Zeitung Heute : Intelligente Unterhaltung(en)

Warum Elena Bashkirova ihr „Jerusalem Chamber Music Festival“ jetzt nach Berlin ins Jüdische Museum holt.

Lasst nette Menschen um mich sein. Pianistin Elena Bashkirova im Kreise ihrer Künstlerfreunde. Foto: Monika Rittershaus
Lasst nette Menschen um mich sein. Pianistin Elena Bashkirova im Kreise ihrer Künstlerfreunde. Foto: Monika Rittershaus

„Elena gibt jungen Menschen, an deren Potenzial sie glaubt, sehr früh eine Chance, das finde ich toll“, schwärmt Saleem Abboud Ashkar. Der 1976 in Nazareth geborene Pianist war kaum dem Teenageralter entwachsen, als er beim Jerusalem Chamber Music Festival debütieren konnte, das Elena Bashkirova 1998 ins Leben gerufen hat. Seitdem gehört er hier zu den „household items“, zum festen Inventar. Matan Porat, der wie Saleem Abboud Ashkar ebenfalls Klavier spielt und außerdem auch komponiert, nickt zustimmend. Er ist seit zehn Jahren regelmäßig im Herbst in Jerusalem dabei, also seit seinem 19. Lebensjahr (siehe Porträt auf Seite 6).

Ihm kommt es sehr gelegen, dass es nun erstmals eine „kleine Schwester“ des renommierten Festivals in Berlin geben wird. Denn wie viele andere junge Israelis ist auch er in die deutsche Hauptstadt gezogen. „In Berlin leben zwischen 10 000 und 12 000 Juden“, berichtet Elena Bashkirova. „Die Hälfte davon sind Musiker – zumindest gefühlt!“ Das liegt zweifellos auch an der Arbeit, die die russische Pianistin in Jerusalem leistet. Denn bei ihrem Kammermusikfestival lässt sie stets Nachwuchstalente zusammen mit erfahrenen Profis auftreten. So lernt man sich über die Generationsgrenzen hinweg intensiv kennen – und die jungen Musiker zieht es anschließend oft dorthin, wo ihre neuen Mentoren und Lehrer wohnen.

Einen ähnlichen Effekt hat auch das berühmte West Eastern Diwan Orchestra, in dem Musiker aus Israel und den arabischen Nachbarländern zusammen spielen und das Daniel Barenboim, Elena Bashkirovas Ehemann, leitet. „Ich habe schon viele talentierte Musiker durch das Orchesterprojekt kennengelernt“, erzählt Elena Bashkirova. „In Berlin werden beispielsweise die Klarinettistin Shirley Brill und der Oboist Ramon Ortega Quero dabei sein.“

Wenn der Kreis ihrer Künstlerfreunde zusammenkommt, dann geht es nicht ums Geldverdienen. Die Gagen, die Elena Bashkirova zahlen kann, haben eher symbolischen Charakter. Bei diesen Kammermusik-Projekten wollen die Musiker einfach nur Spaß haben. Intensiv an den Stücken arbeiten, bei den Proben leidenschaftlich und konstruktiv über Interpretationen streiten – und dann einen möglichst spannungsreichen Abend gestalten. Zur Begeisterung des Publikums, das sich privilegiert fühlen darf, den intensiven Gedankenaustausch der Instrumentalisten zu belauschen.

Elena Bashkirova wurde in Moskau geboren und hat bei ihrem Vater, dem Klavierpädagogen Dmitri Bashkirov, am Tschaikowsky-Konservatorium ihrer Heimatstadt ihr Handwerk gelernt. Als Studentin begegnete sie dem Geiger Gidon Kremer, der ihr erster Ehemann wurde. Nur wenige Monate, nachdem Elena ihren Studienabschluss in der Tasche hatte, verließ das Paar die Sowjetunion und ging nach Paris. Von Frankreich aus machte sich die Pianistin dann bald einen Namen als vielseitige und einfühlsame Interpretin. Seit 1988 ist sie nun schon mit Daniel Barenboim verheiratet und lebt in Berlin.

Zu den jungen aufstrebenden Kräften, die ab dem 24. April im Jüdischen Museum zu erleben sein werden, gehört übrigens auch Elena Bashkirovas jüngerer Sohn Michael, der in Berlin Geige studiert hat (siehe Porträt auf Seite 7). Mit von der Partie wird auch Daniel Barenboim sein. Der viel beschäftigte Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper hat extra ein Plätzchen in seinem Terminkalender freigeschaufelt, um mitmachen zu können. „Normalerweise treten wir nicht gemeinsam auf“, betont Elena Bashkirova. „Wenn ich mit Michael oder Daniel Musik mache, betrachte ich beide übrigens nicht als Familienmitglieder, sondern ausschließlich als Kollegen.“

Auf den Veranstaltungsort freut sich die Pianistin besonders: Der Glashof des Jüdischen Museums, 2007 für acht Millionen Euro auf der Rückseite des barocken Kollegienhauses angebaut, ist aber auch ein echter Hingucker: Die mäandernd in die Höhe strebenden Stahlträger, auf denen das Dach ruht, sollen an eine Laubhütte erinnern, an die Sukkah. Ein spektakulärer Entwurf, wie der gesamte Neubau von Daniel Libeskind. Akustisch, so versichern die Veranstalter, sei er ebenfalls gut – wenn möglichst viele der 400 Sitzplätze gefüllt sind.

