Zeitung Heute : „Insgesamt sind wir durchaus konkurrenzfähig“

Deutsche Schulen erhalten Bildungsstandards. Doch das Ausland ist schon jetzt konsequenter

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Herr Köller, seit 2004 arbeitet Ihr Institut im Auftrag der Kultusministerkonferenz daran, Bildungsstandards für die Schule festzulegen und entsprechende Prüfungsaufgaben für den Unterricht zu erstellen. Jedes Bundesland hat doch Lehrpläne. Wozu brauchen wir da Bildungsstandards?

Die Lehrpläne sagen, was ein Lehrer in welcher Jahrgangsstufe unterrichten muss. Die Bildungsstandards hingegen definieren Ziele, beschreiben also, welche Kompetenzen schließlich bei den Schülern zu bestimmten Zeitpunkten vorhanden sein sollen. Zum Beispiel, dass ein Schüler am Ende der zehnten Jahrgangsstufe in der Lage sein soll, eine Radiosendung in englischer Sprache verstehen zu können.

Sind Bildungsstandards festgelegt, was geschieht dann mit ihnen?

Wir entwickeln Aufgaben, mit denen überprüft werden kann, ob die Standards von den Schülerinnen und Schülern eingehalten werden. Parallel entwickeln wir auch Aufgaben für den Unterricht. Damit sollen die Lehrkräfte in die Lage versetzt werden, Kompetenzen der Schüler aufzubauen. Die Testaufgaben werden dazu führen, dass wir spätestens mit der Pisa-Erhebung 2009 einen Ländervergleich für die Sekundarstufe I in Deutsch, Englisch und Französisch bekommen.

Es wird kritisiert, andere Staaten prüften sehr viel rigoroser, ob die Standards eingehalten werden. In Finnland, Schweden oder den Niederlanden gebe es flächendeckende Tests statt Stichproben wie in Deutschland. Auch besuchen Schulinspektoren alle Schulen.

Die Stichproben, die in Deutschland gezogen werden, sind repräsentativ. Damit wissen die Länder, inwieweit die Schüler die Standards erreicht haben, auch wenn die Vergleichsarbeiten nicht flächendeckend geschrieben wurden.

Es gibt in Deutschland aber offenbar keine Maßnahmen, die alle Länder sogleich ergreifen, wenn sie feststellen, dass Schüler die Standards nicht erreichen.

Eine konzertierte Aktion ist im Föderalismus schwierig. Jedes Land muss selbst darüber nachdenken, was geschehen muss, damit möglichst ein hoher Anteil der Schüler die Standards erreicht. Vermutlich werden sich die Länder aber auf gemeinsame Eckpunkte einigen.

Von Anfang an ist kritisiert worden, dass die Kultusminister keine Mindeststandards wollten, die kein Schüler unterlaufen darf, sondern nur Regelstandards. Damit nehmen sie offenbar in Kauf, dass manche Schüler diese Standards unterlaufen.

Die Bildungsstandards sollen weiterentwickelt werden. Somit werden vermutlich zu den Regelstandards Mindeststandards und Idealstandards treten.

Ist Ihr Institut nicht viel zu klein für die vielen Anforderungen?

Wir sind in der Tat im internationalen Vergleich klein. Die entsprechende Einrichtung in den Niederlanden hat 400 Planstellen, wir haben im IQB 18 bis 20. Andererseits haben wir durch den Föderalismus aber auch zusätzliche Qualitätsagenturen in den Ländern und die Landesinstitute für Schule. Insgesamt sind wir also durchaus konkurrenzfähig.

Was kann Deutschland gleichwohl vom Ausland lernen?

Vieles. Wir sind zum Beispiel noch weitgehend unerfahren darin, bei Vorschulkindern Kompetenzen festzustellen, auch im Hinblick auf Schulreife und Früherkennung von Förderbedarf. Wir können auch vom Ausland lernen, wie man Werkzeuge bereitstellt, mit denen einzelne Schulen ihre Schüler selbst evaluieren können.

Viele Lehrer befürchten, sie würden nun gezwungen, ihre Schüler nur noch auf Vergleichsarbeiten vorzubereiten, während pädagogische Lernziele vernachlässigt werden. Man werde zu einem „teaching to the test“ gezwungen.

Diese Gefahr ist natürlich gegeben. Wir versuchen deshalb, Aufgaben für den Unterricht zu entwickeln, die selbstreguliertes, kooperatives und interkulturelles Lernen fördern – ohne dass wir den Anspruch haben, all diese Kompetenzen auch hinterher en detail überprüfen zu wollen.

Die Lehrer werden ihre Schwerpunkte aber dort setzen müssen, wo auch tatsächlich geprüft wird.

Ja, aber wenn im Unterricht regelmäßig mit kompetenzorientierten Aufgaben gearbeitet wird, werden die Schüler gegenüber dem jetzigen Schulalltag trotzdem profitieren.

Zensuren stehen in unterschiedlichen Klassen für unterschiedliche Leistungen – auch das legen die Standards offen. Im Grunde müsste doch fortan jede Note mit einer bestimmten Kompetenzstufe der Standards korrelieren. Dann fiele aber die gesamte pädagogische Funktion von Zensuren weg. Wie kann man damit umgehen?

Für die pädagogische Arbeit ist es gar keine Frage, dass der beste Schüler in einer Klasse weiterhin ein „Sehr gut“ bekommen muss, der schwächste ein „Mangelhaft“. In unterschiedlichen Klassen und Schulen werden hinter derselben Note dann weiter unterschiedliche Leistungen stehen. Konsequenzen muss diese Einsicht aber bei den Abiturnoten haben. Hier kann es um Vor- oder Nachteile beim Zugang zur Universität gehen. Ich bin deshalb dafür, dass die aufnehmende Institution, also die Universität, in zusätzlichen Tests Informationen über die Leistungsfähigkeit der Bewerber gewinnen muss. Dann nimmt man das Problem der begrenzten Aussagekraft von Zensuren aus der Schule heraus.

Das Gespräch führte Anja Kühne.

Olaf Köller , 42, ist Professor für Empirische Bildungsforschung. Er leitet das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen an der Humboldt-Universität Berlin.

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