Integration : Wer sind die Deutschtürken?

Zwischen Dönerbude und Literaturpreis, zwischen Hartz IV und Hochschule: Wer dieses Leben kennenlernen will, der lernt sehr viele kennen.

Caroline Fetscher
deutschtürken
Viel zu tun: Zwischen Dönerbude und Literaturpreis, zwischen Hartz IV und Hochschule: Gut zwei Millionen Deutschtürken leben...Foto: ddp

WOHER KOMMEN DIE DEUTSCHTÜRKEN?



Ende Oktober 1961 unterzeichneten die Türkei und Deutschland einen so genannten „Anwerbevertrag“ für Gastarbeiter. Hunderttausende, vor allem aus dem ländlichen Osten Anatoliens, machten sich auf den Weg ins wohlhabende Industrieland. Am Fließband in Duisburg oder Dortmund, Hamburg und Stuttgart wollten sie genug Geld verdienen, um reicher zurückzukehren, als sie gekommen waren. Zehn Jahre danach, 1971, lebten bereits 650 000 Türken in Deutschland. Aus Bauern und Schafhirten wurden Metallarbeiter und Palettenstapler, und die Bedingungen, unter denen sie im „Bitterland Almanya“ lebten, wie ein deutschtürkischer Autor 1984 schrieb, waren hart. Trotzdem fassten im Lauf der Zeit viele den Entschluss, anders als das Gastland und auch ihre Familien selber es vorgesehen hatten, sich dauerhaft hier niederzulassen.

Kein Demoskop hätte 1961 prognostiziert, dass drei Generationen später knapp drei Millionen aus der Türkei stammende Einwohner eine feste Bevölkerungsgröße in Deutschland sein würden. Seit 1991 stehen Türken, nach Ex-Jugoslawen, bei der Zahl der Einbürgerungen an der Spitze der Statistik: 1990 erhielten 2 034 die deutsche Staatsbürgerschaft, 1995 betrug diese Zahl 31 578, und 1999 sah mit 103 900 einen Boom der Einbürgerungen von Türken. Seit dem Jahr mit der bisher höchsten Quote geht die Zahl jährlich leicht zurück.

WIE LEBEN DIE DEUTSCHTÜRKEN?

Dauernde Debatten um die mehr oder minder gelingende Integration türkischer Zuwanderer können der Öffentlichkeit suggerieren, es finde seit Jahrzehnten eine wahre Invasion statt. Tatsächlich sind von den 82 500 000 Einwohnern der Bundesrepublik 1 877 660 Türken, als größte Minderheit mit weitem Abstand gefolgt von italienischen Staatsbürgern. Nicht genau bekannt ist die Zahl der illegal zugezogenen Arbeitsmigranten und Flüchtlinge. Es sind die urbanen Ballungsgebiete, in denen die mit Abstand größte Anzahl ausländischer Bürger lebt. Zechen und Industriekonzerne im Ruhrgebiet zogen türkische Arbeiter an. In Köln lebt die größte türkische Gruppe mit 72 033 Migranten, so dass Harald Schmidt am Donnerstag in seiner Show den Witz machen konnte: „Ministerpräsident Erdogan will türkische Schulen in Deutschland? Der sollte mal nach Köln kommen, hier sind die fast alle schon türkisch!“ In Städten wie Duisburg kommen knapp 12 Prozent der Einwohner aus der Türkei und machen dort 60 Prozent der ausländischen Bevölkerung aus. Nach Nordrhein-Westfalen, wo insgesamt 676 220 Türken leben, ist Baden-Württemberg mit 315 600 türkischen Einwohnern das Bundesland mit dem zweitgrößten türkischen Bevölkerungsanteil. In Berlin, wo in Kreuzberg oder Neukölln ein vergleichsweise hoher Anteil türkischer Staatsbürger lebt, wohnen jedoch insgesamt nur 120 684 Menschen mit türkischem Pass. Gut 80 Prozent der Erwachsenen in der Community sind verheiratet – mehr als ethnische Deutsche. Rund 35 Prozent der Türken in Deutschland ordnet das Statistische Bundesamt der sogenannten „Armutsgefährdungsquote“ zu, Haushalten also, die von extrem niedrigen Einkommen leben und/oder Transferleistungen wie ALG II und Wohngeld beziehen. In einem durchschnittlichen ethnisch deutschen Haushalt leben 2,5 Personen, in einem türkischen in Deutschland 3,8. Im Gegensatz zur deutschen Gesamtbevölkerung wachsen in dieser Community viele Kinder auf, deren Bildungsniveau alarmierend unter dem Durchschnitt liegt. Beispiel Berlin: Hier bestehen etwa 8,5 Prozent der türkischen Schüler das Abitur, unter den Deutschen sind es knapp 35 Prozent. Ein Drittel aller Schüler aus türkischer Familie schafft sogar überhaupt keinen Schulabschluss – knapp ebenso viele sind bei den Jobcentern als Arbeitslose registriert.

