Internationale Politik : Der Preis von Diktatoren

Bill Clintons Visite bei Kim Jong Il wird hinter den Kulissen als wertvolle Erkundungstour gelten, wobei der Prestigegewinn für beide Seiten nicht stört. Vom Westen aus wirkt es, als habe ein geschickter, gescheiter Vater, mit Mrs. Clinton im Hintergrund, zwei Töchter aus dem Keller eines Kinderschänders herausbugsiert.

Caroline Fetscher

Aufatmen in Amerika. Am Flughafen Pjöngjang besteigen zwei junge Frauen in Jeans und T-Shirts die Maschine des Privatdiplomaten Bill Clinton. Dessen Antichambrieren beim totalitären Herrscher Nordkoreas bewahrte die beiden Journalistinnen Laura Ling und Euna Lee vor zwölf Jahren Arbeitslager. In einem besonderen Gnadenakt, erklären Nordkoreas Medien, habe der Große Führer den beiden der Spionage verdächtigen Damen die Freiheit geschenkt. Derselbe Kim Jong Il hat auch, sagen amerikanische Medien, durch den Besuch eines Ex-Präsidenten der USA endlich die Aufmerksamkeit und Aufwertung bekommen, die er sich wünscht.

Aufatmen auch im Fall des entführten Hamburger Frachters „Hansa Stavanger“. Nach vier Monaten bitteren Gezerres zwischen Reederei, Krisenstab und somalischen Piraten flossen fast drei Millionen Dollar Lösegeld, der deutsche Kapitän und seine Crew kamen frei. Lautet die Lektion aus diesen Szenarien nun: Erpressung lohnt sich? Seeräuber und Seelenräuber, Verbrecher und Diktatoren, ihr erhaltet, von uns im freien, rechtsstaatlichen Westen, was ihr wollt, solange ihr einige der unseren in eurer Gewalt habt? Kritik an der sogenannten Scheckbuchdiplomatie kommt bereits aus den Reihen der CSU wie der SPD. Falsche Signale öffnen nichtstaatlichen Geiselnehmern Tür und Tor, so dürfe es nicht laufen, das sei nicht der adäquate Pfad, kein Anlass zum Aufatmen, sondern zum Aufschreien.

Allerdings werden solche Dilemmata der asymmetrischen Diplomatie immer aufs Neue auftauchen, im Golf von Aden, im Jemen, in Afghanistan und so fort. Geiseln, ganz gleich ob sie Kapitäne, Seeleute, Journalisten oder Manager sind, haben immer ihren Preis. Einen monetären, moralischen, politischen oder diplomatischen Preis, oder einen, der jedes dieser Vermögen angreift. Aus solch bitteren Situationen können demokratische Staaten trotzdem Gewinn ziehen. Bewegliches Handeln setzt dabei voraus, sich darüber im Klaren zu sein, dass jeder Fall anders ist und ein ehernes Prinzip nicht gelten kann. An Orten wie Somalia hat man es mit wuchernder Gesetzlosigkeit zu tun, mit staatlichem Zerfall. In Nordkorea geht es um ein in paranoider Ideologie versteinertes System, das sich Baumaterial für Atomwaffen beschafft. Bei den Piraten handelt es sich um nichtstaatliche Akteure, um kriminelle NGOs, deren Auftraggeber, wie vermutet wird, in Übersee sitzen. Die Taliban wiederum sind durch den Fortschritt in Panik versetzte Fromme, die „Allah“ als Auftraggeber ihrer Gewalt verstehen.

Ungleiche, unreife Gegner erfordern exzellente psychologische Diagnosen sowie klare Taktik. Verhandlungen haben hier fast immer den Vorteil, dass man die Widersacher jenseits der eigenen Projektionen besser einzuschätzen lernt, an Angst verliert und an Spielraum gewinnt – was auch angesichts der Taliban von Nutzen sein kann. Bill Clintons Visite bei Kim Jong Il jedenfalls wird hinter den Kulissen als wertvolle Erkundungstour gelten, wobei der Prestigegewinn für beide Seiten nicht stört, zumal es vom Westen aus eher wirkt, als habe ein geschickter, gescheiter Vater, mit Mrs. Clinton im Hintergrund, zwei Töchter aus dem Keller eines Kinderschänders herausbugsiert. Aber die Piraten? Massive, konsequente Strafverfolgung der Hintermänner durch Interpol ist der beste schnelle Schritt. Langfristig schützt uns nur die Art politischer Verantwortung, die Zerfallsymptome von Staaten ernst nimmt, rasch Alarm schlägt und rasch handelt.

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