"Das Bruttoinlandsprodukt ist ein unpräziser Maßstab"

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Interview : „Wohlergehen lässt sich nicht nur am Wachstum messen“

Wir haben zudem einen Vizekanzler und Wirtschaftsminister, der als Überlebensstrategie für seine Partei das Mantra „Wachstum, Wachstum, Wachstum“ ausgegeben hat. Mit dem Konzept einer „Grünen Wirtschaft“ werben Sie für eine Wirtschaftsweise, die das Naturkapital der Erde im Blick behält. Hat ein solches Konzept eine Chance, angesichts des bisherigen Totalversagens?
Ich will erst mal das Totalversagen hinterfragen. Auch wenn die Bilanz unter dem Strich immer noch unzureichend ist, sollten wir nicht übersehen, dass in manchen Bereichen Erstaunliches geleistet worden ist. Ich möchte da auch auf die deutsche Energiepolitik hinweisen. Weltweit wird wahrgenommen, dass eine Exportnation wie Deutschland es innerhalb von 15 Jahren geschafft hat, ein Fünftel seines Stroms mit erneuerbaren Energien zu decken. Und das ohne Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Im Gegenteil, Deutschland geht es heute wirtschaftlich besser als vor zehn Jahren. Vor zehn oder 15 Jahren galt das noch als Zukunftsillusion. Das sollte man trotz der tagespolitischen Debatten nicht übersehen. Wir unterschätzen auch den Übergang der Investitionen von den fossilen Brennstoffen hin zu den erneuerbaren Energien. Wir haben 2010 weltweit mehr als 210 Milliarden Dollar Investitionen in erneuerbare Energien gesehen. Das ist mehr als in den Öl-, Gas- und Kohlekraftwerkssektoren zusammen. Es ist aber auch klar geworden, dass wir damit nicht weiterkommen werden, wenn wir diesen Übergang nicht ordnungspolitisch unterstützen. Genau darin liegt die Herausforderung der Diskussion über das Wirtschaftswachstum. Das Wohlergehen einer Nation an einem so unpräzisen Maßstab wie dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukt alleine zu messen, ist nicht mehr vertretbar. In Rio wird auch darüber diskutiert werden, welcher Indikator nicht nur das quantitative, sondern auch das qualitative Wachstum abbilden kann. Beispielsweise die Frage, wie viele Arbeitsplätze werden pro Milliarde investierter Euro geschaffen – nach Schätzungen des Unep-Green-Economy- Berichts schaffen die Erneuerbaren bis zu 30 Prozent mehr Arbeitsplätze. Das Wohlergehen einer Gesellschaft kann man nicht nur mit dem Indikator Wachstum messen oder gestalten.

In Deutschland gibt es seit mehr als 20 Jahren eine umweltökonomische Gesamtrechnung, die von den Entscheidungsträgern regelmäßig ignoriert wird. Seit zehn Jahren gibt es eine Nachhaltigkeitsstrategie mit einem dutzend Indikatoren, an denen ihr Fortschritt gemessen werden soll. Auch die wird kaum beachtet. Nur das Bruttoinlandsprodukt wird ernst genommen.
Auch in Deutschland gibt es sehr unterschiedliche Interessen und Widerstand gegen Veränderung. Aber so absolut wäre mein Urteil nicht. Denn wir haben einen gesellschaftspolitischen Konsens, der in vielerlei Hinsicht anders aussieht als vor zehn Jahren. Bei Unep haben wir in den vergangenen Jahren viel Energie darauf verwendet, wie wir präziser die Nachhaltigkeit unserer Volkswirtschaften bewerten können. Dazu gehört auch die Bewertung des Naturkapitals eines Landes. Deutschland hat 2008 die Initiative TEEB zur Ökonomie von Ökosystemen und Biodiversität angestoßen, mit der versucht worden ist, die Ökosystemdienstleistungen der Natur – also Wälder, Flüsse, Böden – zu beziffern. Wir müssen den Wert der Natur auch ökonomisch erfassen können, damit wir in der Finanz- und Wirtschaftspolitik nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen.

