niro im Film „Deer Hunter“ spielt. Meine Freunde kamen mir vor, als ob für sie die Zeit stillgestanden hatte. Sie gingen immer noch zur Schule und warteten auf ihre Zeugnisse, um dann zur Universität zu gehen. Ich habe ihnen meine Falklandauszeichnung, die South Atlantic Medal, gezeigt, aber sie fanden das eher peinlich. Ihr banales Gerede über den neuen Alien-Film oder Schottlands Chancen bei der WM in Spanien langweilte mich.

Jahrelang habe ich dann nichts mehr über den Krieg erzählt. Ich betrank mich mit einem Freund, der auch auf den Falklandinseln war, aber wir haben nicht über unsere Erlebnisse geredet. Ich habe gelegentlich noch Albträume, aber inzwischen kann ich besser über die damalige Zeit sprechen. Jetzt möchte ich auch die Kameraden wieder sehen. Anfang Juni treffen wir uns in Portsmouth. Zum ersten Mal nach 25 Jahren.

aufgezeichnet von Markus Hesselmann

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