Zeitung Heute : Internationale Konzerne: "Spannende Jobs für mündige Mitarbeiter"

Frau Heuer[Ihr Unternehmen gilt in dieser Stadt a]

Katharina Heuer, 33, studierte Volkswirtschaftslehre in München und war dort von 1994 bis 1997 Projektleiterin für Personalmarketing und Kommunikationsprogramme bei der Daimler-Benz Aerospace AG. 1997 wechselte sie zur Daimler-Chrysler Services AG nach Berlin und ist seit knapp einem Jahr die Personalleiterin Deutschland.

Frau Heuer, Ihr Unternehmen gilt in dieser Stadt als Traumarbeitgeber. Wie viele Stellen besetzen Sie monatlich?

Im Schnitt haben wir monatlich 85 Stellen ausgeschrieben. Pro Stelle erhalten wir rund 30 bis 40 Bewerbungen. Zehn bis 15 Prozent der Bewerber werden zu einem Auswahlgespräch eingeladen.

Das heißt, Sie haben eine hohe Fluktuation in Ihrem Unternehmen?

Eine branchenübliche Fluktuation. Generell gilt aber, dass Unternehmen künftig eine ständige Veränderung in der Belegschaft haben werden, um neue Ideen, neue Impulse aufgreifen zu können. So wie früher, als von der Ausbildung bis zur Rente in einem Betrieb gearbeitet wurde, wird es nicht mehr sein. Heute gibt es kaum noch einen Lebenslauf, der nicht drei oder vier Arbeitgeber aufweist. Es wird aber auch weiterhin lange Beschäftigungsverhältnisse geben.

Wird Daimler-Chrysler Services auf einen festen Mitarbeiterstamm setzen oder wird sich der Anteil freier Mitarbeiter erhöhen?

Ich glaube, dass es in einem Unternehmen immer eine Kernbelegschaft geben wird, die bestimmte Kernkompetenzen hat. Wir haben aber ein sehr schnelles und facettenreiches Geschäft. Deswegen arbeiten wir sehr stark in Projekten, weil wir neue Themen angehen müssen. Und neue Themen verlangen unterschiedliche Kompetenzen. Ich sehe einen Trend, sich diese Kompetenzen in Projekten dazu zu holen. Das geht zum Teil durch interne Personalentwicklung, aber einen Teil der Mitarbeiter muss man von außen holen.

Lohnt es sich überhaupt noch, Absolventen mit großem Aufwand zu gewinnen, wenn man weiß, dass sie nach einigen Jahren wieder weg sind?

Unser Ziel ist es natürlich nicht, dass unsere Mitarbeiter uns so schnell wieder verlassen. Die Stelle zu wechseln, heißt ja nicht gleich, das Unternehmen zu verlassen - es kann sich auch um einen anderen Aufgaben- oder Geschäftsbereich handeln. Aber wir gehen schon davon aus, dass die Mitarbeiter, die zu uns kommen, nur eine begrenzte Zeit auf ihrer Position sind und sich dann weiterentwickeln wollen.

Beschäftigung ist heute also ein Geschäft auf Gegenseitigkeit?

Ja, natürlich. Es gilt, die Interessen des Mitarbeiters und des Unternehmens unter einen Hut zu bringen. Das gilt sowohl für die Mitarbeiter, die dauerhaft etwas machen als auch für die, die Veränderung suchen. Drei oder vier Jahre sind da jedoch für einen Jobwechsel eine sehr kurze Zeit.

Zu schnelle Jobwechsel sind also nicht gut?

Ja. Studenten und Absolventen rate ich immer: Macht eine Aufgabe von A bis Z, dann seht Ihr auch die Auswirkungen Eurer Arbeit. Daran könnt Ihr gezielt Eure Stärken erkennen und erwerbt Kompetenzen in allen Tätigkeitsbereichen. Die braucht Ihr nämlich immer wieder.

Wird künftig ein höheres Maß an Eigenverantwortlichkeit vom Bewerber verlangt?

