Zeitung Heute : Internet World: Gut gestreamt ist halb gewonnen

Kurt Sagatz

Merchandising ist das Gebot der Stunde. Auch beim FC Bayern München. Trikots, Schals, Wimpel, Fahnen, Anstecker - alles, worauf das Logo des Fußballklubs passt, bietet sich zur Vermarktung und als zusätzliche Geldquelle an. Und das nicht nur im Klub-eigenen Fanshop, sondern natürlich auch auf den Shop-Seiten der Bayern-Homepage. Und die gehört zu den virtuellen Ausstellungsstücken auf der Berliner "Internet World". Am Stand der INETV aus München fährt Vertriebsvorstand Michael Weiss mit der Maus über den Flachbildschirm und weist auf die Besonderheiten: Auf einem Web-Video kann der Bayern-Fan sich die verschiedenen Accessoires nicht nur ansehen, sondern auch gleich anklicken und über den Online-Shop sogleich bestellen. Ein Blick in die Zukunft des interaktiven Fernsehens auf der Homepage des FC Bayern.

Zum Thema Online Spezial:
Internet World 2001 Sicherlich, der Schulterschluss von Fernsehen und Computer ist längst nicht so weit, um die 50 Prozent der Deutschen, die nach einer Umfrage der Initiative D21 und Emnid auch weiterhin keinen Internet-Anschluss in den eigenen vier Wänden haben wollen, vom Gegenteil zu überzeugen. Analoge Modems und selbst ISDN-Leitungen übertragen bewegte Bilder und Audiosignale nicht annähernd in der Qualität, die Fernsehgeräte oder Stereo-Anlagen darstellen können. Der Spielfilm aus dem Netz bleibt somit auf absehbare Zeit eine Vision. Durchaus realistisch ist hingegen heute schon, dem zumeist sehr statischem World Wide Web mit bewegten Bildern auf die Sprünge zu helfen.

Weg vom statischen Web

Eines der Online-Angebote, dass auf die klassische Form von Multimedia - also auf Video - setzt, ist die Internet-Arbeitsvermittlung Jobline. Auch sie zählt zu den Kunden der Münchener INETV. Jobline nutzt die bewegten Bilder zur Präsentation von Firmen, die auf der Suche nach neuen Mitarbeitern sind. Wie zum Beispiel UUNet. Der in Dortmund ansässige Internet-Provider will den Kampf um die besten Köpfe mit einem Video gewinnen, in dem der künftige Mitarbeiter schon einmal seinen Arbeitsplatz, seine Kollegen und natürlich die neuen Chefs kennen lernen kann.

Die Übertragung von Audio und Video über das Internet wird in der Branche als Streaming Media bezeichnet. Streaming Media ist zugleich der Name des neuen Messebereichs, der in den letzten drei Tagen parallel zur Internet World Berlin stattfand. Rund 150 Firmen stellten zu diesem Thema in Halle 25 ihre Ideen vor. Und auch der Umstand, dass in dieser Halle noch reichlich Platz für Gastronomie blieb, konnte nichts daran ändern, dass Streaming Media eine der wenigen Trends ist, die von der Internet World in Erinnerung bleiben werden.

Meist Special-Interest-Sendungen

Technisch gesehen meint Streaming Media, dass die Daten - egal ob nun reine Audio-Informationen oder gekoppelt mit Videobildern - bereits während des "Fließens" über die Leitung nahezu live am Computer betrachtet werden können. Die noch sehr geringe Qualität der Übertragung schränkt die Nutzungsmöglichkeiten von Streaming Media über das normale Internet allerdings auf wenige Bereiche ein. Zumeist handelt es sich bei den Video-Sendungen um reine Special-Interest-Veranstaltungen: Hauptversammlungen, Pressekonferenzen oder Diskussionsveranstaltungen zu ausgewählten Themenkreisen sind die Regel. Dies gilt auch für die Sigmaringer Firma WebVision. Trotz aller Einschränkungen habe der Einsatz von Streaming Media gegenüber allen anderen herkömmlichen Internet-Techniken jedoch einen großen Vorteil, meint Marcel Beinroth: Das bewegte Bild sei dazu in der Lage, auch über das Web einen emotionalen Kontakt zum Betrachter herzustellen. Dies zahle sich beispielsweise bei Schulungen mit Streaming-Media-Techniken aus. Es sei zudem angenehmer, einen Video-Stream zu verfolgen, als fünf Seiten Text zu lesen.

Das meint auch Marketing-Vorstand Henning Stiegenroth vom Berliner Anbieter Altus. Das Unternehmen, das unter anderem Hertha BSC im Internet betreut und sich einen Namen mit der zeitversetzten Internet-Ausstrahlung von Bundesliga-Spielen gemacht hat, organisiert ebenfalls Video-gestützte Schulungs-Angebote über Internet-Technologien. Vor allem größere Firmen wie BASF oder die Deutsche Bank setzen inzwischen Streaming Media in ihrer internen Unternehmens-Kommunikation ein. Ansprachen an die Mitarbeiter, Betriebsrats-Sendungen, die Umstellung der Firmenzeitschrift auf bewegte Bilder - es sei eben eine Frage der Mitarbeiterkultur, in wie weit der Einsatz der neuen Techniken als sinnvoll erarchtet wird oder nicht.

Die Nutzung innerhalb von Unternehmen hat gegenüber der Übertragung über das normale Internet überdies einen entscheidenden Vorteil. In den hauseigenen Intranets ist Bandbreite kein Problem. Während über ein 56-K-Modem maximal Videos in einer Größe von 160 mal 120 Pixeln ohne allzugroße Verluste übertragen werden können, lassen die Hausnetze auch Übertragungen zu, bei denen wirklich zu erkennen ist, wer da gerade eine Ansprache an die Belegschaft hält. Nicht zuletzt aus diesem Grund richten die meisten Firmen in dieser Branche wie Altus oder auch WebFreeTV ihre Angebote vor allem am Firmenkunden-Klientel aus. Im öffentlichen Teil des Internets hingegen finden sich aus diesem Grund noch vergleichsweise selten Video-Beiträge. Nur jedes zehnte Web-Angebot hat die neue Technik bereits integriert, meint Altus-Vorstand Stiegenroth. Bis sich diese Situation nachhaltig verbessert hat, wird es nach Stiegenroths Einschätzung noch ein bis zwei Jahre dauern.

Möglicherweise geht es jedoch auch etwas schneller. Vor allem, wenn die werbetreibende Wirtschaft ein Wort mitreden kann. In den USA werden bereits Videos als Werbeträger eingesetzt. Michael Weiss von INETV will dieses Format nun nach Deutschland bringen. Um das bekanntlich äußerst geringe Interesse der Nutzer an Werbung zu steigern, werden auf den Bannern kleine Filmchen - im weiter verbreiteten Flash-Format - zu sehen sein, die sich per Mausklick zu echten Videos vergrößern lassen. Die Erfahrungen aus den USA sind verlockend: 20 Prozent der Betrachter der Video-Werbung konnten sich später noch an den Spot erinnern. Heute ist man bei Online-Werbung schon glücklich, wenn jeder hunderste User auf einen Banner klickt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar