Insolvenzen : Der Bankrotterklärer

Er hat es selbst erlebt: Firma am Ende, dann Insolvenz. Jetzt hilft er anderen, das durchzustehen. Attila von Unruh hat einen Gesprächskreis gegründet: die „Anonymen Insolvenzler“. Und seit Krise ist, ist er damit voll beschäftigt

Marc Neller[Hamburg Köln]

Mit hastigen Schritten, die Laptoptasche in der Hand, erreicht er das Gate und verschwindet in der Gangway, ein hagerer, hoch aufgeschossener Mann im schwarzen Anzug, dessen lange Beine ihm etwas Storchenhaftes verleihen. Vor ihm auf dem Rollfeld steht abflugbereit die Maschine, die ihn zurückbringt nach Köln-Bonn. Und hinter ihm liegt wieder einer dieser Tage, an denen er geholfen hat, die Probleme des Landes zu lösen.

Attila von Unruh, 47 Jahre alt, haupt beruflich freier Unternehmensberater, wohnhaft in Ruppichteroth bei Köln, war mal Teilhaber einer gut laufenden Eventmarketing-Agentur, die hunderttausende Euro ausgab für Promotionpartys, zu denen DJs aus Japan eingeflogen wurden. Aber irgendwann begann von Unruh sich nach mehr Sinn zu sehnen, er wollte eine Beratungsfirma gründen, und so verkaufte er die Eventagentur. Doch die Käufer gingen pleite, und dann stand die Bank auch vor seiner Tür, alte Darlehensbürgschaften waren der Grund, es ging um 300 000 Euro. Seine Beratungsfirma entstand zwar trotzdem, aber langsam, gebremst und gestaucht durch die Schuldenlast. 2005 war von Unruh dann zahlungsunfähig. Eben noch hatten er und seine Frau auf Bali Urlaub gemacht, auf einmal überlegten sie, ob sie das Auto nur halb voll tanken sollten.

Sie war zudem schwanger mit der ersten Tochter, er mit einer Frage, die ihn nachts aufwachen ließ und auf die er keine Antwort mehr fand: Was wird?

Attila von Unruh meldete Privatinsolvenz an, lebt mit der Familie seitdem gemäß Pfändungstabelle, und er ist zum landesweit gefragten Experten für Scheiternsbewältigung geworden – mit einer Dienstleistung, die es so bisher nicht gab.

Seit 2007 bietet von Unruh einen Gesprächskreis für Unternehmer an, die pleite sind oder vor der Pleite stehen. „Anonyme Insolvenzler“ heißt der Kreis, Teilnahme kostenlos, erst gab es den nur in Köln, jetzt auch in Hamburg, er hat feste Termine, und bei denen wird es immer voller. Denn seit im Herbst die Krise zurück nach Deutschland kam, steigt die Zahl der Firmenpleiten wieder, die davor lange rückläufig war.

Von Unruh ist, wenn man so will, eine ehrenamtliche Seelenauffanggesellschaft für Pleitiers. Er selbst würde das nie so sagen. Es wäre ihm, dem ernsthaften Mann, in dessen Gesicht, lang und schmal wie der restliche Körper, sich tiefe Furchen gegraben haben, zu flapsig. Er versteht sich als Lobbyist von Menschen, die ihr Scheitern zu Beladenen einer Leistungsgesellschaft gemacht hat, der sie jahrelang aus Überzeugung angehört haben und die sie plötzlich abstößt, weil sie eine Norm verletzen: Sie haben aufgehört zu funktionieren.

Scheitern ist in Deutschland vielleicht eines der letzten Tabus. Wer sich nach einer Insolvenz wieder berappeln will, hat es schwer. Viele Banken gewähren keinen Kredit mehr, der nötig wäre, um eine neue Firma aufzubauen, neue Waren, Maschinen zu kaufen. Die Entschuldung dauert sechs Jahre. Dazu kommt das Stigma der Niederlage, denn selten bleibt eine Pleite geheim. Eine Pleite kann sehr einsam machen.

Ein kalter Abend 2009, Attila von Unruh sitzt in einem Kölner Café; in gut einer Stunde treffen sich die „Anonymen Insolvenzler“ wieder. Er hat in den vergangenen Tagen sehr viele Anfragen aus Dortmund, Frankfurt, Berlin bekommen. Schuldenberatungsstellen aus ganz Deutschland melden sich nun bei ihm. Ob man nicht zusammenarbeiten könne? Von Unruh ist dabei, einen Verein zu gründen, und er verhandelt mit der Stiftung einer Bank, die ihn angesprochen hat. Wenn die bei der Finanzierung hilft, kann er mit seiner Krisendienstleistung in weitere Städte gehen. Sie soll kostenlos bleiben.

Tor 28, ein Kulturzentrum in einem Hinterhof, nur wenige Gehminuten vom Hauptbahnhof gelegen. Pastellfarbene Auslegeware, gelbe und orangefarbene Wände. Sonst werden hier schamanische Energiearbeit, Tantraakademie, Tanz angeboten; an diesem Abend geht es um Existenzen am Abgrund.

