Zeitung Heute : Internet: Jupiter lässt grüßen

Robert Bongen

Für E.T. kommt das Projekt ein paar Jahre zu spät. Wie gerne hätte der Außerirdische mit dem rot leuchtenden Finger 1982 in Steven Spielbergs oscarprämierten Hollywood-Film "nach Hause telefoniert". Ginge es nach Vinton Cerf könnte E.T. bei seinem nächsten Erdenbesuch vielleicht wenigstens eine E-Mail in seine galaktische Heimat schicken. Denn Vinton Cerf, der als einer der Väter des Internet gilt, bastelt derzeit an einem Kommunikationssystem, das in naher Zukunft Raumschiffe, Asteroiden, Satelliten und Planeten miteinander verbinden soll. Zusammen mit Experten der NASA und der Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) hat der 56-jährige Amerikaner unlängst das Konzept für ein künftiges "InterPlaNetary Internet" (IPN) vorgestellt. Ein Internet für den Weltraum - keine Illusion: Bereits 2003 plant die NASA einen ersten Praxistest im Rahmen einer Mission zum Mars.

"Wir haben 20 Jahre gebraucht, um das Internet zu dem zu machen, was es heute ist. Es wird bald so allgegenwärtig sein wie die Elektrizität", sagt Cerf, selbst begeisterter Nutzer von elektronischer Post. Zusammen mit Robert Kahn hatte er einst das Transmission Control Protocol / Internet Protocol (TCP/IP), den Datenübertragungsstandard im Netz, entwickelt, ohne den es das World Wide Web oder E-Mail in der heutigen Form nicht geben würde. "Nachdem wir unseren Heimatplaneten erfolgreich verkabelt haben, muss es möglich sein, etwas Vergleichbares für den Weltraum zu schaffen."

Ein interplanetarisches Netzwerk hält Cerf für absolut notwendig. Schließlich sei bisher für jede einzelne amerikanische Weltraummission ein teures, eigenständiges Übertragungssystem entwickelt worden. Sein Plan ist es, die Vorteile des Internet auch im All zu nutzen und neue Domains wie "jupiter.sol" and "mars.sol" in einer festen Netzwerkumgebung zusammenzuschließen. Alles, was in Zukunft von den Menschen ins All geschossen wird, jedes Raumschiff, jede Raumstation, jeder Satellit, soll dazu eine dieser neuen IPN-Adressen bekommen.

Jede Weltraummission kann dann den bestehenden Kommunikationsstandard nutzen und es wird ohne große Probleme möglich sein, dass eine Sonde von der Oberfläche eines Planeten Daten direkt mit einem gerade vorbeirauschenden Raumschiff austauscht und sie danach zu einer Raumstation sendet - ohne dabei etwa den zeitraubenden Umweg über die Erde machen zu müssen. So wird jedes Gerät im All und natürlich auch jeder Planet zu einer Art Knotenpunkt für das neue interplanetarische Netz. Die dafür notwendige Energie sollen Solarzellen einfangen. "Kernenergie wäre effektiver. Aber radioaktiv angetriebene Sonden werden sich wegen der vorhandenen Ängste in der Bevölkerung nicht durchsetzen", erläutert Cerf.

Das Netzwerkprotokoll TCP/IP eignet sich jedoch nicht für die Datenübertragung im All: "Dafür sind die Entfernungen zu groß. Und außerdem kann es im Weltraum immer wieder dazu kommen, dass sich beispielsweise ein Planet zwischen Absender und Empfänger schiebt und die Verbindung stört", erläutert Scott Burleigh von der NASA. Falls zum Beispiel eine direkte Übertragung vom Mars zur Erde einmal nicht möglich ist, werden die Daten eben über zwischen geschaltete Knoten umgeleitet - etwa auf die Venus.

Um dies zu garantieren, arbeiten die Experten fieberhaft an einem neunen Übertragungsprotokoll, das Daten gebündelt statt in Echtzeit verschickt. Und zwar immer dann, wenn die Konstellation am günstigsten ist - etwa wenn Erde und Mars sich am nächsten sind. Ein kleiner Forschungs-Roboter auf dem Mars beispielsweise würde dann bald genauso einmal täglich ein Datenpaket bekommen wie Menschen die Post vom Briefträger. "Store and forward" (speichern und weiterschicken) nennt Burleigh dieses Prinzip. In so genannten "Interplanetary Gateways" werden die TCP/IP-Datenpakete in das künftige IPN-Format umgewandelt und so lange im Speicher behalten, bis eine erfolgreiche Weitergabe bestätigt wurde.

Voraussetzung für ein leistungsfähiges und zuverlässiges Weltraum-Netzwerk ist, dass so viele Geräte wie möglich mit einer neuen IPN-Adresse versehen sind, denn umso mehr Übertragungswege eröffnen sich.

Das IPN im All zu installieren dürfte jedoch laut Burleigh der schwierigste Part des Projekts werden: "Die Planer von Weltraum-Missionen sind sehr skeptisch gegenüber jeglichen zusätzlichen Risiken. Verständlicherweise, schließlich befindet sich unser Computer-System noch in der Experimentierphase und ist auch nicht gleich startbereit. Wenn aber die ersten Teile des interplanetarischen Internets installiert sind, wird es für Weltraum-Missionen weniger riskant sein, IPN zu nutzen als jedes Mal ein neues Kommunikationssystem zu erproben."

Kreist und kreuzt erst einmal ausreichend Hardware im Orbit und durchs Sonnensystem, möchte Vinton Cerf das Weltraum-Netz mit dem Internet verbinden. Dann könnten Erdenbürger einen Roboter mit einer Webcam über den Mars schicken und Astronauten E-Mails von Angehörigen und Freunden vom Heimatplaneten empfangen, ja sogar Musik oder Filme downloaden. "Man muss berücksichtigen, dass eine Reise zum Mars drei Jahre dauert. Die Leute werden IPN sicher vor allem dazu nutzen, um Kontakt zu halten", prophezeit Cerf.

Das beliebte Instant Messaging wird allerdings auch dann nicht möglich sein - eine Mail vom Mars zur Erde braucht zwischen acht und mehr als vierzig Minuten, je nachdem, welche Entfernung die beiden Planeten gerade zueinander haben. Dem vom Heimweh geplagten E.T. wäre das sicher egal gewesen.

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