Zeitung Heute : Inseln im Sturm

Am 2. April 1982 landeten die Argentinier auf den britischen Falklandinseln. Ein Krieg begann, bei dem viele Soldaten starben – oder traumatisiert überlebten. Edgardo Esteban und David Cruickshanks waren damals Teenager. Zwei Erinnerungen.

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Ich war der einzige Rekrut in meiner Truppe, der seiner Familie Bescheid geben konnte, dass wir den Marschbefehl bekommen hatten. Der Flieger, der uns auf die Islas Malvinas bringen sollte, stand schon bereit. Ich sagte, ich müsse auf die Toilette, und suchte ein Telefon. Die Münzen reichten für eine Minute. Als meine Mutter anfing zu schluchzen, brach das Gespräch ab.

Wir wollten Helden sein. Und wir dachten, die Kelper, wie man die Falklandbewohner auch nennt, würden uns wie Befreier empfangen. „Las Malvinas son Argentinas“, die Malvinen gehören zu Argentinien, hatten wir in der Schule gelernt. Natürlich, denn seit 1976 bestimmten die Militärs, was in Argentinien auf dem Lehrplan stand. Es war eine gute Sache, die „hermanita perdida“, das verlorene Schwesterchen, zu befreien, fanden wir. Wir wollten dabei sein, wenn auf den Inseln Geschichte geschrieben wurde.

Der Krieg fing an wie ein großes Abenteuer, ein Überlebenstraining: Es war kalt auf den Inseln, es regnete. Eine karge Landschaft ohne Bäume, der Himmel gräulich weiß, das Meer graublau. In den Höhlen, die wir in den Schlamm gruben und die unser Zuhause sein sollten, war es klamm, Rinnsale bahnten sich den Weg. Einige der Rekruten hatten nur einfache Turnschuhe an. Aber noch ging es uns gut, manchmal gab es sogar einen Apfel als Nachtisch. Das Gewehr sei ab sofort unsere Verlobte, sagten die Offiziere, wir sollten es nicht aus den Augen lassen. Ich nannte meins Brooke Shields.

Für mich begann der Krieg am 1. Mai. Das war der Tag, an dem die Engländer die ersten Luftangriffe flogen. Da war sie plötzlich, die Angst vor dem Tod, eine Angst, die wir nicht kannten, die meisten von uns waren um die 18 Jahre alt. Ich selbst war 19.

Schlimmer als der erste Luftangriff, bei dem es an unserem Standort keine Verletzten gab, war etwas anderes: Ich merkte, dass es noch einen weiteren Feind gab, die eigenen Vorgesetzten. Ein Unteroffizier wollte mich während eines Angriffs aus meinem Versteck scheuchen, um dort selbst in Deckung zu gehen. Hätte ich ihm den Felsspalt überlassen, ich wäre dem Angriff schutzlos ausgeliefert gewesen.

Mir wurde klar: Krieg, das war Hunger, Kälte, Schlaflosigkeit, die Nähe des Todes. Aber Krieg, das war auch, für die Vorgesetzten eine Nummer zu sein. Grundlos ließen sie uns durch den Schlamm robben und wie Frösche hüpfen, wohlwissend, dass unsere Füße sowieso seit Tagen nass waren, dass die Kleider in dem klammen Inselklima nicht wieder trocknen würden, dass wir Hunger hatten. Das Schlimmste waren aber die estaqueos: Bei kleinsten Regelverstößen mussten sich Soldaten auf den Rücken in den Schlamm legen und wurden an Händen und Füßen an Pfähle gebunden, dort blieben sie stundenlang liegen, im Regen, in der Kälte, ohne Handschuhe, völlig durchnässt.

Der Beschuss durch die Engländer wurde immer stärker, systematisch griffen sie nachts an, so dass wir keinen Schlaf bekamen. Einer, der den Hunger, die Kälte und die Angst nicht mehr aushielt, schoss sich selbst in den Fuß, um ins Lazarett aufs Festland zu kommen, er wollte nicht enden wie viele andere, von den Geschossen der Engländer zerfetzt. Ich wurde nur leicht am Hals verletzt. Schon nach wenigen Tagen war der Verband durch und durch schwarz vor Dreck.

Bald waren die Sohlen meiner Stiefel kaputt, die Socken durchweicht, und es gab keine Möglichkeit, sie zu wechseln, langsam verlor ich das Gefühl für die Füße. Meine Hose war an beiden Seiten aufgerissen und die Unterwäsche voll Kot. Sie hatten mir nicht mal eine Erkennungsmarke gegeben, wenn ich auf den Inseln sterben sollte, wäre ich als N. N. verscharrt worden.