In einem schlichten Raum im ersten Stock, Klassenzimmergröße, sitzen sechs Männer und drei Frauen auf Klappstühlen im Kreis. Von Unruh hat einen Insolvenzverwalter eingeladen, es ist ein Experiment. Er hofft, dass es seinen Leuten hilft, dass sie Erklärungen, Einblicke in die komplizierten Abläufe eines Insolvenzverfahrens bekommen, die ihnen weiterhelfen, statt ihnen die mühsam zusammengeklaubten Überreste ihres Mutes zu nehmen. Nicht alle in diesem Raum haben gute Erfahrungen mit Insolvenzverwaltern gemacht.

Im Grunde ist der Insolvenzverwalter ein einziges Missverständnis. Entweder die Unternehmer vertrauen ihm nicht, weil sie wissen, dass so manche Rettung an den mangelnden Fähigkeiten eines Verwalters gescheitert ist. Oder sie wollen in ihrer Ohnmacht glauben, dass er immer erklärt, was er als Nächstes mit ihrer Firma zu tun gedenke. Manche sehen einen Erlöser in ihm, der retten wird, was oft nicht mehr zu retten ist, kurz: dass er für sie das Beste will. Stattdessen will er das Beste für die Gläubiger. Und Rechenschaft ist er nur dem Gericht schuldig, das ihn bestellt. Das muss man wissen. Viele wissen es aber nicht.

Von Unruh erklärt noch ein paar Regeln. Erstens, Vertraulichkeit. Zweitens, sag nicht „man“, wenn du „ich“ meinst. Drittens, gib den anderen nicht das Gefühl, dass du auf sie herabblickst. „Wir begegnen uns hier auf Augenhöhe.“

Rechts von ihm sitzt ein Paar, von Unruh kennt dessen Sorgen, sie hatten telefoniert. Er bittet um Fragen, schreibt auf ein Flipchart. Er sorgt dafür, dass alle zu Wort kommen. Anfangs geht es um Insolvenzplanverfahren; der Verwalter rät ab, zu teuer. Herr Klein, so heißt der Verwalter, ist ein sachlicher und doch jovialer Mann, er geht auf die 50 zu. Es dauert nicht lang, bis einer die heikle Frage stellt: Kann man dem Insolvenzverwalter trauen?

Herr Klein setzt gerade zu einer Antwort an, da kommt ihm ein knorriger älterer Herr, Steinmayr, Karl, ein Bayer, zuvor. „Bloß nicht“, sagt Steinmayr und, schon etwas lauter, eine Grundregel sei, sich keinen Insolvenzanwalt zu nehmen, der nicht mindestens 50 Kilometer vom Gerichtsort entfernt wohne. „Diese Insolvenzverwalter“, Steinmayrs Stimme schwillt an, „sind doch alle miteinander verfilzt.“

Steinmayr war 60, als er mit seiner IT-Firma in den Ruin trudelte. Er sagt, es hätte ihn auch die Familie kosten können. Er ertrug die Schmach des Scheiterns nicht, deshalb hat er es gleich noch einmal versucht. Ein halbes Jahr später war er wieder im Geschäft.

Es ist eine dieser Überlebensgeschichten, wie auch die von Attila von Unruh eine ist. Und der hofft, dass sie den anderen in der Gruppe Mut machen.

Als Herr Klein sich sortiert hat, lächelt er fein, die Gegenfrage sei ihm gestattet. „Kann man denn den Unternehmern trauen?“ Er für seinen Teil lasse es lieber nicht darauf ankommen. Er besorgt sich Auskünfte von Banken und fragt Mitarbeiter, ob beim Chef alles immer mit rechten Dingen zugegangen sei. Wenn dann alles zusammenpasse, könne er dem Unternehmer vielleicht trauen.

Für das Paar rechts neben von Unruh ist das alles neu. Ein Mann mit halblangem Haar, in Jackett und Jeans, er ist der Unternehmer. Die Frau an seiner Seite ist sein Beistand. Er hat zwei Stunden lang aufmerksam zugehört, ungläubig den Kopf geschüttelt oder sarkastisch gelacht. Vielleicht ist dieser Abend nur ein schlechter Traum, aus dem er wieder erwachen wird. Noch gibt es seine Firma.

„Wann sollte man den Insolvenzantrag stellen?“, fragt er.

„So früh wie möglich“, sagt der Verwalter, auf keinen Fall zu spät. „Sonst machen Sie sich persönlich strafbar.“

Wann genau das ist, das kann er nur im Einzelfall sagen. Sehr häufig ist es schon zu spät, wenn sich ein Firmenchef dazu durchringt, um Hilfe zu rufen. Wochen, vielleicht Monate hat er es vermieden – aus Scham, Angst vor der Bloßstellung oder aus Selbstüberschätzung.

