Beispiel Berliner Antike-Kolleg

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Interview : „Die Wissenschaft profitiert von der Kunst“

Könnten Sie da konkret werden?

Nehmen wir das Beispiel Topoi, unser gemeinsames altertumswissenschaftliches Exzellenzcluster, und das Berliner Antike-Kolleg, das sich daraus entwickelt hat. Bei beidem wirken Freie Universität und Humboldt-Universität sowie vier außeruniversitäre Forschungseinrichtungen zusammen, darunter die BBAW und die SPK. Jetzt starten wir gemeinsam die „Berliner Graduate School for Ancient Studies“ mit vier Promotionsstudiengängen. Die Museen bieten dabei „Material Culture and Object Studies“ an, bei der BBAW geht es um Schriftzeugnisse, beim Deutschen Archäologischen Institut um Landschaftsarchäologie und beim Berliner Max-Planck-Institut um Wissenschaftsgeschichte. Für uns als Stiftung ist diese Nachwuchsförderung besonders wichtig. Denn wenn diese jungen Forscher später bei uns arbeiten, so ist neben Fachkompetenz auch profundes Wissen um konservatorische Belange oder zu Rechtsfragen im Kulturgüterschutz wichtig. Bisher fehlte eine solche Zusammenarbeit zwischen den Einrichtungen in Berlin.

Was kann dieser große Forschungsverbund an Neuem hervorbringen?

Wir knüpfen hier an eine Tradition des späten 19. Jahrhunderts an, als die Altertumswissenschaften erste Institutionen übergreifende Großforschungsverbünde geschaffen haben. Das Berliner Antike-Kolleg wird eine Schnittstelle, durch die alle universitären und außeruniversitären Einrichtungen mit altertumswissenschaftlichen Kompetenzen, die schon seit vier Jahren in Topoi zusammenarbeiten, dauerhaft verbunden werden. Als gemeinsamer Ort wird eine Geschäftsstelle in den Museumshöfen gegenüber der Museumsinsel geschaffen. Das war mir persönlich wichtig, um der alten Idee der „Freistätte für Kunst und Wissenschaft“ neuen Schwung zu verleihen, sichtbar für unsere Forscher, aber auch für die Wissenschaftler der Universitäten.

Farbe bekennen. Das Wandbild „Neochori“ (2011) von Rebecca Michaelis entstand anlässlich der Ausstellung „Akademie zeigt Farbe“, in der vier Berliner Künstlerinnen und Künstler aktuelle, teils eigens für das Akademiegebäude entwickelte Arbeiten zum Thema Farbe zeigten. Foto: BBAW
Farbe bekennen. Das Wandbild „Neochori“ (2011) von Rebecca Michaelis entstand anlässlich der Ausstellung „Akademie zeigt Farbe“,...

Und wie wird der verstärkte Forschungsbezug in den Museen der Stiftung sichtbar?

Es werden Ausgrabungen unternommen, bei denen wir von den eigenen Beständen ausgehen, über deren Kontexte wir mehr wissen wollen. Diese Erkenntnisse schlagen sich dann in der musealen Präsentation nieder. Am Tell Halaf etwa, wo Max von Oppenheim seinerzeit die berühmten, kürzlich rekonstruierten Skulpturen entdeckte, stellt sich die Frage, wie der Palastbereich in die Stadt eingebunden war. Durch solche Projekte lassen sich im Museum neue Geschichten erzählen.

Welchen Stellenwert hat die Forschung im Bereich der Restitution?

Das ist für alle Kultureinrichtungen eine zentrale Aufgabe. Berlin ist dafür gut aufgestellt. Die Staatlichen Museen sind mitten in der Aufarbeitung ihrer Sammlung zur Klassischen Moderne. Wir nehmen uns vor allem solche Bestände vor, deren Herkunft aufgrund des Zeitbezuges kritisch sein könnte. Wir wollen systematisch arbeiten, auch ohne konkrete Anträge auf Restitution. Seit einigen Jahren ist die Arbeitsstelle für Provenienzrecherche bei der SPK angesiedelt, die vom Kulturstaatsminister und der Kulturstiftung der Länder finanziert wird. Dort können aus ganz Deutschland Anträge auf Finanzierung von Projekten zur Provenienzforschung gestellt werden.

Wie finanzieren Sie Ihre neuen Vorhaben bislang?

Wir haben in den letzten drei Jahren unsere Drittmittel, die von Stiftungen im Wettbewerb vergeben werden, verdoppelt. Dabei wurden nicht nur Gelder für Forschungsprojekte eingeworben, sondern auch für Vorhaben zur Weiterentwicklung der Forschungsinfrastruktur. An der Staatsbibliothek etwa ist eine virtuelle Forschungsumgebung Ostasienwissenschaften entstanden, eine Plattform, auf der sich Forschergruppen weltweit vernetzten. Auch so etwas wird von der DFG gefördert.

Ist das eine neue Entwicklung?

Ich denke schon, dass man inzwischen bewusster die Möglichkeiten beobachtet, die die Forschungsförderung bietet. Beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) versuchen wir bei jeder neuen Förderlinie zu punkten, die für uns interessant ist. So läuft ein großes Projekt zu Schinkel über das BMBF-Programm „Übersetzungsfunktionen in den Geisteswissenschaften“. Auch die Volkswagenstiftung fördert Forschung in Museen. Dort konnten wir ein Vorhaben zu den Folgen des Zweiten Weltkrieges für russische Museen starten. Die russischen Kulturgutverluste in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten werden dabei erstmals unter sammlungsgeschichtlichen Aspekten erforscht. Die Arbeit leisten Tandem-Teams mit je einem deutschen und einem russischen Nachwuchswissenschaftler.

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