Zeitung Heute : Internet-World: Trends im Netz: Buntes nicht nur als Selbstzweck

Henry Steinhau

In einem war sich die Fachjury schnell einig: Will eine Internet-Seite heute attraktiv und unterhaltsam auftreten, sollten ihre Produzenten mit vollen Händen aus der Multimedia-Trickkiste schöpfen. Ein Credo, das man vom kürzlich in Stuttgart verliehenen Deutschen Multimedia Award (DMMA) gewiss erwartet - sonst würde er ja nicht so heißen. Der DMMA existiert seit 1996 und gilt in der Branche mittlerweile als wichtigste nationale Auszeichnung. Doch bezogen auf das Internet war "Multimedia", als neuartige, weil interaktiv nutzbare Kombination von Fotos, bewegten Bildern, Musik, Sprache und Animationen, eher Wunsch denn Wirklichkeit in den eingereichten Anwendungen. In Ermangelung entsprechend leistungsfähiger Hardware und flächendeckend standardisierter Software, vor allem aber auf Grund unzureichender Übertragungsbandbreiten limitierten sich die Web-Wizards auf Texte und Bilder. Heute, rund acht Jahre nach den ersten "Internet-Browsern" mit grafischer Benutzeroberfläche, könne es nach Auffassung der DMMA-Jury kaum noch technisch begründete Entschuldigungen geben, auf Multimedia zu verzichten, im Gegenteil: Schnellere Modems, schnellere Zugänge, schnellere Rechner und vor allem Software, die Multimedia-Anwendungen zu immer kleineren und daher schneller zu übertragenden Datenpaketen schnürt. Zum Beispiel das längst als Quasi-Standard etablierte Entwicklungswerkzeug Flash, mit dem für durchschnittlich ausgerüstete Internet-Nutzer nicht nur flotte Animationen und Sounds, sondern ganze interaktive Enter- und Infotainment-Umgebungen zu realisieren sind.

Zum Thema Online Spezial:
Internet World 2001 Wer sich beispielsweise bei den "Cyberpirates" einwählt, kann sich in eine von neun Flash-animierten und geräuschvoll vertonten Science-Fiction-Welten versenken. Hinter den Kulissen der stilistisch umwerfend umgesetzten Weltraum-Abenteuer einer Raumschiff-Crew geht es um modische Kleidung für junge Zielgruppen. Eher Imagewerbung, gewiss, aber durchaus mit Nutzwert: Ansehen, auswählen und bestellen lassen sich die hippen Klamotten der Cyber-Piraten nämlich auch. "Eine vorbildliche Verbindung von Shop und Entertainment", begründete die DMMA-Jury. Für die Cyber-Pirates war das schon ihre insgesamt fünfzehnte Auszeichnung, darunter der begehrte Cyberlion des internationalen Werbefestivals in Cannes.

Die Web-Seite Nitrousa wiederum spricht eine spezielle Community an: Snowboarder. Animationen, Videoclips, trendig geschnittene Feature-Filme, viel Infotainment, etwa über Snowboard-Gebiete und -Stars, ergänzen hier den optisch opulenten und zudem mit Produkten vollgepackten Online-Shop. Bei der Nitrousa-Site, ebenfalls Preisträger des diesjährigen DMMA, zeigt sich zudem deutlich, wie wichtig die optische, vor allem aber die akustischhe Atmosphäre ist. Denn die jugendlichen Snowboarder definieren sich auch über bestimmte Musikstile. "Musik und Sounds haben die stärkste Wirkung, um eine emotionale Bindung bei den Nutzern zu erreichen", sagt Martin Johanus, Art-Director der jungen Berliner Multimedia-Firma Showbits. "Wie bei einem Film hinterlassen auch Bilder und Bewegungen einer Web-Seite durch die unterlegten Sounds einen intensiveren Eindruck." Aus dem Hörfunk und bei Telefon-Service-Centern seien eingängige akustische Logos bereits bekannt. Und gerade im Internet käme solchen "Ear-Catchern" wachsende Bedeutung zu. Beispielsweise für den Web-Auftritt einer Augenklinik, an dem Showbits gerade arbeitet.

Multimedia mit Nutzwert

Neben dem Vertonen von Navigationselementen oder Hilfetexten, nimmt in letzter Zeit auch der Einsatz künstlicher Gastgeber oder Begleiter einer Webseite zu. So stellte das Berliner Astron-Hotel kürzlich die von einer computeranimierten Concierge geführte Tour durch ihre entsprechende City-Location ins Web. Die elegante und verblüffend schnell ablaufende 3D-Präsentation der wichtigen Hotel-Einrichtungen - vom Nutzer auch individuell zu erklicken - sieht nicht nur gut aus, sondern macht durchaus Sinn, gerade für die Reise-Abteilungen von Unternehmen oder von Konferenz-Veranstaltern. "Kein Gimmick, sondern gezielte Business-to-Business-Aktivität", sagt Claudia Alsdorf, Geschäftsführerin der Berliner Multimedia-Agentur Echtzeit, die das virtuelle Astron-Hotel entwickelte. Zugleich Beweis, so Alsdorf, dass bei Geschäftsbeziehungen nicht immer nur trockene Tabellen und Texte ausgetauscht werden müssten - im Gegenteil. Ob junge B-to-B-Marktplätze im Web, wie der des Startups Econia, oder die Website eines etablierten Transportunternehmens, wie Transoflex, multimediale Bestandteile lassen sich geschäftsfördernd integrieren.

Gleichwohl sollte man heutzutage multimediale Attraktivität nicht mit potenziellem Erfolg gleichsetzen. Es sei an die virtuelle Verkäuferin "Miss Boo" erinnert. Das Scheitern der Internet-Textilmarke und -firma Boo.com konnte sie zumindest auch nicht verhindern. Wer weiss also, wie lange Baby Fred, den die Kölner Agentur Plan B Media im Auftrag der British Telecom kürzlich als Website-Begleiter in die virtuelle Welt setzte, über die Bildschirme glucksen wird. Auch die Cyber-Pirates sind vor kurzem offline gegangen. Grund seien jedoch weniger kommerzieller Misserfolg als vielmehr geschäftliche Verschiebungen bei den Auftraggebern, so die Produktionsfirma Scholz & Volkmer.

"Multimedia darf heutzutage kein Selbstzweck mehr sein", warnt Wolfgang Henseler, Geschäftsführer der Offenbacher GFT Pixelfactory und Hochschulprofessor für multimediale Gestaltung. "Im Mittelpunkt müssen stets Nutz- und Gebrauchswert der Anwendung stehen". Unter diesem Aspekt der "Usability" erscheinen so mancher nicht abzubrechender Trailer oder oft an den falschen Stellen dazwischenfunkende Erklärungssequenzen als entbehrlich. "Ausgangspunkt muss die jeweilige Nutzungssituation sein, und die kann sich selbst bei ein- und demselben Anwender mit jedem erneuten Gang auf die Seite verändern", plädiert Henseler für die Situationsbezogenheit, wozu gerade computergestützte, interaktive Web-Seiten in der Lage seien. Das könne beim Anpassen der Grußformel in Abhängigkeit von der Tageszeit beginnen, würde sich aber beim entsprechenden Austausch von Inhalten eines Portals fortsetzen. Wo tagsüber berufliche Belange dominieren, könnten Abends und am Wochenende eher Freizeit-bezogene Angebote im Vordergrund stehen. Hensler betont: "Neben der Multimedialität ist für die Attraktivität eines Internet-Angebots zukünftig die individuelle und momentane Relevanz entscheidend.".

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