Zeitung Heute : Intel: Testlauf für einen Hochleistungschip

Peter Zschunke

In den Testlabors der großen Computerhersteller muss der viel gepriesene Intel-Prozessor Itanium zeigen, was er wirklich kann. "Die ersten Exemplare werden auf Herz und Nieren getestet", sagt IBM-Sprecher Hans-Jürgen Rehm. Die Pilotphase mit einem umfassenden Testbetrieb hat vor wenigen Wochen begonnen und erstreckt sich bis Anfang nächsten Jahres. "In der ersten Hälfte des Jahres 2001 wird die Pilotphase abgeschlossen", erklärte der für das "Enterprise Computing", also für IT-Lösungen in Großunternehmen zuständige Vizepräsident von Intel, Michael Fister.

"Der Itanium ist eine grundlegende Technologie für die Server-Architektur der Zukunft", sagt der Prozessor-Spezialist Fister. Der Itanium ist für rechenintensive Aufgaben im Unternehmen wie das "Data Mining" gedacht, bei dem Terabytes von Informationen analysiert werden, um neue Erkenntnisse für betriebswirtschaftliche Strategien zu gewinnen. Ein anderer Einsatzzweck sind Internet-Rechner, die etwa beim E-Commerce Tausende von Anfragen gleichzeitig bewältigen müssen. Der Itanium ist der erste Intel-Chip, der über eine 64-Bit-Architektur verfügt. Das bedeutet, dass doppelt so viel Daten auf einmal im Speicher angesprochen werden können wie bei einem 32-Bit-Chip der Pentium-Reihe.

Als Marktführer bei PC-Prozessoren ist Intel erst spät in die Hochleistungsecke vorgestoßen. Schließlich gibt es 64-Bit-Prozessoren schon seit 1992. Doch konnte sich der Alpha-Chip des inzwischen von Compaq übernommenen Herstellers Digital Equipment ebenso wenig am Markt durchsetzen wie ähnliche Prozessoren von Sun Microsystems oder IBM. Das technische Design dieser Hochleistungschips beruht auf der RISC-Technik (Reduced Instruction Set Computing), bei dem wichtige Befehlsabläufe fest auf dem Prozessor verdrahtet sind. Der Itanium folgt einem neuen Design namens EPIC (Explicitly Parallel Instruction Computing), das die gleichzeitige Ausführung vieler Rechenoperationen ermöglicht.

In der so genannten Backend-Performance, also beim Zugriff auf große Datenbanken eines Unternehmens, sei der Itanium mehr als drei Mal so leistungsstark wie bisherige Systeme, sagt Fister. Entscheidend für den von Beobachtern allgemein erwarteten Erfolg des Itaniums aber dürfte der Kostenvorteil sein. Da das neue Intel-Paradepferd nicht nur von einem einzigen Hersteller gesattelt, sondern in großen Stückzahlen für alle führenden Server-Produzenten bereitgestellt wird, kann der Chip mit geringeren Kosten produziert werden. Fister schätzt, dass Itanium-Systeme um das Fünf- bis Sechsfache günstiger sind als bestehende RISC-Systeme.

Von zentraler Bedeutung aber ist das Zusammenspiel der Hochleistungschips mit Betriebssystem und Software. Die RISC-Systeme werden in der Regel mit einer spezifischen Unix-Variante ihres Herstellers vertrieben, und die Software-Entwickler scheuten den Aufwand der Programmierung von Anwendungen für einen begrenzten Nutzerkreis. Hingegen soll der Itanium nach Angaben Fisters bei der Markteinführung von fünf Betriebssystemen unterstützt werden, darunter neben diversen Unix-Ausgaben auch von Linux, der Netzwerk-Plattform Modesto von Novell und von Microsofts Windows 2000. Auf die Frage nach dem angestrebten Marktanteil für den Itanium antwortet Fister denn auch mit dem Hinweis auf die Unterstützung durch 80 verschiedene Unternehmen und die Eignung für mehr als 200 Anwendungen. Als "sehr interessante Anwendungsumgebung für den Itanium-Prozessor" bezeichnet der Intel-Vizepräsident das freie Betriebssystem Linux. Dessen Anwender könnten das System besonders gut an ihre eigenen Bedürfnisse anpassen.

Bei IBM wird während der internen Testläufe vor allem das Zusammenspiel des Chips mit anderen Bausteinen des Computers überprüft. Bis März 2001 sollen dann die ersten Itanium-Systeme an Kunden ausgeliefert werden. Dabei werde es sich voraussichtlich vorrangig um Software-Häuser handeln, die ihre Anwendungen an den neuen Prozessor anpassen wollten, sagt Firmensprecher Rehm und fügt hinzu: "Das Interesse der Hersteller ist es, möglichst schnell die PS dieser Maschine auf die Straße zu bringen."

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