Integration : Erdogans Anmaßung Von Tissy Bruns

Es ist nahe liegend, dem Besuch des türkischen Ministerpräsidenten in Deutschland eine gemischte Bilanz auszustellen. Tayyip Erdogans Worte in Ludwigshafen haben gegen eine aufgeladene Stimmung geholfen; sie waren geprägt von dem Geist, den das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft braucht. Sein Auftritt in der Kölner Sportarena hingegen muss befremden. Jedenfalls die Deutschen und Türken, die Integration wollen. Die deutschen und türkischen Minderheiten in Deutschland, die sich von Ressentiments leiten lassen, werden sich in ihren Szenarien der Angst, Feindseligkeit und gegenseitigen Verachtung hingegen bestätigt sehen.

Tatsächlich hat es einen offiziellen Besuch wie diesen in Deutschland noch nicht gegeben. Der Gast drängt auf die Beteiligung türkischer Ermittler in Ludwigshafen. Als er vorschlägt, in Deutschland türkische Schulen und Universitäten einzurichten, steht eine darauf sichtlich nicht vorbereitete Bundeskanzlerin neben ihm. Dem Wunsch nach Ermittlungsbeteiligung ist die deutsche Seite (die das nicht hätte müssen) klug entgegengekommen, den türkischen Schulen und Universitäten hat sie milde widersprochen. Der Gastgeber Deutschland war also höflich, die deutsche Öffentlichkeit sollte es keinesfalls sein. Mit solchen Forderungen öffentlich herauszuplatzen, ohne sie vorher auszuloten, das ist für sich genommen ungewöhnlich genug. Im Licht der Veranstaltung von Köln, die im Stil einer Parteikundgebung abgehalten wurde, entsteht ein gänzlich unerfreulicher Eindruck. Nämlich der, dass der türkische Ministerpräsident sich als Repräsentant der in Deutschland (und im sonstigen Europa) lebenden Türken versteht: Türken gewissermaßen als Staat im anderen Staat. Erdogans Anmaßung gipfelte in der Sportarena in einem umjubelten Ausruf: Assimilierung sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Er war ein schrilles Dementi seiner Aufrufe zur Integration.

Assimilierung ist ein Wort von unheimlicher Kraft. Wer als Minderheit in einer anderen Kultur lebt, hört seinen bedrohlichen Klang, die Aufforderung zur Aufgabe der Wurzeln. Assimilierung erinnert an das Schicksal der deutschen Juden des 19. und 20. Jahrhunderts, deren Kinder und Kindeskinder keine Anpassung vor Verfolgung und Mord geschützt hat. Wo zugewanderte oder ansässige Bevölkerungsgruppen hingegen in einer anderen Kultur aufgehen, in Prozessen, die sich über Generationen und Jahrhunderte strecken, ist der Vorgang irgendwann keiner Rede mehr wert. Assimilierung hat dann, meist unter Schmerzen, stattgefunden, in Britannien zum Beispiel oder in den „klassischen“ Einwanderungsländern USA und Kanada. Sie hat sich in Deutschland zuletzt vollzogen, als eine halbe Million polnischer Bergarbeiter ins Ruhrgebiet gekommen ist.

Assimilierung stellt sich nach langer erfolgreicher Integration ein – oder eben nicht. Nur Despoten können sie verlangen. In einer aufgeklärten Demokratie kann sie kein von oben postuliertes Ziel sein. Weil das so ist, fordert von rechts bis links keine politische Kraft von den hier lebenden türkisch-stämmigen Bürgern, dass sie ihre Wurzeln kappen, ihre Religion aufgeben sollen. Das weiß der türkische Ministerpräsident. Schon deshalb war der Kölner Satz eine demagogische Unverschämtheit. Noch mehr aber, weil er die Ängste vieler Türken vor unvermeidlichen Veränderungen kennt, die Traditionen infrage stellen und Anpassungen verlangen, an die Moderne, die Globalisierung, an Europa. Diese Ängste gibt es nicht nur in Deutschland oder anderen europäischen Ländern, in denen viele türkische Migranten leben. Sondern eben auch in der Türkei selbst, die Erdogan nach Europa öffnen muss.

Will Erdogan, der nach Europa will, in Berlin-Neukölln eine Türkei konservieren, die sich in Istanbul nicht mehr konservieren lässt? Das Projekt hätte leider keine schlechten Aussichten. Mit der Autorität seines Amtes hat Erdogan vor einer unverlangten Assimilierung gewarnt – und damit eine Verweigerung bestärkt, die, zum Nachteil der vielen Migrantenkinder, längst zum größten Integrationshindernis geworden ist.

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