Zeitung Heute : Internationaler Wettbewerb: Unser Mann in Charutajuvom

Christine Demmer

Deutschlands Unternehmen machen mobil. Ob sie nun transatlantische Elefantenhochzeiten feiern oder mit Schnalzer & Co aus dem benachbarten Bundesland auf die neue strategische Zusammenarbeit anstoßen - das Einigeln in der heimischen Burg ist megaout. Der weitgehend freie Marktzugang lässt so viele internationale Wettbewerber ins bisherige Heimspiel dringen, dass Mauern auch nicht mehr hilft. Rettung verspricht nur die Konterattacke: Schnappst du mir meinen Kunden weg, greif ich Dich an auf Deinem Fleck.

Die Tendenz zur Globalisierung der Märkte ist nicht neu, aber inzwischen ist die zweite Runde angelaufen. Ab sofort gelten verschärfte Bedingungen. Im Fokus der strategischen Planer liegen nicht mehr die Produktionsstandorte - die wurden bekanntlich längst von Deutschland ins Ausland verlagert - sondern Kunden und Geschäftspartner. Auch die sind über den Globus verteilt. Und daraus folgt: Das sauerländische Unternehmen hat auch eine Serviceabteilung in Singapur, das Marketing der sächsischen Firma für den südamerikanischen Markt wird von der kolumbianischen Hochebene aus gesteuert, und um den Vertrieb der elektrisch beheizten Matratzenschoner für den nordwestsibirischen Markt kümmert sich ab sofort unser Mann in Charutajuvom.

Mobilmachende Unternehmen in Deutschland brauchen mobilitätsbereite Mitarbeiter aus Deutschland. Doch Mobilitätsbereitschaft bedeutet nicht: Der Mitarbeiter akzeptiert, dass er täglich zwischen Raum 102 und 407 zum Zwecke des Verteilens von Informationen hin- und herlaufen muss oder dass die morgendliche Fahrt vom fünfzig Kilometer entfernt gelegenen Eigenheim zum Firmenparkplatz gut siebzig Minuten verschlingt. Nein, anders: Der mobilitätsbereite Mitarbeiter der Neuzeit ist jederzeit bereit, auf Zuruf vom Unternehmensstandort Remscheid ins Headquarter nach Austin, Texas, zu wechseln. Oder auch nach Charutajuvom, Sibirien. Für kurze Zeit oder für einige Jahre.

Das Unternehmen will freilich beileibe nicht jeden x-Beliebigen nach Austin - oder Charutajuvom - schicken, sondern speziell Mitarbeiter Klaus Naumann. Aus einem einzigen Grund: Weil es ihn kennt. Naumanns Stärken mögen darin liegen, dass er ein besonderes Geschick darin hat, mit Widerstand fertig zu werden und oder dass er ein guter Teamplayer ist, der selbst mit schwierigen Mitarbeitern gewinnbringend kooperieren kann. Er mag als Arbeitstier bekannt sein, das anderen und sich selbst keine Pause gönnt, er mag keinerlei Toleranz für Schlamperei aufbringen und zu allen Vorzügen eine überaus klare Sprache sprechen. Was immer auch Naumanns Stärken sein mögen, sie haben vor allem einen Vorteil: Sie sind bekannt, erprobt und bewährt.

Unternehmen scheuen nicht das Risiko, auf fremden Märkten anzutreten. Aber sie wollen dort nicht mit fremden Mannen antreten. Sie brauchen jemanden, der genau weiß, wo der Hase in der Zentrale im Detail liegt. Der den Vorstand kennt, seinen Anweisungen aus dem vierfachen f (folgt und funktioniert fehlerfrei) nachkommt und der es versteht, die im Hauptquartier entwickelte große Linie mit feinen Federstrichen in der Diaspora nachzupinseln.

Immer dann, wenn fern von der Zentrale eine XXL-schwierige Aufgabe anliegt - Marke Dampf, Kohlen, Feuer-.-.-.- - oder wenn ob einer heiklen strategischen und personellen Gemengelage eine starke Dosis Vorstandsvertrauen vonnöten ist, suchen Unternehmen am liebsten intern nach einem Mitarbeiter, den sie in die ferne Niederlassung entsenden können.

Die Suche kann ganz schön mühsam sein, denn die Mobilitätsbereitschaft der Deutschen ist trotz hoher Arbeitslosenrate immer noch auffallend unterentwickelt. Das Defizit betrifft nicht einmal ausschließlich die Arbeitnehmer der unteren Gehaltsstufen oder der älteren Jahrgänge - selbst Berufseinsteiger und erfahrene Professionals weigern sich hartnäckig, das durch Familie, Freundschaften und Immobilienbesitz markierte Terrain zu verlassen. Ost- und Westdeutsche stehen sich nach Ansicht zahlreicher Personalberater und noch mehr Personalchefs darin in nichts nach: Die ausgeprägte Immobilität der Mitarbeiter scheint ein gesamtdeutsches Phänomen zu sein.

Der Beitrag ist ein gekürzter Vorabdruck aus dem Buch "Karriere-Tools für High-Potentials - Die Wahrheit über die Schlüsselqualifikationen für den Aufstieg". Das Buch erscheint Anfang Juni im Eichborn Verlag, Frankfurt, 208 Seiten, 39,80 Mark.

"Ab ins Ausland!" ist der Titel der Juni-Ausgabe von Handelsblatt - junge karriere. Kiosk-Preis: 4 Mark 80.

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