Interview : Christian Wulff: "In die Mitte unserer Gesellschaft"

Der Bundespräsident engagiert sich für die Special Olympics. Schülerreporter der Paralympics Zeitung trafen Christian Wulff im Schloss Bellevue.

Zu Gast im Bellevue. Paralympics-Zeitung-Reporterin Elisa Kremerskothen (19), sowie Lucas Alexander Kahnt und Simon Roehm (beide 12) von der Albatros-Förderschule beim Interview mit Christian Wulff.
Zu Gast im Bellevue. Paralympics-Zeitung-Reporterin Elisa Kremerskothen (19), sowie Lucas Alexander Kahnt und Simon Roehm (beide...Foto: Thilo Rückeis

Sie sind Schirmherr der „Special Olympics National Games“ in München im nächsten Jahr. Welche Beweggründe hatten Sie, diese Schirmherrschaft zu übernehmen?

Ich möchte mit meiner Schirmherrschaft noch mehr Aufmerksamkeit auf diese Spiele in unserem Land lenken. Sie haben es verdient. Wer sportliche Wettkämpfe von Menschen mit Behinderung erlebt, der weiß, wie beeindruckend die Leistungen sind, die die Sportlerinnen und Sportler erbringen. Und der weiß auch, wie großartig die Atmosphäre im Stadion ist. Ich hoffe, dass viele Menschen diesen Sportsgeist in München miterleben werden.

Weshalb ist Ihrer Ansicht nach Sport für Menschen mit geistiger Behinderung wichtig?

Der Behindertensport und gerade der Sport für Menschen mit geistiger Behinderung spornt in besonderer Weise an, verbindet die Menschen und bringt sie einander näher. Das gilt für Aktive und Zuschauer – mit und ohne geistige Behinderung. Die daraus für die Sportlerinnen und Sportler erwachsende Motivation kann über den Sport hinaus dazu beitragen, dass diese Menschen ihre Chance für ein Leben in der Mitte der Gesellschaft wahren.

Ihre Meinung als Vater: Was können wir tun, um insbesondere Kindern einen ungezwungenen und offenen Umgang mit Menschen mit Behinderung zu vermitteln?

Kinder gehen selbstverständlicher und unkomplizierter als Erwachsene damit um, wenn jemand anders als sie selber ist. Sie sind neugierig, aufgeschlossen, und sie lassen sich weniger von Vorurteilen leiten. Wer als Kind schon früh und intensiv erlebt, wie normal das Verschiedensein ist, der wird in aller Regel auch später als Erwachsener Menschen mit Behinderung offen und ungezwungen begegnen. Um solche Normalität zu erreichen, müssen wir uns noch mehr anstrengen, damit der gemeinsame Kitabesuch, der gemeinsame Schulbesuch von Kindern mit und ohne Behinderung überall der Regelfall wird.

Warum ist Inklusion, die Einbeziehung aller Menschen in ein gemeinsames Alltagsleben, wichtig?

Im Kern geht es dabei um die Frage, wie wir es noch besser schaffen, dass alle Menschen in gleicher Weise von ihren grundlegenden Rechten Gebrauch machen können. Niemand soll durch eine Beeinträchtigung daran gehindert werden, am sozialen Leben teilzunehmen. Das bedeutet auch, dass Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen – bei der Arbeit, beim Wohnen, beim Lernen und in der Freizeit – ganz selbstverständlich dazugehören. Sie gehören in die Mitte unserer Gesellschaft. Das sind also zwei Seiten ein und derselben Sache: gleiche Rechte und Chancen in einer Gesellschaft der Vielfalt und Einbeziehung aller in das soziale Leben.

Welchen Beitrag kann die Idee, Kinder mit geistiger Behinderung Regelschulen besuchen zu lassen, für deren Integration leisten? Halten Sie diesen Ansatz für umsetzbar?

Wenn Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen, wenn ihre Schule die richtigen personellen, konzeptionellen und räumlichen Bedingungen dafür bietet, dass alle Schülerinnen und Schüler gut lernen können, dann trägt das sehr viel dazu bei, dass wir es als normal ansehen, verschieden zu sein, dass wir uns nicht nach unseren Behinderungen beurteilen. Ich halte den gemeinsamen Unterricht als Regelfall für umsetzbar; er ist auch eine Verpflichtung, die sich aus dem Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ergibt.

Bei den Mannschaftswettkämpfen der Special Olympics treten sogenannte „Unified-Mannschaften“ an. Hier bilden nichtbehinderte Sportler mit behinderten Athleten ein Team. Denken Sie, dass man diesen integrativen Ansatz auf andere Lebensbereiche übertragen kann?

Ja, davon bin ich überzeugt. Ob es sich um die allgemeinen Schulen handelt, um bürgerschaftliches Engagement oder um den ersten Arbeitsmarkt: Wo es gelingt, dass Menschen mit Behinderung mittendrin dabei sind, dort profitieren alle. Dafür gibt es auch schon gute Beispiele: integrative Hotels etwa, die das Motto verbindet „Als Gast willkommen – als Mensch erwünscht“ und die bei ihren Gästen beliebt sind.

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