In Großbritannien muss künftig bei Gesetzen auch eine Rechnung über den Naturverlust vorgelegt werden. Wird das Wirkung entfalten?
Allein dass Länder inzwischen solche Rechnungen anstellen, zeigt, dass das Problembewusstsein gestiegen ist und der Handlungsbedarf gesehen wird. Die Europäische Union, Brasilien und Indien stellen ähnliche Analysen an. Das sind zwar immer noch kleine Fortschritte, aber Sie bilden das Fundament einer ökologischen Wirtschaftspolitik.

In Rio soll zum wiederholten Mal der Versuch gemacht werden, das Umweltthema auch innerhalb der Vereinten Nationen zu stärken und aus dem Umweltprogramm zumindest mal eine Organisation zu machen. Wie stehen die Chancen dafür?
Höher als je zuvor. Europa hat das seit Jahren gefordert. Aber jetzt stehen 54 afrikanische Staaten hinter der Forderung. Zum ersten Mal fordert ein ganzer Kontinent von Entwicklungsländern eine konsequentere Umweltpolitik von den UN. Insgesamt sind rund 130 Länder für eine institutionelle Aufwertung. Es gibt aber auch eine Reihe von Ländern, die eine Stärkung der globalen Umweltpolitik zwar unterstützen, aber dem Vorschlag für eine Weltumweltorganisation noch mit Skepsis begegnen. Wie so oft bei Gipfeln ist das eine Verhandlungsfrage, die im Gesamtpaket gelöst werden wird. In Rio wird das eine der wichtigsten Diskussionen sein.

Im Rückblick lässt sich der Erdgipfel in Rio 1992 als die Phase beschreiben, in der man glaubte, der Vorteil globaler Kooperation werde weltweit erkannt. Deshalb wurden die Klimarahmenkonvention, die Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt und die Wüstenkonvention mit der Hoffnung auf konkrete Erfolge verabschiedet. Ein Irrtum. Zehn Jahre später beim Weltgipfel in Johannesburg wurde das Heil in Privat-Staatlichen Partnerschaften gesucht, etwa 400 wurden auf den Weg gebracht, von denen nach meinen Recherchen lediglich zwei Hände voll auch tatsächlich irgendwie arbeiten. In welcher Phase sind wir jetzt?
Da bin ich optimistisch. Diese sehr ideologisierten Ansichten, dass entweder der Staat alles regeln kann und muss oder der Markt alles regeln wird, haben uns über zwei oder drei Jahrzehnte in eine unproduktive Polarität geführt. Tatsächlich verändern sich Gesellschaften anders. Deutschland ist mit dem Modell der sozialen Marktwirtschaft ein interessantes Beispiel. Wir haben eine Tradition, Ordnungspolitik als integralen Bestandteil einer Marktwirtschaft zu begreifen. Durch die Finanzkrise ist deutlich geworden, dass die Marktwirtschaft allein eben nicht in der Lage ist, alle gesellschaftlichen Fragen durch Angebot und Nachfrage zu regeln. Das schafft eine pragmatischere Sicht auf die Zukunft. Die Übergänge zu einer ökologischeren, aber auch sozial faireren Gesellschaft bedürfen der Ordnungspolitik. Sonst kann der Markt nicht in eine Richtung gelenkt werden, die uns erlaubt, Entwicklung im Sinne der Menschen zu gestalten. Der Mehrwert für den Aktienbesitzer ist eine viel zu verengte Sichtweise für eine Weltgesellschaft mit sieben Milliarden Menschen. Die Regierungen haben einen Bedarf, bei Foren wie den G-20-Gipfeln oder nun auch in Rio die gemeinsamen Linien für eine internationale Politik zu formulieren, denn alleine im Wettbewerb gegeneinander lassen sich diese Probleme nicht lösen.

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