Zeitung Heute : Internet-Magazin: Telepolis und wie sie die Welt sah

Markus Ehrenberg

Die Sendung mit der Maus feiert Geburtstag. 700 Hinrichtungen in 25 Jahren: Die USA feiern ein Jubiläum. Handy-Spiele als Einstiegsdroge für das kabellose Internet. Du sollst Dir kein Bild machen - Batmans sexuelle Orientierung. Liebe Deinen Klon wie Dich selbst.

Das sind so die ersten Schlagzeilen, die man morgens im Internet liest und abends in Online-Zirkeln diskutiert. Das ist die Welt, wie man sie als Bewohner von Telepolis sieht. Telepolis ist kein entlegener Planet, sondern das Magazin für Netzkultur, das populärste, deutschsprachige Kulturjournal im Internet. Wo es das neueste Handy oder den billigsten Provider gibt, erfährt man hier nicht unbedingt. Dafür eher, was am neuen Microsoft-Programm faul ist, warum digitale Kunstmessen die Kunst abschaffen oder wer wen in der Welt abhört. Mit diesem bunten Themenspektrum geht das Cyber-Magazin bereits in sein sechstes Jahr.

Tele-Polis, die ferne Stadt - so weit weg ist das gar nicht. Telepolis wird in München-Trudering gemacht. Weiter weg ist eher Chefredakteur Florian Rötzer - von den Jungspunden der Playstation- und StartUp-Generation. Mit seinen 47 Jahren sieht sich Rötzer schon in der "Nach-Netz-Generation". Dem kritischen Telepolis-Ton kommt das zu Gute. Von wegen Internet-Hype. Nirgendwo anders wird das Netz so hinterfragt. Wie in der antiken Polis ist das Online-Magazin ein Forum der Öffentlichkeit, steht Privates, Subjektives, wie Kurzgeschichten, neben öffentlich-rechtliche Debatten, wie die über Cyberkriminalität. Ein Feuilleton im Online-Journalismus - in einem Medium, indem es längere Text sehr schwer haben.

"Sex macht einsam"

Telepolis "druckt" sie. Und erfreut sich wachsender Beliebtheit, was allerdings auch an der Konkurrenz liegt: Es gibt keine. Von ein paar tausend Klicks Ende 1996 kletterte das Journal im Januar 2001 auf 2,5 Millionen Besuche - das steht zwar in keinem Vergleich zu SPIEGEL online (rund 12 Millionen Visits) oder Focus.de (10 Millionen), aber diese Auftritte haben andere Ansprüche: Exklusivnachrichten, Aktualität, Nutzwert.

"Wir sind keine Massenpublikation, kümmern uns um den Ausbau der Wissens- und Dokumentationsgesellschaft", sagt Florian Rötzer. Poesie, Weltraum, Technik im Kino, Gen-Debatte, Kurzgeschichten oder die Glosse "Sex macht einsam" - es gibt eigentlich nichts, was nicht schon den schrägen Telepolis-Dreh bekommen und für Diskussionsstoff in den Netz-Foren gesorgt hätte.

Das liest sich natürlich nicht so einfach weg wie die "Computer-Bild". Und manchmal kommen die Texte ein wenig abgehoben daher, wie der über "DC Comics" und "Batmans sexuelle Orientierung". Dennoch: Unter der Flagge Telepolis haben sich diverse Journalisten einen Namen gemacht, schreiben unter anderem für den Tagesspiegel. Zum Beispiel Florian Rötzer (schreibt auch für die FAZ) Christiane Schulzki-Haddouti (Süddeutsche Zeitung), Konrad Lischka (FAZ) oder Stefan Krempl (SZ).

Reporter in London

Telepolis gilt als die taz unter den Internet-Zeitungen. Eine Journalistenschule online, die billig ist. Die Redaktion besteht mit Rötzer aus drei Autoren. Einer davon sitzt in London. Die Drei redigieren und produzieren um die 2000 Texte im Jahr, betreuen 100 freie Autoren. Zum Vergleich: SPIEGEL online arbeitet mit 30 Redakteuren. Telepolis spielt in einer anderen Liga, mit der taz, die öfters mal um Leser betteln muss. Im Internet war Betteln bislang noch kein Thema. Aber in den USA werden zur Zeit massenweise Online-Redakteure entlassen. Der Markt sieht nicht gerade rosig aus für Cyber-Journalismus, wie Telepolis ihn macht. Ohne Pop-Up-Fenster, fast bilderlos, kaum Werbung, kein Nutzwert. Ruhm ja, Erlöse wenig - wie lange kann Telepolis das noch durchhalten?

Florian Rötzer weiß, dass die gelungene Schlagzeile und das beste Image "auf Dauer kein Zuschussbetrieb" sein dürfen. Der Heise-Verlag will nicht ewig nur Geldgeber sein. Immerhin: Im Juli 2000 erhielt das Kulturmagazin den Europäischen Preis für Online-Journalismus, Kategorie "Investigative Reporting". Da ging es um die sogenannten Enfopol-Pläne zur Abhörung der Internet-Kommunikation. Für Rötzer ein gutes, aber auch warnendes Beispiel: "Dieses Thema hatten wir als Erste. In den Medien wurde aber nur der Spiegel zitiert, der von uns abgeschrieben hatte. Agenturen sind konservativ. Den Spiegel kannte jeder, uns nicht."

Damit sich das ändert, hat sich das Magazin für Netzkultur zum fünften Geburtstag etwas Besonderes einfallen lassen: ein Preisrätsel. Drei Palm-Rechner sind zu gewinnen. Vielleicht sollte man dafür wieder mal Batman lesen.

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