Internationaler Austausch an der UdK : Wissen durch Begegnung

Mobilität ist kein Wert an sich. Warum Erasmus gerade in den Künsten von großer Bedeutung ist.

Martin Rennert
Martin Rennert ist seit 2006 Präsident der Universität der Künste Berlin.
Martin Rennert ist seit 2006 Präsident der Universität der Künste Berlin.Foto: Matthias Heyde

Vor wenigen Tagen jährte sich die Einführung des Erasmus-Programms für Studierende in Europa zum dreißigsten Mal. Zur Zeit werden über 200 000 junge Menschen jedes Jahr in 33 Partnerstaaten durch dieses Mobilitätsprogramm gefördert. Dies ist eine Erfolgsgeschichte, und eine, die sich zu erzählen lohnt.

Mobilität ist kein Wert an sich. Wie man in drangvoll engen Innenstädten europaweit erleben kann, schafft sie zunehmend mehr Probleme, als sie durch Begegnung mit Neuem an Gewinn ausweist. Die Folgen sind so augenfällig wie erwartbar: Verdrängung lokalen Lebens durch internationale Uniformität, auf Tourismus verengte Wirtschaftskreisläufe, Entwicklungen, die genau das in Frage stellen, was zu den anziehenden Eigenschaften einer Kultur, eines Ortes gehörte.

Dem gegenüber steht ein EU-Programm, das in bestem Sinne der nachhaltigen Begegnung von Menschen, dem Verständnis anderer Kulturen, anderer Sprachen und Bildungsinhalte gewidmet ist und hierfür jährlich über zwei Milliarden Euro aus dem Haushalt aller Mitgliedsländer zur Verfügung hat. Natürlich könnte das mehr sein, auch wenn man nicht unterschätzen darf, was zusätzlich durch einzelstaatliche Programme geleistet wird, in Deutschland in großem Umfang vor allem durch den DAAD. Dennoch zählt hier nicht nur die bloße Zahl: Sich monate-, zum Teil auch jahrelang in der „Fremde“ aufzuhalten, Sprachen und Denkarten, auch alternative Sicht auf Geschichte, kennenzulernen, oft innovativen, manchmal auch altertümlich scheinenden Vermittlungsformen in Universitäten zu begegnen, Freundschaften zu schließen – alles unbezahlbare Erfahrung an Internationalität, kritisches Bewusstsein bildend und ein Verständnis für Europa fördernd, welches durch andere Mittel schwer herzustellen ist.

Die UdK setzte bereits über 4 Millionen Euro für DAAD-Stipendien ein

Gerade auch in den Künsten ist Erasmus von großer Bedeutung – ein solcher Austausch kann zwar auch dazu führen, dass man besser sieht, wie gut die hiesigen Umstände vielfach sind, öffnet aber vor allem die Sinne für unerwartet Anderes. Hanns Eisler sagte, dass jener, der nur von Musik etwas verstünde, auch von ihr nichts versteht. Dies gilt für alle Künste und alle Wissenschaften und muss gelehrt und erlebt werden.

Die Universität der Künste Berlin hat sich diesem Gedanken verschrieben: Offen und ohne Studiengebühren für Menschen aus allen Staaten der Erde, hat sie allein in den letzten sechs Jahren etwa 750 000 Euro an Erasmus-Stipendien eingeworben und weit über 4 Millionen Euro für DAAD-Stipendien für hunderte Studierende eingesetzt. Seit dem Jahr 2000 hat sich mit diesem Anspruch das internationale Interesse an dieser Universität stetig erhöht, der Anteil ausländischer Studierender wuchs von 15 auf 32 Prozent, in manchen Fakultäten und Studiengängen auf über 40 Prozent.

„Die Kunst ist Gegenstand einer Unterhaltung, die endlos fortgesetzt werden könnte, wenn nichts dazwischenkäme. Es kommt etwas dazwischen.“ Ein verkürztes Zitat aus einer Rede Paul Celans aus dem Jahre 1960. Es muss eben etwas dazwischenkommen: Irritation, Zweifel an dem, was man bereits verstanden zu haben meinte. Durch Begegnungen entsteht manchmal neues Wissen, tiefes Verständnis, wie Erasmus von Rotterdam uns bewies. Das nach ihm benannte Programm ist ein Beweis dafür, dass man aus der Geschichte tatsächlich lernen kann.

Der Autor ist Präsident der Universität der Künste Berlin.

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