Interview : „Die Polizei und das Leben setzten mir Grenzen“

Vom Heimkind und Straßenmaler in Paris brachte er es zum 007-Schurken: Gottfried Johns turbulente Karriere zwischen Porsche, Shakespeare und Wutanfällen.

Schauspieler Gottfried John
Schauspieler Gottfried JohnFoto: Ulrike Knöfel

Herr John, nun kommt mit „Skyfall“ ein neuer Bond-Film. Sie haben 1995 in „Golden Eye“ einen Sowjetgeneral gespielt – neben dem Beißer oder Le Chiffre einer der bekanntesten Bond-Bösewichte.

Dabei habe ich nicht einmal an einem Casting teilgenommen. Die Produzentin Barbara Broccoli und der Regisseur Martin Campbell hatten „Berlin, Alexanderplatz“ gesehen …

… die Fernsehverfilmung, in der Sie unter Rainer Werner Fassbinder einen Ganoven spielten …

… und sie erzählten mir bei einem Treffen in London exakt Szenen nach. Die waren perfekt vorbereitet. Im Prinzip hatten sie schon entschieden, dass ich den General Ourumov spielen sollte, und warteten nur, dass ich Ja sage.

Haben Sie sich kurz gefragt: Warum ich?

Ich habe mich gefragt, ob es klug ist, diese Rolle zu übernehmen. Weil ich mir dachte, dass ich schnell in der Schublade des Schurken festklemmen könnte. Man muss als Schauspieler schon in Shakespeare-Gegenden gehen, um so einer grob gezeichneten Figur eine andere Dimension zu geben. Ich habe mir das Leben des Generals wie eine Kurzfassung von „Aufstieg und Untergang der Sowjetunion“ vorgestellt. Von mir kam die Idee, dass der General immer einen kippt. Oder dass ich in einer Szene zu Pierce Brosnan sage: Sie können nicht gewinnen, Mister Bond. Völlig absurde Sache, weil jeder weiß, dass Bond natürlich gewinnt.

Pierce Brosnan ist Ihr Bond-Favorit?

Für mich ist Sean Connery der wahre Bond. Er hat diese Figur kreiert, Ironie und Leichtigkeit in die Rolle gebracht. Das war Anfang der 60er Jahre eine ganz neue Art des Spielens. Ich kenne nur diese frühen Filme der Reihe, ausgenommen natürlich „Golden Eye“. Die Geschichten sind Märchen wie der Drachentöter. Das macht ihren Erfolg aus.

Sie haben mit Rainer Werner Fassbinder neun Filme gedreht.

Das weiß ich gar nicht so genau, das zähle ich nicht nach.

Der Regisseur war dafür bekannt, nur zwei Takes für eine Szene aufzunehmen.

Höchstens! Für den Bond haben wir allein zwei Tage gefilmt, wie eine Klappe aufgeht und das Golden-Eye-Satellitensystem hochfährt. Ein immenser Zeitaufwand! St. Petersburg wurde bis hin zur Taubenscheiße komplett in den Londoner Studios nachgebaut. Auf der anderen Seite benutzten die Filmemacher einfache Tricks. Eine Zimmerpalme im Hintergrund, ein Ventilator macht Wind, Bond sitzt im Sportwagen – und das ist dann die Karibik.

Bond-Darsteller Roger Moore hat über seine bösartigen Widersacher mal gesagt: „Die bekommen die besten Dialoge.“

Das ist in allen Stücken so. Die Gegenspieler sind die spannenderen Rollen, weil sie Tiefen und Höhen haben. Sie kämpfen mit oder gegen etwas, auch in sich selber. Sie trauen sich mehr als jeder normale Mensch. Nehmen Sie Shakespeare, „Richard III.“. Er entscheidet sich, Macht zu erlangen, obwohl er schwerbehindert ist, er macht dieses Jahrhundert zu seiner Zeit, setzt die Spielregeln. Eine unglaubliche Szene, als er am Grab eines Mannes steht, den er hat umbringen lassen, und um die Hand von dessen Frau bittet.

Sind Ihnen solche Rollen näher?