Und dann kam die Nacht, in der ich mich vordrängelte, ich wollte die erste Wache halten, damit ich den Rest der Nacht endlich mal am Stück schlafen konnte. Ich bekam den Wachturnus von meinem Kameraden Vallejos, und Vallejos musste später meine Wache halten. Als ich nach dem Dienst im Schlafsack lag und Vallejos an meiner Stelle stand, kamen wieder Angriffe der Engländer, präziser als die der letzten Tage. Vallejos war sofort tot. Mir war klar: Eigentlich wäre ich dran gewesen, er stand auf meinem Posten, weil ich tauschen wollte.

Wir waren fertig. Wir konnten nicht mehr. Es gab immer mehr Tote. „An die Arbeit!“, schrien die Vorgesetzten, und wir hievten die Leichen in Sammelgräber.

Und irgendwann flog der britische Hubschrauber mit dem weißen Tuch über uns hinweg, wir durften nicht schießen. Zu der Enttäuschung, dass wir die geliebten Inseln verloren hatten, kam die Wut auf die Vorgesetzten. Wir fanden eine riesige Lagerhalle voll mit Proviant. Es gab also Essen. Und wir hatten wochenlang gehungert. Innerhalb einer Nacht war das Lager vollends geplündert.

Ich kam in Kriegsgefangenschaft auf das Schiff Canberra. Die Briten behandelten uns gut, doch auf dem Schiff begannen die Albträume. Ich träumte, ich läge auf dem Rücken, auf dem Schlachtfeld, mit einer Bauchverletzung. Ich konnte die Wunde nicht sehen, aber ich spürte die Kälte, die durch die Verletzung in meinen Körper drang. Meine Mutter beugte sich über mich, ich wollte mit ihr reden, aber sie hörte mich nicht. „Edgardo ist tot“, sagte mein Vater zu ihr.

Wir hatten für Argentinien gekämpft, aber als wir nach dem Krieg aufs Festland zurückkamen, standen keine jubelnden Menschenmengen Spalier. Schlimmer noch: Wir mussten eine Erklärung unterschreiben, dass wir nichts erzählen würden. Nichts vom Krieg. Nichts davon, wie elend wir behandelt wurden. Wir waren zum Schweigen verdammt, Aussätzige, die den Krieg verloren hatten. Ich hatte im Kugelhagel ein Gelübde abgelegt, auf Knien nach Hause zurückzukehren, und als ich es tat, erklärten mich alle für verrückt. Unsere Traumata wurden totgeschwiegen, eine psychologische Betreuung gab es nicht, anfangs schlief ich zusammengekrümmt in einer Zimmerecke auf dem nackten Boden. Ich konnte mich nicht einfach wieder ins Bett legen, als sei nichts gewesen.

Auf argentinischer Seite sind 326 Soldaten auf den Inseln gefallen, dazu kommen 323, die mit dem Kreuzer „General Belgrano“ versenkt wurden und mehr als 350, die sich in den Jahren danach das Leben genommen haben, und es werden immer mehr. Erst vor kurzem brachte sich ein Ex-Soldat um, der inzwischen Architekt war, eine Familie hatte, es sah aus, als hätte er sein Leben im Griff, aber der innere Krieg ging weiter.

Ich selbst habe viele Jahre Therapie hinter mir. Irgendwann beschloss ich, das Schweigen zu brechen, und schrieb ein Buch über den Krieg. Ich wurde bedroht, und auf der Gedenktafel der Kaserne in Córdoba, in der ich stationiert war, als wir in den Krieg zogen, ist mein Name absichtlich falsch geschrieben, Eduardo Estabani. Dann wurde mein Buch auch verfilmt, und seitdem wird über alles in der Öffentlichkeit gesprochen, auch über die Misshandlung durch die estaqueos.

Inzwischen war ich fünfmal auf den Inseln und kenne viele Kelper: Sie sind englischer als die Engländer. Aber das Klima, die Landschaft, das alles ist Argentinien, Patagonien. Für uns sind die Malvinen genauso Argentinien wie Maradona oder Evita. Leider wurde durch den Krieg die Chance verspielt, sich diplomatisch anzunähern.

Meinen Kindern erzähle ich wenig über die Malvinen, sie sollen nicht mit dieser Bürde aufwachsen. Und ich selbst will keine Gräber mehr sehen. Wenn ich sterbe, soll meine Asche ins Meer gestreut werden. Die Stelle dafür habe ich schon ausgesucht.

aufgezeichnet von Karen Naundorf

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