Zeitung Heute : Internet World Berlin: Im Speckgürtel der Traditionsfirmen

Matilda Jordanova-Duda

Berlin ist der zweitwichtigste Internet-Standort in Deutschland - und steht mit Hamburg etwas abseits der räumlichen Konzentration der New Economy hierzulande. Die meisten Internet-Gründungen finden sich in einem Gürtel, der von der Region Rhein-Ruhr über Frankfurt und Stuttgart bis nach München reicht. Gemeinsam mit dem Magazin "Focus" hat der Lehrstuhl für Gründungsmanagement und Entrepreneurship an der privaten Hochschule "European Business School" in Oestrich-Winkel die Standortwahl der jungen Internet- und Multimediabranche analysiert. Dafür wurden fast 9000 Firmen mit dem Schwerpunkt Internet und E-Commerce befragt, die seit 1993 in Deutschland gegründet worden sind. 1178 Unternehmen haben geantwortet, und ihre Angaben wurden im Forschungsprojekt e-startup.org ausgewertet.

Die Rohstoffe Information und Wissen lassen sich per Internet kostengünstig und schnell an jeden Ort übertragen und verarbeiten. Das würde die New Economy unabhängig von Standortbedingungen machen. So dachte man früher. Stattdessen bildet die neue Internet-Wirtschaft ähnliche Kerne wie die Industrie von einst. Mehrere Faktoren führen zum Konzentrationseffekt, sagt Projektleiter Lutz Krafft. Die Internet-Gründer siedeln sich im Speckgürtel der traditionellen Wirtschaft an, da sie für diese Dienstleistungen anbieten. Ausgründungen aus den Hochschulen und Forschungsinstituten bescherten Städten wie Bonn, Karlsruhe oder Darmstadt mehrere Softwareschmieden. In Ballungszentren haben die Firmengründer einen leichteren Zugang zu qualifizierten Mitarbeitern. Ein Plus vor allem für Venture Capital (VC)-finanzierte Unternehmen, deren Geldgeber ein schnelles Wachstum erwarten. Deshalb konzentrieren sich 60 Prozent der VC-Finanzierungen auf die fünf Städte mit den meisten VC-Geschäftsstellen. Auf dem Lande sind kaum Spezialisten zu bekommen, es sei denn mit einer Greencard.

Die Metropole der New Economy ist zur Zeit München. Hier finden sich die meisten Unternehmen und das beste Marktumfeld. Auszusetzen haben die Gründer an der bayerischen Hauptstadt die horrenden Personal- und Mietkosten. Auf den Plätzen zwei und drei landen Berlin und Hamburg. Fachkräfte und freie Büro- und Gewerbeflächen gibt es an der Spree noch im Überfluß. Berlin holt gewaltig auf: Die Gründer schätzen besonders die "Szene" und den internationalen Flair der Stadt. "Berlin ist immer und wird nie, der Wandel ist somit allgegenwärtig. Passt hervorragend zur net-economy!" - schrieb einer sein Liebesbekenntnis in den Fragebogen. Hamburgs lokales Marktpotential erreicht jedoch bessere Werte.

Ausschlaggebend für das Ranking sind vier Faktoren: die Zahl aktiver Gründungen, die Zahl der Mitarbeiter je Unternehmen, die Attraktivität der Region aus der Sicht der Gründer und die Einschätzung des lokalen Marktpotentials. Letzteres trifft allerdings nur eingeschränkt auf Firmen zu, die bundesweit oder international agieren.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben