Integrationspolitik : Bildung ist der Schlüssel

Das WZB vergleicht den Umgang mit kultureller Vielfalt in 14 Ländern. Deutschland schneidet nicht schlecht ab – doch zum Jubeln ist es zu früh.

Ruud Koopmans

Angela Merkel erklärte vor einigen Jahren „Multikulti“ in Deutschland für „absolut gescheitert“. Neuere Studien zeigen, dass die Analyse der Bundeskanzlerin den Fakten nicht entspricht. Deutschland betrieb nämlich nie eine multikulturelle Integrationspolitik. Außerdem steht es bei der sozialen und kulturellen Integration von Zuwanderern im Vergleich zu anderen europäischen Ländern gar nicht schlecht da – auch ohne multikulturelle Integrationspolitik. Wie passt das zusammen?

Zu der Frage, ob eine solche Politik in Deutschland verfolgt wurde und ob diese gescheitert ist, mangelt es nicht an Behauptungen in die eine oder andere Richtung. Was fehlt, sind zuverlässige Informationen, um die deutsche Integrationspolitik im Vergleich zu anderen Ländern evaluieren zu können. Das wird erstmals ermöglicht durch eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) zum Umgang mit kultureller Diversität in zehn westeuropäischen und vier außereuropäischen Zuwanderungsländern im Zeitraum seit 1980.

Erfasst wurden 23 Indikatoren, unter anderem kulturelle und sprachliche Anforderungen für Einbürgerung und Heiratsmigration, die Akzeptanz der doppelten Staatsbürgerschaft, muttersprachlicher Unterricht an Schulen, positive Diskriminierungsmaßnahmen für Mitglieder ethnischer Minderheiten wie Quotenregelungen, die Akzeptanz von Kopftüchern und islamischem Religionsunterricht an öffentlichen Schulen sowie die Zahl islamischer Schulen und Moscheen. Wie die Grafik zeigt, gehört Deutschland zu den Ländern, die sehr zurückhaltend bei der Verleihung multikultureller Rechte an Zuwanderer sind.

So stellt die Bundesrepublik relativ hohe sprachliche Anforderungen, erlaubt keine doppelte Staatsangehörigkeit, der Islam ist nach wie vor nicht gleichberechtigt mit den christlichen und jüdischen Religionen als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt und in den meisten Bundesländern dürfen Lehrerinnen kein Kopftuch tragen. Nur Dänemark, Frankreich und die Schweiz haben ihren Zuwanderern noch weniger kulturelle und religiöse Rechte verliehen. Schweden, die Niederlande, Großbritannien, Australien und Kanada, haben dagegen eine stärker multikulturell geprägte Integrationspolitik verfolgt.

Kopftuch, Moscheen und Religionsunterricht

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine andere WZB Studie, in der öffentliche Debatten um religiöse Rechte und Forderungen von Muslimen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Belgien und der Schweiz untersucht wurden. Nirgends war der Widerstand gegen solche Rechte so groß wie in Deutschland – obwohl die deutsche Debatte auf Themen fokussierte, die etwa in den Niederlanden und Großbritannien längst akzeptiert und von der Medienagenda verschwunden sind: Kopftuch für Lehrerinnen, Moscheebau, islamischer Religionsunterricht. Die Behauptung, multikulturelle Politik sei in Deutschland gescheitert, wurde oft wiederholt. Wahr macht sie das noch nicht: Etwas, das nie versucht wurde, kann auch nicht gescheitert sein.

Hätte Deutschland denn besser den Weg von Ländern wie Großbritannien oder den Niederlanden eingeschlagen? Dazu müssen wir Indikatoren heranziehen, die Aufschluss über die soziale und kulturelle Integration von Zuwanderern geben. Die dominante Theorie in der Soziologie und Sozialpsychologie zur Akkulturation von Zuwanderern, die der „reaktiven Ethnizität“, legt die Erwartung nahe, dass Zuwanderer sich stärker auf ihre Gruppenkultur und Religion besinnen, wenn diese bei der Mehrheitsgesellschaft auf weniger Anerkennung stoßen. Demnach müsste die soziale und kulturelle Kluft zwischen Zuwanderern und Einheimischen hierzulande relativ groß sein – und in Ländern mit multikultureller Politik vergleichsweise gering. Das Gegenteil scheint aber der Fall zu sein.

Zur räumlichen Segregation von Zuwanderern liegen relativ gute vergleichende Daten vor. Sie zeigen, dass diese gerade in Großbritannien, Schweden, Belgien und den Niederlanden stark von der einheimischen Bevölkerung getrennt leben, während die ethnische Segregation in deutschen, französischen und schweizerischen Städten vergleichsweise gering ist. Ethnische Parallelgesellschaften gibt es in Europa gewiss, aber man findet sie eher in Bradford, Rotterdam, Brüssel oder Stockholm als in Berlin oder Frankfurt. Studien deuten außerdem darauf hin, dass interethnische soziale Kontakte und Heiraten in Ländern mit multikulturellen Politiktraditionen eher seltener als öfter vorkommen.

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