Sagen wir so: Ich glaube nicht an den von Grund auf nur guten Menschen, in jedem von uns ist das Böse und Gute vorhanden.

War Fassbinder ein Schurke? Er ist ja sehr roh mit Kollegen umgegangen.

Nein, er war ein sehr direkter, sehr lebendiger Mensch.

Der Schauspielerin Irm Hermann schrie er am Set nach: „Die blöde Kuh soll gehen!“

Die beiden waren sehr früh sehr eng zusammen. Sie war eine Vertraute. Ich erinnere mich, wie sie geheult hat, als sie den Bundesfilmpreis gekriegt hat, und der Rainer ihr verboten hat, auf die Verleihung zu gehen, um ihn abzuholen. Das waren Spielchen zwischen zwei Menschen, die sich lange kannten.

Welche Spielchen hat Fassbinder mit Ihnen getrieben?

Oh Gottfried, jetzt sei vorsichtig!

Keine Angst, er ist seit 30 Jahren tot.

Wir warten im Gang, er läuft an mir vorbei und tritt mir dabei absichtlich auf die Füße. Ich denke, das ist doch nicht wahr! Also geh ich an ihm vorbei und laufe ihm über die Füße. Wir haben beide angefangen zu lachen – und gut war es.

Hätte Fassbinder einen guten Bond-Bösewicht abgegeben?

Bestimmt, er hat gern in seinen Filmen die Fieslinge gespielt. Ihn faszinierte die Psychologie, gerade nicht die einfache Aufteilung von Gut und Böse, die es Menschen leicht macht, Vorurteile zu entwickeln.

Sie haben am eigenen Leib Vorurteile erfahren, als Sie als uneheliches Kind im Nachkriegsdeutschland aufwuchsen. Unter anderem Anfang der 50er Jahren bei Nonnen.

Die waren brutal, sie haben uns die Fingernägel so kurz geschnitten, dass wir bluteten. Ich saß unschuldig in einem Heim, und meine Mutter wusste manchmal nicht, wo ich war.

Sie hatte die Vormundschaft dem Staat übergeben.

Als ich geboren wurde, war sie jung, Anfang 20, und unerfahren. Sie hat geglaubt, das sei das Richtige. Ihr Vater hat ihr das eingeredet, und dann konnte sie es nicht mehr rückgängig machen.

Warum nicht?

Meine Mutter hatte weder festen Beruf noch festen Wohnsitz oder Ehemann.

Ihr widerstrebte alles Bürgerliche?

Sie hat sich nicht untergeordnet, ist ihren eigenen Weg gegangen. Heute würde man sagen: Sie war emanzipiert. Meine Großeltern kamen damit gar nicht klar. Anfang der 50er Jahre habe ich kurz bei ihnen in Berlin-Lankwitz gelebt. Ich sehe einen Riesengarten vor mir, einen großen Obstbaum, meine Oma, die begütigend die Augen niederschlägt und nichts sagt, wenn mein Opa wieder wütet, weil ich das Unkraut falsch gejätet habe. Sie waren heillos mit meiner Mutter zerstritten, weil die einen Polen als Freund hatte. Sie haben das Jugendamt benachrichtigt, das mich zuerst zu den Nonnen und dann zu den Schwererziehbaren steckte.

Weil Sie im katholischen Heim randaliert haben.

Ich hatte aufgeschlagene Knie und wollte mich bei der Messe nicht hinknien, weil mir das so wehtat. Außerdem bin ich an den falschen Stellen aufgestanden. Damit war ich ein Störfaktor.

Als Sie 13 waren, ist Ihre Mutter bei einem Ausflugstag mit Ihnen aus West-Berlin abgehauen. Sie haben sich auf einem Laster im Heu versteckt und kamen so nach Westdeutschland.

Ich wollte nicht mehr im Heim leben. Wir machten Autostopp, völlig unüblich damals in den 50er Jahren. Ständig saß uns die Angst im Nacken, dass die Polizei uns einfangen könnte, obwohl wir nichts getan hatten. Es war sehr kafkaesk. Zuerst blieben wir in Mannheim, dann ging es nach München.

Sie wollten eine Wohnung, eine gesicherte Existenz?

