Zeitung Heute : Interaktives Fernsehen: Angst vor dem Museum

Thomas Gehringer

Das rasende Tempo, in dem neue Medien entstehen und wieder veralten, überfordert auch die Branchenkenner - zumindest sprachlich. Bei dem Versuch, verbal Schritt zu halten, entstehen kuriose Wortschöpfungen: "Viewser" rutschte beispielsweise dem Moderator bei den Marler Tagen der Medienkultur im Adolf-Grimme-Institut heraus - eine gewagte Mixtur aus Fernsehzuschauer (viewer) und Internetnutzer (user). Dieses geheimnisvolle Zwitterwesen wünschen sich Medienkonzerne, große Fernsehsender und kleine Start-up-Firmen sehnlichst herbei, denn die heiße Phase der Konvergenz, der Annäherung und Verschmelzung von Internet und TV, hat begonnen.

"Wir sind jetzt an dem Punkt, an dem wir sagen: Das müssen wir ausprobieren", verkündete Christian Jakubetz von der Kirch New Media. Wie auch Bertelsmann investiert Leo Kirch Hunderte von Millionen Mark, um Programme zu entwickeln, die die Bewegtbilder des Fernsehens mit den interaktiven Möglichkeiten des Internets kombinieren. Aus Datenbanken Spielfilme und Musik abrufen, aus einer Vielzahl von Spartenprogrammen auswählen, in Online-Gemeinschaften spielen oder einfach mal nachschauen, was noch im Kühlschrank ist - und dann natürlich bei den mit ins Boot geholten Unternehmenspartnern einkaufen, Reisen buchen usw. Das alles soll der "Viewser" eines Tages quasi "mit links" erledigen, mit nur einer Fernbedienung vom Fernsehsessel aus, am PC-Bildschirm oder unterwegs am Handy-Display.

Dabei darf er - wie bei Bertelsmann - selbst entscheiden, ob er für "Titanic" Pay-TV-Gebühren zahlt oder doch lieber Werbespots in Kauf nimmt. Oder er lässt sich - wie bei Kirch - von einem Moderator durch die Angebote geleiten, die gerade persönlich interessieren. Nachrichten gehören auch dazu, doch Unterhaltung steht absolut im Vordergrund. "Das Web ist reif für bewegtes Entertainment", behauptete Christian Jakubetz. Schade nur, dass die Technik noch nicht reif genug ist. Angesichts fehlender Breitband-Kabelnetze werden diese Programme noch eine Weile für das Massenpublikum unerreichbar sein. Dass sich Datennetzwerk und Rundfunk jedoch lohnend miteinander verknüpfen lassen, wird schon längst in verschiedenen Redaktionen bewiesen. Die im August neu gestalteten Web-Seiten der RTL-Familie (RTL World) wurden allein im Oktober 165 Millionen Mal angeklickt. "Es vergeht keine Nachrichtensendung, in der nicht ein oder zwei Hinweise auf die Internetseiten vorkommen", freute sich Robert Fahle von RTL New Media.

Der absolute Hit ist "Big Brother", das in beiden Medien kräftig absahnt. Eine "wahnsinnige Zahl" nannte Fahle die knapp 60 000 Quiz-Freunde, die parallel zu Jauchs "Wer wird Millionär?" am heimischen PC online mitspielen. Aber auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen gönnt sich multimediale Spielwiesen wie das SWR-Jugendprojekt "das ding", bei dem neben einigen Profis junge Leute zwischen 15 und 25 Jahren gleichzeitig Radio, Internetseiten und auch ein bisschen Fernsehen produzieren.

Am konsequentesten ist wohl "Giga TV", eine fünfstündige Internetsendung auf NBC Europe, die eine kleine, aber im Netz munter kommunizierende Fangemeinde hat. Für die Macher zählt weniger die TV-Einschaltquote als die Seitenbesuche im Internet. "Wir sind eine Website mit integrierter Fernsehsendung", sagte Redaktionsleiter Volker Pfau. Bei "Giga TV" nutzen junge, journalistisch zum Teil nicht ausgebildete Moderatoren das Know-How der Internetgemeinde und basteln daraus eine Fernsehsendung - eine pfiffige, allerdings nicht ganz unbedenkliche Geschäftsidee.

Und warum nun der ganze Aufwand? Marktforschung und erste Erfahrungen belegen, dass sich die Mediennutzung verändern wird. "Die Kids, unsere Zielgruppe der Zukunft, wollen sich nicht nur berieseln lassen", sagte Julia Schoessler von der Bertelsmann Broadband Group (BBG). Um "Qualität durch Konvergenz", so das Thema der Medienkultur-Tage, geht es also erst mal nicht, sondern einfach nur ums Dabeisein. Denn wer keine interaktiven Angebote vorweisen kann, der könnte leicht im Museum landen, fürchten die Macher. "Wir reden von einer Generation, die nicht mehr automatisch weiß, dass es den SWR überhaupt gibt", malte Helge Haas von "das ding" ein düsteres Zukunftsbild für den gebührenfinanzierten Rundfunk. Auch Stefan Moll vom WDR bestätigte, das Internet sei für den klassischen Funkredakteur "bedrohlicher als drei Monate schönes Wetter am Stück". Er befürchtet, dass die Verschmelzung von TV und Internet die Qualität eher beeinträchtige, weil es das Medium komplizierter mache. Stefan Moll wäre schon mit folgender Konvergenz zufrieden: Wenn es endlich nur noch eine einzige Fernbedienung gäbe - mit eingebautem Flaschenöffner und Feuerzeug.

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