Zur Eröffnung des Glashofs ist Elena Bashkirova übrigens bereits mit Musikerfreunden vom Jerusalem Chamber Music Festival aufgetreten. Es war nicht das einzige Fühler-Ausstrecken des Festivals in Richtung Deutschland: 2006 gab es ein Gastspiel im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, 2008 dann lud Bernd Kauffmann Elena Bashkirova und ihre Künstler ins Schloss Neuhardenberg ein. Berlin, findet die russische Pianistin, ist der ideale Ort, um eine „kleine Schwester“ des Jerusalem Chamber Music Festival zu gründen: Denn so viel in Sachen klassischer Musik hier das ganze Jahr über auch los sei – ein reines Kammermusikfestival gibt es in der deutschen Hauptstadt erstaunlicherweise noch nicht.

Und schon gar nicht eines, bei dem in jedem Konzert die unterschiedlichsten Musiker-Paarungen auftreten. Heutzutage bestreitet üblicherweise ein Quartett einen ganzen Abend oder eben ein Solist samt Klavierbegleiter oder ein Trio. Wenn aber Elena Bashkirova zum gemeinsamen Musizieren lädt, dann geht es im Saal so zu wie in früheren Jahrhunderten im Salon: Auf ein Quintett folgt ein Solostück, dann ein paar Lieder, schließlich ein Streichtrio oder ein Werk für gemischte Bläser, je nachdem, welche Instrumentalisten gerade versammelt sind.

Eine schöne Idee, denn bei solchen Konzerten kann sich das Publikum vorstellen, zu Gast bei einem großbürgerlichen Mäzen zu sein. Ganz besonders authentisch wird es sich am Wochenende vom 28. und 29. April anfühlen: Dann nämlich wird die gewohnte Form der zweistündigen Darbietung gesprengt, keiner schaut auf die Uhr, es wird mehrere Pausen geben. So wie früher, als die Menschen wenig andere Ablenkungen und darum unendlich viel Muße hatten. Elena Bashkirova vergleicht solche Marathon-Nachmittage gerne mit einem Festmahl. Dabei begnügt man sich schließlich auch nicht mit zwei Gängen, da gilt die Devise: Je mehr, desto größer der Genuss.

Damit sich aber keine Übersättigung einstellt, hat die Pianistin aber bewusst auch einen anti-kulinarischen Programmschwerpunkt gewählt. Bei jedem Konzert wird nämlich ein Stück von Arnold Schönberg erklingen. Vom hochexpressiven Frühwerk „Verklärte Nacht“, das noch ganz in der spätromantischen Tonsprache gehalten ist, bis zur „Fantasie für Violine und Klavier“ Opus 47 aus dem Jahr 1949. Das passt zum Ort – hatte sich doch Daniel Libeskind bei seinem Entwurf für das Gebäude unter anderem von der Oper „Moses und Aaron“ des Komponisten inspirieren lassen.

Neben den Stücken des Zwölf- tonerfinders aber dominieren ganz eindeutig Werke des klassischen Kanon: Gleich am Eröffnungsabend beispielsweise gibt es Mozarts Klarinettenquintett, mit dem ehemaligen Soloklarinettisten der Berlineer Philharmoniker, Karl-Heinz Steffens, an der Spitze der Musiker. Sergej Prokofjews „Ouvertüre über hebräische Themen“ erklingt am 25. April, Dorothea Röschmann von der Berliner Staatsoper singt Robert Schumanns Zyklus „Frauenliebe und Leben“, begleitet von Elena Bashkirova, die Geigerin Carolin Widman interpretiert zusammen mit Bruno Schneider und Seleem Abboud Ashkar Johannes Brahms' „Trio für Horn, Violine und Klavier“.

Am 28. April werden Stücke von Max Bruch, Franz Schubert und Schönberg in fünf unterschiedlichen Besetzungen erklingen, vom Duo für Kontrabass und Klavier bis hin zum Ensemblestück mit Sprecherin. Für den Marathon am letzten Tag schließlich, der bereits um 14 Uhr startet, haben sich nicht nur vier Musiker aus den Reihen der Berliner Philharmoniker angesagt – nämlich Madeleine Carruzzo, Amihai Grosz, Emmanuel Pahud und Guy Braunstein –, sondern auch Mediendarling Hélène Grimaud, die als Cello-Solisten gefeierten Interpreten Marie-Elisabeth Hecker und Claudio Bohorquez sowie acht weitere Künstlerfreunde von Elena Bashkirova.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben