INTERVIEW : „Es braucht weltweit ambitionierte Klimaziele“

Was halten Sie vom EU-Klimapaket?

Im Großen und Ganzen gut. Es ist ein wichtiger Startpunkt, vor allem, weil der Emissionshandel deutlich verbessert werden soll. Es ist richtig, die Kohlendioxid-Zertifikate nicht mehr kostenlos auszugeben, sondern über eine Auktionierung. Auch die Einbeziehung weiterer Treibhausgase und des Flugverkehrs sind ein wichtiger Schritt.

Die Industrie wehrt sich vehement gegen die Auktionierung. Zu Recht?

Wenn es um Aluminium, Zement oder Stahl geht, hat die Industrie schon einen Punkt, weil die kaum noch Möglichkeiten haben, ihren CO2-Ausstoß weiter zu vermindern. Aber für die Stromwirtschaft ist das nicht so.

Wie schätzen Sie die Quoten für den Aufbau erneuerbarer Energien ein?

Wenn man den Zertifikatehandel mit erneuerbaren Energien sofort auf europäischer Ebene einführen würde, hätte das negative Konsequenzen für das deutsche Fördersystem. Wenn Quoten für erneuerbare Energien mittelfristig handelbar werden, können regionale Schwerpunkte gebildet werden, etwa für die Solarthermie in Andalusien oder die Biomasse in Osteuropa. Das wäre sinnvoll, weil dadurch die Kosten für erneuerbare Energien weiter sinken können.

Umweltverbände kritisieren, dass die EU ihre Vorschläge nicht am Ziel, den Treibhausgasausstoß bis 2020 um 30 Prozent gegenüber 1990 zu senken, ausgerichtet hat. Ist die EU ehrgeizig genug?

Da ist schon was dran, weil die EU zugesichert hat, wenn andere Industriestaaten mitziehen, erhöhen wir unser Ziel von minus 20 auf minus 30 Prozent. Ich denke aber, es ist wichtig, ein politisches Signal zu setzen, dass es weitergeht, wenn die 20 Prozent erreicht sind. Das kann sich die EU aber nur dann erlauben, wenn es ein möglichst ambitioniertes weltweites Klimaabkommen gibt. Die Industrie wird sich darauf einstellen müssen, ihre Emissionen weiter zu senken. Das wird billiger, wenn auch andere Weltregionen mitmachen. Wichtig ist, den Emissionshandel regional zu erweitern – vor allem um die USA. Dann hat die europäische Industrie kaum Wettbewerbsnachteile und ein transatlantischer Kohlenstoffmarkt hätte eine starke Signalwirkung nach China und nach Indien.

Ottmar Edenhofer (46) ist Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Mit ihm sprach D. Dehmer.

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