Kurz nach der Erkenntnis, dass die Insolvenz nicht zu verhindern sei, wenn das Entsetzen noch frisch ist, das hatte von Unruh in einem der Vorgespräche beim Kaffee gesagt, gebe es eine Verlockung. Und kaum jemand widerstehe ihr. Die Verlockung der Schuldzuweisung. Hier die armen Opfer, dort die bösen Banken und die bösen Insolvenzverwalter. Ein letzter Versuch des Unternehmers, einen Schutzwall gegen die Macht zu errichten, mit der das eigene Versagen das Selbstwertgefühl zu ramponieren droht.

„Es gibt diese Fälle“, sagt von Unruh „in denen es jemanden ohne eigenes Zutun trifft. Aber sie sind auch nicht die Regel.“ Er hatte von Unternehmern, die pleitegingen, immer geglaubt, sie könnten einfach nicht mit Geld umgehen. Bis er ein Fall wie so viele andere war.

In der Woche nach dem Abend im Tor 28 ist er zwei Tage in Hamburg, um Partner, vielleicht sogar Verbündete zu finden. Das Land kann seine Dienste demnächst vielleicht gut gebrauchen. Aus der Finanzkrise ist längst eine Wirtschaftskrise geworden, und die Wirtschaftsforscher stellen düstere Prognosen. Große Opfer heißen Märklin oder Schiesser, die kleinen kennt man nicht namentlich. Die Frage ist nicht, ob es Firmenpleiten geben wird, sondern wie viele.

Von Unruh fährt zu einer Schuldnerberatungsstelle, es ist der dritte Termin in der Stadt. Er erhofft sich Ansprechpartner, Kontakte. Sein Gesprächskreis wird zu groß für ihn allein. Die Hamburger Gruppe leitet eine Freundin, eine Psychotherapeutin. Aber er hat nicht überall Freunde, wo Firmen schließen.

Der Marketing-Mann, der er einmal war, hilft ihm jetzt. Seine alten Reflexe funktionieren. Es tut ihm gut zu sehen, dass sein Angebot solch großen Zuspruch findet.

Er hat jetzt auch noch ein Konzept für eine Fernsehserie zum Thema Insolvenz entworfen. Mit ihm als Moderator. Neu ist das nicht. Es gibt bei RTL den Fernsehschuldnerberater Peter Zwegat. Jeder hat seinen Stil, sagt von Unruh, er will nicht urteilen. Aber wer ihn öfter erlebt hat, kann sich denken, dass ihm die laute Retterattitüde nicht liegt. Er verhandelt gerade mit einer Produktionsfirma.

Am Morgen war ein Treffen mit zwei Projektleitern einer Unternehmensberatung, die im Auftrag der Hamburger Wirtschaftsbehörde eine Art Telefonseelsorge und Schuldnerberatung für verzweifelte Manager und Unternehmer anbietet. Die Beratung ist kostenlos, ein Teil des Geldes kommt aus dem Europäischen Sozialfonds. „Wir haben richtig, richtig viel zu tun“, hat der Projektleiter gesagt. Die Rezession mache sich bemerkbar. Vier Berater seien an fünf Tagen in der Woche in der Leitung, das Telefon stehe nicht still.

Gut eine Stunde später streckt ihm im ersten Stock eines rußgeschwärzten Klinkerbaus ein Mann Mitte 30 mit rundem Gesicht und fliehendem Kinn die Hand zur Begrüßung hin. Er stellt sich als Geschäftsführer vor, bittet an einen Konferenztisch, kommt zur Sache. „Wir beraten Schuldner, wie Sie ja wissen. Was Sie tun, ist wirklich sehr interessant. Ich habe heute unseren Anwalt hinzugebeten. Wir könnten uns vorstellen, dass er vielleicht auf einem Ihrer Abende uns mal vorstellt.“

„Verlangen Sie Geld für die Beratung?“, fragt von Unruh zurück.

Auf dem Weg zurück in die Stadt wirkt er nachdenklich. Seine Idee wird bekannter. Es nutzt ihm, weil es Türen öffnet bei denen, die er einbinden will in sein Auffangnetz. Aber er ist an einem heiklen Punkt angelangt. Es sind nicht mehr nur gestrauchelte Unternehmer, die von Unruh in zunehmend größerer Zahl anrufen. Auch die Anfragen von Finanzfirmen, die gern einmal einen Berater in seinen Gesprächskreis schicken würden, „ganz unverbindlich“, häufen sich. Sein Kreis als Verkaufsplattform? Nie.

Seine Pleite ist sein Kapital. Er hat selbst erlebt, was die Leute durchmachen, die sich in ihrer Not an ihn wenden. Das macht ihn glaubwürdig. Er hätte viel zu verlieren, einen Ruf, wenn er dieses Vertrauen enttäuscht. Das alles weiß er. Er berät Firmen, davon lebt er.

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