Zeitung Heute : Internet-Illustrierte: Anwärter auf den "Goldenen Verlagskrückstock"

Ulrike Simon

Die Redaktion der Internet-Illustrierten "Tomorrow" ist so ziemlich die einzige innerhalb der Verlagsgruppe Milchstraße, die von den dort immer wieder gern geschmiedeten Umzugsplänen nicht betroffen ist. Im Gegensatz zur Verlagstochter Tomorrow Internet AG, die die kaum genutzten Räumlichkeiten an der Hamburger Rothenbaumchaussee bald wieder verlassen und an die hafennahe Kehrwiederspitze zieht. Dort, wo die AG mit Raumnot kämpft, wird es dann Platz geben für die Zeitschriftenredaktionen des Verlages. Zumindest für jene, die gerade keiner intensiven Betreuung durch Verleger Dirk Manthey bedürfen. Ein bis zwei Redaktionen will Manthey auch weiterhin bei sich im Haupthaus belassen. Derzeit gehören dazu "Max" und "Tomorrow", ab 28. September nicht mehr monatliche, sondern 14-tägliche Internet-Illustrierte. Überhaupt will Manthey im Stammhaus des Verlages nur noch Kreative um sich scharen. Sämtliche kaufmännischen Mitarbeiter ziehen ein paar hundert Meter weiter ins ehemalige Gebäude der Werbeagentur Lintas.

Angesichts dieser Betriebsamkeit kommt "Tomorrow"-Chefredakteur Willy Loderhose recht ruhig daher. Zwei Jahre nach dem Start ist das Blatt mit über 330 000 verkauften Exemplaren führende Internet-Illustrierte - vor dem älteren, sich immer wieder wandelnden "Online Today" (Gruner + Jahr) und dem am 23. März gestarteten "Gold". Ambitionierte 300 000 Exemplare wollte "Gold" ursprünglich verkaufen, der Verlag behauptet, es seien immerhin 150 000 - angeblich. Ein GAU ist "Gold" allemal. Nachdem einige Redakteure den Internet-Einkaufsführer wieder verlassen haben (laut Verlagschef Kurt Weichler müsse "die Personalstruktur an die Erlösstruktur angepasst werden"), und nachdem der Chefredakteur im Impressum seit Wochen mit dem einmaligen Zusatz "zur Zeit in Urlaub" aufgeführt ist, rechnet die Branche bereits mit der Einstellung des Blattes. Weichler verneint das. Wenn im Herbst "Tomorrow" und - wie behauptet wird - auch "Online Today" auf 14-täglich umstellen, hofft "Gold", auf dieser Welle mitzuschwimmen. Außerdem ist da ja noch der Gesellschafter Otto-Versand, dessen 20 000 Mitarbeiter mit "Gold"-Abos beglückt werden, zudem weitere, über 100 000 Sammelbesteller. Und auch einer Teilauflage des neuen Otto-Katalogs wird "Gold" beiliegen. Mit diesen Push-up-Methoden wird es schon zu schaffen sein, im dritten Quartal eine halbwegs erträgliche Auflage zu melden ...

Andere Sorgen hat "Tomorrow", auf dessen Heft 9/2000 am 28. 9. Heft 21/2000 folgen wird. Dann gilt es, nicht monatlich 300, sondern alle 14 Tage um die 250 Seiten zu füllen. Die mit einem Dutzend Redakteure gestartete Zeitschrift werde dann auf 70 Redakteure angewachsen sein, sagt Loderhose. Wirklich aktuell werde er aber auch dann nicht auf Themen reagieren können, bedauert er. Immerhin verkürze sich die Vorlaufzeit von Redaktionsschluss bis Erscheinungstag von drei- auf anderthalb Wochen.

Wie "Max" (statt für sechs neuerdings für vier Mark zu haben) wird auch "Tomorrow" den Heftpreis senken: von fünf auf ebenfalls vier Mark. Loderhose ist jedoch wichtig, dass die Aufmachung weiterhin qualitativ hoch bleibt. Daher verzichtet er auch nicht wie "Max" auf die Papierqualität, und das Heft bleibt klebegebunden - günstig für Sammler, da so die Themen immer nochmals auf dem Heftrücken aufgelistet werden. Die Zeitschrift allein reicht dem Chefredakteur jedoch nicht. Auch der Online-Auftritt, Aushängeschild der Tomorrow Internet AG, muss verbessert und nach seinem Willen stärker mit dem Printprodukt verzahnt werden. Zwar ist der Online-Auftritt Sache der vom Verlag getrennten AG. "Hüter der Marke" ist jedoch der Zeitschriften-Chefredakteur, also in diesem Fall Loderhose. Eine durchaus nicht unproblematische Situation, wenn ein Verlag bei Aktivitäten einer AG mitbestimmen will, doch es ist kein Wunder, wenn er sich eine engere Zusammenarbeit zwischen Online- und Printredaktion wünscht. Da hilft es, dass auch die Online-Mannschaft bald die Umzugskisten packt und in die Nähe des Stammhauses zieht.

Hauptsache, Loderhose kann bleiben, wo er ist. Immerhin genießt er die "Rechte des Älteren", seitdem er sein 20-jähriges Milchstraße-Dienstjubiläum feierte. Loderhose wurde im Mai 1979 "Cinema"-Redakteur, war dort lange Zeit nur der "kleine Willy", um ihn von "Cinema"-Chefredakteur Willy Bär zu unterscheiden. Das erfährt der Leser von "milky way", der Mitarbeiterzeitschrift der Milchstraße. Ob die Verlagsgruppe erwachsen wird, wie die Branche angesichts des plötzlich erwachenden journalistischen Anspruchs behauptet, vermag Verleger Manthey nicht zu sagen. Fest steht: "Sie wird älter. Und mit ihr die Mitarbeiter". Als einer von drei Mitarbeitern, die dem Verlag seit über 20 Jahren angehören, sei "Willy einer der ersten Anwärter auf den Goldenen Verlagskrückstock", schreibt Manthey über seinen Mann der ersten Stunde.

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