Das habe ich nie vermisst. Aber ich fand die Umherzieherei anstrengend. Wir übernachteten in fremden Wohnungen oder Hotels, mussten Menschen um Geld anbetteln. Manchmal geriet ich deswegen mit meiner Mutter aneinander. Dann fragte sie mich: „Willst du lieber eine Mutti mit Dutt und Kittelschürze?“ Da musste ich nicht lange nachdenken, das war mir zu spießig. Sie hat mir früh erklärt: „Ich bin keine Mutter, tut mir leid, ich weiß nicht, wie das geht.“ Im Grunde hat sie mich wie einen Partner behandelt. Ich war bestimmt auch überfordert damit.

Zum Beispiel?

Ich wurde mit 15 in München von der Polizei festgenommen, weil wir unsere Hotelrechnung nicht bezahlen konnten. Die steckte mich in ein Übergangslager, von dort konnte ich fliehen, bevor sie mich in ein Heim abtransportierten. Danach beschlossen meine Mutter und ich, dass wir aus Deutschland rausmüssen. Per Autostopp fuhren wir in die Schweiz. Meine Mutter fragte: „Wohin willst du, Gottfried?“ – „Paris!“– Und wir gingen auf die andere Straßenseite, Richtung Frankreich. Ich war ein verzogenes Einzelkind. Meine Mutter hat mir überhaupt keine Grenzen gesetzt. Das tat das Leben, die Polizei, die Staatsgewalt.

War Ihr Leben als Außenseiter im Paris der frühen 60er Jahre einfacher?

Ja, im Quartier Latin lebten viele Ausländer. Unter diesen Fremden fühlte ich mich weniger fremd.

Tagsüber haben Sie als Straßenmaler Geld verdient.

Das Problem war, dass Pflastermalerei verboten war. Erwischten die Flics einen, wurde man zwei Stunden eingesperrt, das nächste Mal vier, dann acht. Ich hatte an der Wand einen Stadtplan mit Stecknadeln, wie bei einem „Tatort“ habe ich gekennzeichnet, wo ich schon mal erwischt wurde.

Welcher Ort war am besten geeignet?

Der Place de la Republique, weil dort fünf Stadtbezirke aneinandergrenzen: Je nach Ecke war ein anderes Polizeirevier zuständig. Das meiste Geld konnte ich an den Champs-Élysées verdienen, wenn ich schnell genug war – in 20 Minuten musste ich ein Bild fertig malen, bevor die Flics kamen.

Ein Motiv, das immer funktionierte?

Die klassischen Madonnen. Da konnte ich einen schönen Faltenwurf plastisch herausarbeiten.

Hatten Sie den Traum, eines Tages genug Geld zu verdienen, um nicht mehr so zu leben?

Ich hab mir solche Fragen nicht gestellt. Es gab keine Utopie. Ich habe mich okay gefühlt, mein Geld verdient, Freunde gehabt, das Geld wieder verpokert. Später war ich verliebt, da hatte ich ein kleines Zimmer, habe meine Miete gezahlt, meinen ersten Plattenspieler, Gospel-Platten von Mahalia Jackson und „Play Bach“ vom Pianisten Jacques Loussier gekauft.

Sie lebten in einer Pension.

In der Rue Gît-le-Cœur Nr. 6, einer Gasse dicht an der Seine. Unter mir wohnte der Schriftsteller William S. Burroughs. Über den erzählte man sich die ungeheuerlichsten Sachen im Haus – dass junge Männer ständig in dem Zimmer verschwänden, dass sie zusammen Drogen nähmen.

Zur selben Zeit wurde Jean-Paul Belmondo ein Filmstar. Haben Sie da gesagt: Wenn der das mit seiner Visage kann, dann ich auch!

Endlich war da mal einer, der nicht so glatt aussah wie der Förster vom Silberwald. Es gab Aufnahmen, die mitten auf der Straße gedreht wurden – wie Belmondos Sterbeszene in „Außer Atem“. Er läuft die Straße entlang, fällt hin, und die Menschen reagieren gar nicht. Das waren keine Statisten, sondern echte Passanten.

Das war der Grund, Schauspieler zu werden?

