Zeitung Heute : Internet-News gegen Geld?

Hardy Prothmann

Mathias Müller von Blumencron ist in einer verzwickten Lage. Der Chefredakteur von "Spiegel Online" kann mit der Nutzung des Angebots zufrieden sein, nur zu bezahlen ist es kaum. Wie wichtig das Netz den Deutschen ist, zeigen die sprunghaft gestiegenen Zugriffszahlen vieler Websites nach dem Terroranschlag. Allein "Spiegel Online" zählte im September eine Verdoppelung der so genannten Page-Impressions auf über 80 Millionen: "Die Leser haben das Internet in einer Dimension genutzt, die vor einem Jahr noch undenkbar war", sagt Müller von Blumencron.

Zurzeit erforscht "Spiegel Online" diese Leser und ihr Verhalten per Befragung: Online-Zugang, Interessengebiete, Bereitschaft zu E-Commerce, fast 40 Fragen muss der Surfer beantworten, um an einem Gewinnspiel teilnehmen zu können. Ein Vorbote für die Kommerzialisierung bei "Spiegel Online"? "Das ist Quatsch. Wir werden keinen E-Commerce auf unseren Seiten betreiben. Wir wollen unseren Anzeigenkunden bessere Informationen über unsere Nutzer geben. Natürlich vollständig anonymisiert."

Vor einem Jahr wurde die Spiegelnet AG gegründet mit hochfliegenden Plänen für die Vermarktung von Inhalten. Die Tochter Portal 100 GmbH sollte neue Portale und Kooperationen schaffen. Nach nur einem halben Jahr wurde Portal 100 eingestellt, statt geplanter 160 Mitarbeiter beschäftigt die AG rund 100 Menschen. "Das Geschäft ist sehr schwierig. Alle sagen, Content is King. Leider will kaum jemand dafür bezahlen." Viele Verlage denken deshalb über kostenpflichtige Modelle nach, doch "würde es ein ziemliches Desaster geben, wenn man eine Seite wie "Spiegel Online" komplett kostenpflichtig machen würde. "Wenn die Werbeerlöse nicht deutlich zunehmen, werden viele in Schwierigkeiten kommen. Dann müssen auch wir über neue Konzepte wie News gegen Geld nachdenken."

Auch die viel beschworene Konvergenz, das Zusammenwachsen von Internet und Fernsehen, scheint zunächst vom Tisch. "Von dieser Medien-Konvergenz sind nicht nur wir, sondern alle weiter entfernt, als bisher angenommen", sagt Müller von Blumencron. Trotzdem will die Leserumfrage das Interesse an Ton- und Bewegtbild-Angeboten wissen. Wachsen "Spiegel", "Spiegel TV" und "Spiegel Online" über Synergieeffekte zusammen? "Die einzelnen Objekte arbeiten immer enger zusammen, bleiben aber eigenständige Einheiten", sagt Müller von Blumencron. Das muss er sagen, denn die Mitarbeiter KG des Spiegel-Verlags sieht das Internet-Engagement wegen der hohen Personalkosten und des Millionen-Defizits mit gemischten Gefühlen. Welche Zukunft kann "Spiegel Online" haben? "Spiegel Online wird nie eingestellt werden. Wir planen für das nächste Jahr aber mit einem sehr konservativen Budget."

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