Zeitung Heute : Internet: Für eine visuelle Kultur (Interview)

Herr Linderman[was halten die User heute vom Netz]

David Linderman gründete 1996 die Agentur Fork Unstable Media, die durch zukunftsweisende Konzpete für Daimler-Chrylser, Gruner+Jahr, Lufthansa, Nivea oder MTV aufgefallen ist.

Herr Linderman, was halten die User heute vom Netz?

Die Menschen sind enttäuscht vom Netz. Ich glaube, das liegt daran, dass Experimentelles aus den Anfangszeiten des Netz verschwunden und Neues noch nicht ausgereift ist. Dabei sind noch so viele Fragen offen: Wie gebe ich einer Seite eine Produktidentität? Wie brande ich eine Seite? Wie erzähle ich eine Geschichte auf ihr?

Welche Möglichkeiten sehen Sie, auf der Werbeseite einer Firma eine Geschichte zu erzählen?

Das Netz ist jung. Die meisten User sind erst ein Jahr online. Viele von ihnen sind pure Point&Click-User. Deshalb haben sie aufgehört, das Netz zu mögen. Für Lufthansa Systems Network haben wir einen 3D-Baum entworfen, den man mit der Maus wie ein Molekül drehen, greifen und ziehen kann.

Der Baum hat international Preise abgeräumt, darunter auch den "The One Show Award". Was ist dran an diesem Baum?

Mit seiner Drehbarkeit schafft der Baum eine Umgebung, die einer Landschaft entspricht, in der Sounds und Haptik Emotionen schaffen. Es reicht einfach nicht mehr aus, in Firmenwerbung das kleine Logo zu sehen, das irgendwo in einer Ecke hängt. "Branding" ist zu einer Frage der Haltung geworden. Genau wie in der VW-Fernsehwerbung für den Käfer, in der die Deutschen sich selbst ironisieren.

An wen richten sich die Werbelandschaften?

Es ist für jedermann eine tiefgehende Erfahrung, wenn er als User merkt, dass er einen Gegenstand bewegen kann wie in der realen Welt. Ich erwarte nicht, dass die ältere Generation unsere Möglichkeiten verstehen kann, aber sehr wohl Leute, die mit Computerspielen und einer neuen visuellen Kultur groß geworden sind.

"Content is King" - Inhalte über alles, war die Losung des letzten Jahres. Wie hängen Inhalte und Design zusammen?

"Content is King" war tatsächlich eine der Richtlinien. Aber um ehrlich zu sein, ist Content nur etwas wert, wenn er erschlossen werden kann. Wir brauchen Designer, die die Vielschichtigkeit eines Statements mit Hilfe von Netzkunst erläutern. Leider wird Netzkunst immer als Spielerei abgetan. Dabei ist sie die richtungsweisende Kraft, die die Zukunft des Netzes diktieren wird.

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