In der Bildungsmisere und in der bei traditionellen türkischen Familien weit verbreiteten häuslichen Gewalt gegen Kinder sehen Fachleute die Ursachen für die katastrophale Lage einer am Horizont auftauchenden „lost generation“. Zu deren Inbegriff wurde der in München-Neuperlach 1984 geborene türkische Intensivtäter Muhlis A., genannt „Mehmet“, der derzeit gerade wieder auf der Flucht vor der deutschen Justiz ist. Bis zu seinem 14. Geburtstag füllte seine Akte beim Staatsanwalt Material zu 60 Gewalttaten, Diebstählen und Erpressungen. 1998, nach seiner 62. Straftat, wurde er in die Türkei abgeschoben.

Aber auch die alternden Türken in Deutschland geraten allmählich in den Blick der Gesellschaft. Fern von der ursprünglichen Lebenswelt gehen immer mehr von ihnen in Deutschland in Rente oder werden, nach Jahren harter körperlicher Arbeit, pflegebedürftig, ohne dass jedoch die Konzepte der Fürsorglichkeit einer ländlichen Großfamilie greifen können. Die Generationen gehen jede ihre eigenen Wege, neben der Entfremdung zwischen Alten und Jungen wächst die der Alten von der „neuen Welt“. Neunzig Prozent ihrer Tagesgäste seien depressiv, sagte die Altenpflegerin Yesiyurt Karakurt, die in einer Tagespflegestätte für türkische Rentner im Moabiter Krankenhaus in Berlin arbeitet, dem „Spiegel“. Sozialexperten erkennen hier wachsenden Handlungsbedarf.



WIE HOMOGEN IST DIE COMMUNITY?

Die „Deutsch-Türken“ gibt es nicht. Nicht nur, weil eine Untergruppe von ihnen kurdisch ist, und damit zur Minderheit in der Minderheit gehört. Deutschtürken sind weder durchweg auf den gemeinsamen Nenner „Unterschicht“ zu bringen noch auf ein Merkmal wie „kriminell“ zu reduzieren. Heute ist ein guter Teil der Mehrheitsgesellschaft stolz auf erfolgreiche, in Deutschland lebende Migranten mit türkischem Hintergrund. Ihnen ist der Name des Reiseunternehmers Vural Öger ein Begriff, sie kennen Schriftsteller wie Feridun Zaimoglu oder Emine Sevgi Özdamar, Akif Pirincci, Fakir Baykurt, den Filmregisseur Fatih Akin oder die Schauspielerin Renan Demirkan. Öger, geboren 1942 in Ankara, ist Träger des Bundesverdienstkreuzes, Demirkan, Jahrgang 1954, wurde ebenfalls damit ausgezeichnet. Der 44-jährige Zaimoglu erhielt für seine Werke unter anderem den Hebbel-Preis und den Grimmelshausen-Preis, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ feierte seinen Roman „Leyla“ auf einer ganzen Seite. Özdamar, zwanzig Jahre älter als er, ist unter anderem Kleist-Preisträgerin, und auch Akin, Jahrgang 1973, kann sich vor Ehrungen kaum retten: Goldener Bär, Bayerischer Filmpreis, Europäischer Filmpreis, Grimme-Preis, Karlsmedaille für europäische Medien und einige Preise mehr.

