Interview : Den Zauber spüren

Behindertensportler haben jetzt auf dem Pariser Platz ihren großen Auftritt. Xavier Gonzalez führt die Geschäfte des Weltverbands IPC und hat das Sportfest mitorganisiert - wie manches andere.

Xavier Gonzalez ist Botschafter und Weltreisender zugleich in Sachen paralympische Bewegung. Der Geschäftsführer des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) in Bonn war gerade in Vancouver, wo vom 12. bis 21. März 2010 die Paralympischen Winterspiele stattfinden. Erwartet werden rund 600 Athleten aus über 40 Ländern. Annette Kögel sprach mit dem „Chief Executive Officer“ des IPC über den Spirit der Spiele, die paralympische Bewegung und über den International Paralympic Day am 11. Juli am Brandenburger Tor, den das IPC zum vierten Mal veranstaltet – zum zweiten Mal in Berlin.

Am Sonnabend verwandelt sich der Pariser Platz in eine Arena des Behindertensports. Sie wollen Besuchern wie schon 2007 einen Eindruck vermitteln von der Faszination des Leistungssports von Athleten mit einer Behinderung …

… wir wollen etwas vom Zauber der Spiele aus den großen Stadien der Welt mitten in die City holen. Auf dem Pariser Platz wird wieder eine einzigartige Atmosphäre herrschen. Wir laden vor allem Zuschauer ein, die noch nie paralympischen Sport live verfolgen konnten, die fantastischen Leistungen und das Charisma der Athleten hautnah zu erleben. Teil des Tages ist die Deutsche Meisterschaft im Weitsprung, darüberhinaus Demonstrationsveranstaltungen, Sport zum Mitmachen, Musik, Kultur und vielseitige Infos an den Ständen unserer Partnerunternehmen.

Mit dem International Paralympic Day wollen Sie die Öffentlichkeit einstimmen auf die Winterspiele in Kanada im März 2010. Welche Eindrücke bringen Sie mit aus Whistler und Vancouver?

Ich bin absolut überzeugt, dass das großartige Spiele werden. Beim Sportstättenbau sind die Kanadier schon weit fortgeschritten. Die Planung der Olympischen und Paralympischen Spiele erfolgt sehr integrativ, das Organisationskomitee nennt beide immer in einem Atemzug.

Die Wirtschaftskrise hat auch die kanadischen Sponsorenfirmen der Paralympics hart getroffen. Steht denn der Etat überhaupt?

Die Sponsoren stehen trotz allem hinter den Spielen. General Motors Canada und auch Air Canada haben sich uns und den Veranstaltern des Organisationskomitees Vanoc gegenüber verpflichtet, da gibt es keinen Zweifel. Unternehmen, Regierung und Bevölkerung unterstützen das Event voll und ganz.

Bei den Paralympics in Athen 2004 war zum großen Bedauern der Sportler kein einziges amerikanisches Fernsehteam vertreten ...

... aber die Zeiten haben sich grundlegend geändert. Allein der kanadische Fernsehsender CTV will 50 Stunden übertragen, viele Stunden davon live. Das wäre die umfassendste Berichterstattung bei Winterparalympics aller Zeiten.

Das Internationale Paralympische Komitee hat in den vergangenen Jahren viel dafür getan, dass der Behindertensport kein Nischendasein mehr führt und professioneller wird. Was alles genau verbirgt sich eigentlich hinter dem Kürzel IPC?

Hier in Bonn haben wir 30 Mitarbeiter – und in der ganzen Welt zehntausende ehrenamtliche Helfer. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) ist der internationale Dachverband der Paralympischen Bewegung. Das IPC organisiert die Paralympischen Sommer- und Winterspiele und agiert ebenso als internationaler Verband für neun Sportarten, für die es Weltmeisterschaften und andere Wettkämpfe überwacht und koordiniert. Das IPC ist bestrebt, paralympischen Athleten die besten Möglichkeiten zur sportlichen Entfaltung zu geben und unterstützt die Entwicklung von Sportmöglichkeiten für Menschen mit einer Behinderung in der ganzen Welt, sowohl auf Anfänger- als auch auf Leistungssportniveau. Zusätzlich wirbt das IPC für die Paralympischen Werte, wie Mut, Entschlossenheit, Inspiration und Gleichheit.

Wie finanziert sich das IPC?

In erster Linie über den Verkauf der Marketing- und Senderechte von den Spielen, für Vancouver rechnen wir mit insgesamt rund vier Millionen US-Dollar Einnahmen. Darüber hinaus unterstützen unsere Worldwide Partner Visa, Samsung, Otto Bock und Atos Origin sowie unsere Gold Patrons Allianz und Deutsche Telekom die Arbeit des IPC. Die Mitgliedsorganisationen des IPC zahlen außerdem Beiträge.

In Deutschland ist der Behindertensport dabei, seine Strukturen zu professionalisieren. Von welchen Ländern können wir lernen?

Sie brauchen sich nur die Medaillenspiegel der Spiele anzuschauen. Kanada, Australien, USA, Neuseeland – in diesen Ländern leben viele Athleten mit einer Behinderung von ihrem Sport und Leistungssportler mit einer Behinderung können in einem Verband gleichberechtigt trainieren. Die Ukraine, Brasilien, Ägypten, Südafrika und Malaysia holen mächtig auf, ganz abgesehen von China. Österreich und Schweden entsenden wegen ihrer Größe nicht die höchste Anzahl von Athleten zu Spielen, aber der Sport ist im Land sehr populär. Aber auch Spanien, Frankreich und Deutschland müssen sich wirklich nicht verstecken.

Xavier Gonzalez, 49, geboren in Barcelona, ist Geschäftsführer des IPC mit Sitz in Bonn. Er organisierte die Spiele in Barcelona 1992, Atlanta 1996, Sydney 2000 und Salt Lake City 2002 mit.

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