Der Mitarbeiter trägt heute viel Verantwortung für seine Person, seine Entwicklung und sein Arbeitsumfeld. Und diese Eigenverantwortung wird zunehmen. Das Verhältnis von Unternehmen und Mitarbeiter ist heute mehr ein partnerschaftliches. Der Mitarbeiter wird zunehmend zum Unternehmer in eigener Sache.

Unternehmen wälzen damit die Risiken auf den Mitarbeiter ab.

Nein, das bestimmt nicht. Es geht darum, mehr Flexibilität für das Unternehmen, aber auch für den Mitarbeiter zu haben. Auch Mitarbeiter fordern heute viel mehr selbstständige und eigenverantwortliche Tätigkeiten ein. Hier müssen Unternehmen flexible Rahmenbedingungen bei Arbeitszeit, Vergütung und Qualifizierung schaffen.

Was muss ein Bewerber mitbringen, um bei Ihnen eingestellt zu werden?

Neben der fachlichen Qualifikation suchen wir Mitarbeiter, die gut mit Kunden und Kollegen umgehen können. Dazu gehört für uns neben einer ausgeprägten Dienstleistungsorientierung zum Beispiel auch Kommunikations- und Teamfähigkeit ...

Diese Anforderungen findet man heute in fast jeder Stellenanzeige.

Was wir darüber hinaus wichtig finden ist Eigeninitiative und Engagement, also der Wille, Themen und Aufgaben zu gestalten und Veränderungen voranzutreiben. Zusätzlich sollten die Bewerber neben Sprachkenntnissen auch interkulturelle Kompetenz mitbringen. Das ist unerlässlich für ein globales Unternehmen mit rund 10 000 Mitarbeitern weltweit. Davon arbeiten knapp 5000 im Raum Europa, Asien, Pazifik und mehr als 5000 in der Nafta-Region (Amerikanische Freihandelszone, Anm. d. Red.). Mitarbeiter müssen also anderen Kulturen, anderen Sichtweisen gegenüber offen sein und die Bereitschaft mitbringen, in einem internationalen Umfeld zu agieren.

Kriterien wie Sprachkenntnisse kann man mit Tests prüfen. Woran aber sehen Sie, ob ein Bewerber soziale Kompetenzen mitbringt, also beispielsweise teamfähig ist?

Ein Indiz dafür ist, ob jemand schon mal in unterschiedlichen Ländern und mit verschiedenen Kulturen gearbeitet hat. Die sozialen Kompetenzen können Sie zum Beispiel daran ablesen, ob jemand außeruniversitäres Engagement mitbringt oder ob er Praktika gemacht hat. Da muss man in einem sozialen Kontext arbeiten und sich behaupten. In den Bewerbungsunterlagen gibt es Anhaltspunkte dafür, im Interview kann man dazu gezielt Fragen stellen, im Assessment Center gibt es Team-Elemente.

Welches Know-how suchen Sie zurzeit?

Wir sind der Finanzdienstleister im Daimler-Chrysler-Konzern. Unser Kerngeschäft ist Leasing und Finanzierung sowie die Vermittlung von Versicherungslösungen für Daimler-Chrysler-Fahrzeuge. Dementsprechend suchen wir Mitarbeiter, die einen Bank- oder Versicherungshintergrund haben, die das Kreditgeschäft sehr gut kennen. Die Fachrichtungen, die wir suchen sind BWL mit den Schwerpunkten Finanzen, Controlling, Bank, Versicherung oder international Business Studies. Aber manchmal passen die Anforderungen zum Beispiel auch auf den Wirtschaftsingenieur. Je nach Geschäftsbereich gibt es auch Quereinsteiger aus anderen Studienrichtungen. Es gibt kaum einen Studiengang, der in unserem Unternehmen nicht vertreten ist.

Es kommt also nicht so sehr darauf an, was man studiert?

Zum einen studieren Sie, um ein "Einstiegsfeld" zu haben. Wo genau Sie einsteigen und wie Sie Ihr Umfeld ausgestalten, hängt davon ab, was Sie parallel zum Studium machen - also ob Sie Praktika machen oder sich in irgendeiner Initiative engagieren. Jemand, der nur studiert hat, wird es heute schwerer haben, ins Arbeitsleben einzusteigen.

Wie geht man mit der Hemmschwelle um, sich bei einem Global Player zu bewerben?