Na ja, als ich 18 wurde, hieß es, ich solle mal was Anständiges lernen.

1962 gingen Sie nach West-Berlin, nahmen Schauspielunterricht. Von Ihren ersten Gagen an der Landesbühne Hannover haben Sie sich einen Porsche gekauft. Sehr vernünftig.

Ein Frustkauf. Ich durfte nur winzige Rollen spielen – Perücke auf, Perücke ab, einen Satz sprechen, runter von der Bühne. Ich war unglücklich. Mein Kollege Tommi Piper, der später als Synchronstimme von Alf berühmt wurde, fuhr einen Colani-Sportwagen. Er ist mit mir in einen Laden gegangen, ich habe einen Kreditvertrag unterschrieben und kam mit dem Porsche meines Idols James Dean raus: ein Speedster, flach wie eine Flunder.

Bekamen Sie die Aufmerksamkeit, die Sie wollten?

Nein. Mit gestrecktem Arm am Lenker bin ich durch Hannover gefahren, und alle fanden, ich sei ein blöder Angeber. Als der Wagen mal zur Reparatur musste, konnte ich diese nicht bezahlen und habe das Auto schließlich zurückgegeben.

Ab Mitte der 60er Jahre spielten Sie plötzlich die großen Rollen: Macbeth, Richard III., 1967 schrieb ein Kritiker über Sie: „Ein Monstermannsbild.“

Das kam nur durch einen Zufall. Der Darsteller des „Richard III.“ fiel aus, und ich bin eingesprungen. Eigentlich hatte ich in der Aufführung wieder so eine kleine Rolle, der zweite Mörder oder so was.

Was hat Sie zur Hauptrolle qualifiziert?

Bei den Proben bekam ich einen Wutanfall, weil ich mich zwischen zwei Stücken aufreiben musste und das ungerecht fand. Auf der Bühne habe ich den Intendanten angeschrien, das wurde alles per Lautsprecher in die Garderoben übertragen. Danach dachte ich, okay, das war’s. Allerdings hat der Intendant wohl dank des Ausbruchs gesehen, wie viel Kraft in mir steckt, und mich gefragt: Trauen Sie sich den Richard III. zu? Der wurde dann ein Riesenerfolg. Nur meine Mutter sagte, Sir Laurence Olivier hätte an einigen Stellen besser gespielt.

Endlich hatten Sie Ihren Traumberuf gefunden?

Ich habe ihn zuerst nicht wert genug geschätzt und eine Zeit lang sogar aufgehört.

Anfang der 70er Jahre lebten Sie kurzzeitig von Sozialhilfe. Was war los?

Mit Fassbinder hatte ich die Fernsehserie „Acht Stunden sind kein Tag“ gedreht. Der Werkzeugmacher Jochen, das war meine Rolle. Die Popularität danach hat mich fertiggemacht. Jeder auf der Straße dachte, ich sei der revolutionäre Arbeiter, der die Probleme anderer lösen kann. In der Kneipe gaben mir Leute Schnäpse aus und wollten meine Meinung zu Streiks wissen. Ich dachte, alle um mich herum sind verrückt. Ich wurde nur noch als Sozialarbeiter und Gutmensch gecastet. Da brauchte ich eine Auszeit. Erst Fassbinder hat mich gerettet und mich gegen den Strich besetzt. Ganz besonders mit „Berlin, Alexanderplatz“. Ich durfte den heftig stotternden Reinhold spielen, einen Kleinkriminellen. Das war die Wende.

Heute sitzt das einstige Heimkind als Stammgast in Münchens exklusivem Hotel Bayrischer Hof …

… das habe ich nur für das Gespräch gewählt, weil Hotels neutrale Orte für mich sind. Ich habe so viel Zeit in ihnen verbracht, für mich stehen sie für Arbeit.

Sie wohnen eigentlich in der Natur – am Ammersee.

Ich bin vom Großstadtkind zum Landei mutiert. Und ich brauche ein Gewässer vor der Tür. Meine Frau und ich führen dort ein, hm …

… bürgerliches Leben?

Meine Mutter hätte es sogar spießbürgerlich genannt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben