Zeitung Heute : Internet World Berlin: Weniger Powerpoint, mehr Realitätssinn

Jochen Reinecke

Noch nie habe ich mich so auf neutrale, normale und nüchterne Gesichter gefreut. Denn wenn es für die letzte Internet-World vor einem Jahr ein Charakteristikum gab, dann war es eben das konsequente Fehlen von Neutralität, Normalität und Nüchternheit. Während letztes Jahr um diese Zeit in den USA schon absehbar war, dass der Internethype seinen Zenith überschritten hatte, lagen in Deutschland die Startup-Gründer noch im fiebrigen Euphorietaumel. Wer damals in der Lage war, fehlerfrei eine Janosch-Tigerente hinter sich herzuziehen, oder gar ohne umzufallen per Alu-Roller durch die Gegend zu oszillieren, der hatte ja schon die schwerste Hürde für das Erhalten mindestens zweistelliger Venture-Capital-Millionen gewonnen. Business-Plan? Voller Fantasie-Trilliarden. Erlösmodell? Och, erst mal weltweite Expansion. Alleinstellungsmerkmale? Äh, nächste Frage bitte.

Junge Menschen mit gelben Brillen tobten wie von der Zecke gebissen durch die Messehallen, lallten Buzzwords in ihre Handy-Freisprechanlagen, während sie synchron Visitenkartenquartett spielten. Barbusige Hostessen mit Bodypaintings verteilten mit gestähltem Grinsen Flyer und CD-ROMs. Im Zweimeterabstand Startups mit Firmennamen wie aus dem Lesebuch fürs erste Grundschuljahr; wer noch drei Jahre zuvor als Klassenstreber folgerichtig die Brille zertreten bekommen hatte, verteilte jetzt schon seine Visitenkarte mit besonders wichtigen Worten wie "CEO", "Senior Strategy Consultant" oder doch wenigstens "Leiter Online-Animation". Und abends - Party. Oder was man dafür hielt.

Ist jetzt klar, warum ich mich so auf die Internet-World freue? Weil die Realität eingekehrt ist. Weil es jetzt wieder um Inhalte, Ideen, Kreativität geht, und zwar in Verbindung mit einem funktionierenden Ertragsmodell. Weil die schlimmsten und überkandideltsten Prahlhanseln der Startup-Fraktion durch real existierenden Darwinismus von selber verschwunden sind. Und weil die, die übrig geblieben sind, jetzt hoffentlich nicht mehr von oben herab kommen, sondern wenn, dann höchstens von der Seite; freundlich und informativ, wie sich das für eine Messe gehört. Ich freue mich darauf, dass Menschen um meine Aufmerksamkeit buhlen, mir erklären möchten, was sie da eigentlich machen. Und brav auf meine Fragen antworten, anstatt mir wie letztes Jahr ungefragt rechtschreibfehlerübersäte Powerpointpräsentationen um die Ohren zu schlagen. Darum freue ich mich auf die Internet-World 2001.

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