Ich rate immer: Nutze jede Gelegenheit, einen persönlichen Kontakt zu schaffen. Auf einer Firmenpräsentation beispielsweise kann man einen Unternehmensvertreter kennenlernen oder nach einem Vortrag kann man den Referenten ansprechen. Auf so jemanden kann man sich in einer Bewerbung wieder beziehen und man sieht, dass wir keinen Heiligenschein tragen und auch nur mit Wasser kochen. Man kann dadurch eine zusätzliche Information zur Bewerbung schaffen. Wenn ich eine Bewerbung kriege und mir sagt jemand aus dem Unternehmen, dass er den Bewerber kennt und er ihm gefällt, schauen wir doch eher hin.

Nun kann man nicht schon alle Fähigkeiten für einen Job mitbringen .

Bewerber brauchen klare Vorstellungen. Ich kann niemanden beraten, der nicht weiß, was er will. Deshalb stelle ich gern die Frage nach den Highlights im Lebenslauf. Daran kann man erkennen, wie sehr sich jemand mit sich selbst auseinandergesetzt hat.

Wie erkennt man die eigenen Stärken?

Ich empfehle Studenten immer, sich hinzusetzen und zu überlegen, was macht mir unheimlich viel Spaß, also wo bin ich immer mit viel Engagement dabei. In einem nächsten Schritt sollten sie sich fragen, was kann ich nicht so gut und was macht mir auch nicht so viel Spaß. Und in einer dritten Sitzung sollten sie sich fragen, in welchen Situationen habe ich mich gut erlebt und in welchen nicht. Danach sollte man sich mit guten Freunden oder den Eltern treffen und denen genau die gleichen Fragen stellen. So hat man eine Eigen- und eine Fremdbeurteilung. Das ist ein intensiver Prozess, aber er lohnt sich. Man erkennt viel von sich selbst.

Wie viel arbeiten Ihre Mitarbeiter?

Unsere Mitarbeiter werden über Ziele geführt, die am Anfang des Jahres zwischen Führungskraft und Mitarbeiter vereinbart werden. Wir haben eine 40-Stunden-Woche, können aber zum Beispiel bei Projektarbeit ein höheres Arbeitszeitbudget vereinbaren. Das kann etwa durch Qualifizierungsmaßnahmen oder Blockfreizeit wieder abgebaut werden.

Das heißt, es gibt unregelmäßige Arbeitszeiten, die für Mitarbeiter mit Familie und Kindern echte Probleme bedeuten können.

Bei Mitarbeitern mit Familie gibt es einen höheren Regelungsbedarf, der gegenseitiges Verständnis erfordert. Hier sind Mitarbeiter und Führungskraft gemeinsam gefordert, eine individuelle Lösung zu finden, die auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Mitarbeiter mit Kindern sind aber auch eine Bereicherung für ein Unternehmen. Eltern, die es schaffen, Kinder und Job unter einen Hut zu bringen sind Organisationstalente. Davon profitiert auch das Unternehmen.

Können kleine Unternehmen da mithalten?

Die Rahmenbedingungen für den Arbeitsalltag sind nicht gottgegeben, sondern verhandelbar und gestaltbar. Das kann zwischen den Beteiligten geregelt werden - und zwar in allen Bereichen des Arbeitslebens. Deswegen ist es für mich auch wichtig, kritische Mitarbeiter zu haben, die fragen, ob dies oder das wirklich so sein muss, wie es ist. Man sollte gemeinsam herausfinden, wie man das Miteinander am besten hinkriegt. Die Interessen sind nun einmal unterschiedlich. Die Frage übrigens, ob sie sich in einem Großunternehmen oder in einem kleinen bewerben, sollten sich Bewerber rechtzeitig stellen. Nicht jeder passt in jede Unternehmensform.

Wie wichtig ist das Alter eines Bewerbers?

Nicht primär das Alter ist entscheidend, sondern die Einstellung. Viel wichtiger ist, dass der Bewerber geistig flexibel ist.

Wie wird sich die Arbeitswelt entwickeln?

Ich glaube, es wird künftig viele spannende Jobs für mündige Mitarbeiter geben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!