Mit einer solchen Immigranten-Elite, gebildet, kreativ, bilingual, risikofreudig, reflektiert, lässt sich, so der generelle Konsens, Staat machen. Und eine weitere Elite von Deutsch-Türken wirkt längst direkt am Staat mit. Zu ihr zählen die Politiker Lale Akgün (SPD), der Schwabe Cem Özdemir (Grüne) und Emine Demirbüken-Wegner oder Bülent Arslan (beide CDU). Einflussreich im Hintergrund tätig sind zudem Akademiker wie der Potsdamer Pädagogik-Professor Haci-Halil Uslucan, Berater in Innenminister Schäubles Islamkonferenz. Ebenso gibt es inzwischen viele türkischstämmige Sozialarbeiter, Lehrer, Ärzte und Anwälte, Gewerbetreibende, Handwerker und Dienstleister.

Doch neue Elite und Mittelschicht sind vergleichsweise klein. Wo gewissermaßen über Nacht aus Schafhirten Industriearbeiter wurden, markieren krude biografische Brüche das gesellschaftliche Gelände. So musste sich die Masse der türkischen Einwanderer in den Ballungsgebieten quasi neu erfinden – und das ist bisher erst auf halbem Wege gelungen. Galten in der Herkunftskultur die tradierte Zweitrangigkeit der Frau, Gewalt in der Erziehung und Ehrenkodices, die sogar Morde an „abtrünnigen“ Verwandten sanktionieren, als normative Orientierung, verstößt all dies im modernen, demokratischen Rechtsstaat gegen das Gesetz – und wurde allzu lange von der deutschen Justiz bagatellisiert. Viele, denen ökonomischer Erfolg versagt blieb, zogen sich in der Rezession und auch nach dem elften September zunehmend auf religiöse und traditionelle „Werte“ zurück, die der Integration wie Straßenblockaden im Weg stehen.

Lehrer und Eltern klagen zum Beispiel darüber, dass türkischstämmige Schülerinnen und Schüler, für die frühe Kontakte zu Gleichaltrigen mit der Muttersprache Deutsch essentiell wären, oft von Geburtstagsfesten und Besuchen in deutschen Familien ferngehalten werden. Dies geschehe, hören sie, aus Furcht vor zu viel Kontakt mit „Almanya“. In deutschen Familien drohen ihren Kindern ihrer Meinung nach Gefahren wie Verzehr von Schweinefleisch, Konsum von Alkohol, Kontakt zu Hunden (die im Islam als unrein gelten), offenes Sprechen über Sexualität und gewaltfreie Erziehung, das freie Zusammensein von Jungen und Mädchen, die mögliche Anwesenheit von Lesben, Schwulen, unverheirateten Paaren, allein stehenden Frauen („Prostituierte“), das Kennenlernen eines freieren, generell weniger hierarchischen Stils im Umgang der Generationen und Geschlechter miteinander.


WO SIND SIE ZU HAUSE, WAS IST IHRE IDENTITÄT?

„Deutschländer“, „Almanciler“ nennt man die auffällig „deutsch“ gewordenen Landsleute in der Türkei. Den Begriff „Deutschtürken“ hat unsere Gesellschaft für die hier lebenden Türken geprägt. Für sich selbst hat diese Gruppe offensichtlich bisher noch keinen Entwurf entfaltet, der jenseits der leeren Schlagworte „Integration“ oder „Assimilation“ einen politisch bewussten, emotional glücklichen Weg aufzeigt. Insgesamt ist die hier lebende Gruppe – was typisch für jede Diaspora der Welt ist – konservativer und schwerer beweglich als ihre Landsleute im Ursprungsland, in der Türkei selbst. Aber konstruktiver Wille vieler Seiten ist trotz der Zerklüftungen spürbar, nicht zuletzt seit das Innenministerium mit der Islamkonferenz und das Kanzleramt mit dem Integrationsgipfel eine Plattform hergestellt haben, auf der auch die Türken als größte Migrantengruppe sich umfassender und regelmäßiger als zuvor Gehör verschaffen können.

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