Zeitung Heute : „Integration ist die beste Werbung“ Cem Özdemir über Chancen für die Türken in Deutschland

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CEM ÖZDEMIR (38)

ist ehemaliger

Bundestagsabgeordneter der Grünen. Der studierte Sozialpädagoge kandidiert in diesem Jahr für das

Europaparlament.

Foto: ddp

Herr Özdemir, was würde ein türkischer EU-Beitritt für die Integration der Türken in die deutsche Gesellschaft bedeuten?

Es macht einen erheblichen Unterschied, ob man aus einem Land stammt, das zur europäischen Familie gehört oder nicht. Wenn ich aus einem Land komme, das viele als fremd betrachten, dann leidet auch mein Ansehen in dieser Gesellschaft darunter. Darunter leiden viele Türken hier.

Die Regierung Erdogan hat beteuert, sie unterstütze die Integration der hier lebenden Türken. Glauben Sie das?

Die traditionelle türkische Politik sah so aus, dass man die Türken hier als Lobby betrachtet hat, die auf Knopfdruck in Berlin mit türkischen Fahnen demonstriert. Erdogan hat zum ersten Mal erkannt, dass die Türkei davon überhaupt nichts hat. Das ist die richtige Richtung: Keine isolierte türkische Minderheit, sondern eine gut integrierte Gruppe, die sich als Teil der Bundesrepublik Deutschland fühlt, natürlich auch mit engen Bindungen zur Türkei.

Würde die türkische Regierung damit ein Druckmittel aus der Hand geben?

Im Gegenteil. Eine türkische Community, die sich einbürgern lässt, ein Wahlrecht und eine gute Ausbildung besitzt, das ist die beste Werbung für die Türkei in Europa.

In der Öffentlichkeit wird die Türkei häufig mit radikalen türkischen Muslimen in Deutschland gleichgesetzt. Müsste die türkische Regierung mehr dagegen tun?

Es war ja nicht die türkische Regierung, die Herrn Kaplan hier zu verantworten hat. Es sind kleine, isolierte Minderheiten, die hier entstanden sind. Wenn man Herrn Kaplan und seinen Konsorten das Handwerk legt, dann sind die Muslime in Deutschland sicherlich am glücklichsten darüber.

Die türkische Bevölkerung knüpft hohe Erwartungen an einen EU-Beitritt. Lassen sich diese überhaupt erfüllen?

Viele rechnen mit einem schnellen Beitritt der Türkei. Das wird aber noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Gegenüber der Türkei muss man klar machen, dass auch nach der Aufnahme von Beitrittsgesprächen das Reformtempo nicht erschlaffen darf. Es muss noch sehr viel getan werden. Ich denke zum Beispiel an die Verteilungsgerechtigkeit innerhalb der Türkei. Die Türkei ist im Grunde so etwas wie eine Mischung aus der Schweiz und Bangladesch. Hier muss es zu einer Angleichung der Lebensstandards kommen. Das ist ein Prozess, der mindestens eine Dekade in Anspruch nehmen wird.

Auch wenn es Beitrittsgespräche geben wird: Besteht nicht die Gefahr, dass die Kriterien überhaupt nicht zu erfüllen sind?

Wenn die Beitrittsverhandlungen beginnen, dann wird auch aus der hiesigen türkischen Community ein Druck entstehen, damit es mit den Reformen in der Türkei weitergeht. Probleme aus der Türkei wurden bisher eins zu eins übertragen. Ich denke zum Beispiel an die Kurdenfrage oder Menschenrechtsfragen. Diese Fragen wurden in der Türkei endlich enttabuisiert. Deshalb wird es künftig einfacher, gemeinsam für gemeinsame Interessen einzutreten.

Das Gespräch führte Fabian Leber.

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