Interview: Filmstar Julie Delpy : „Ich bin im Grunde ganz schüchtern“

Sie findet de Sade besser als Goethe und von Alkohol wird ihre Zunge schwarz. Warum Julie Delpy jederzeit gern über Sex redet, aber nie oben ohne am Strand liegt.

Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin in Personalunion: Julie Delpy
Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin in Personalunion: Julie DelpyFoto: picture alliance / dpa

Frau Delpy, es ist gerade mal Mittag und Sie wirken schon recht gestresst.

Ich bin um sechs Uhr in London aufgestanden, habe nicht geduscht, schnell meine Sneakers angezogen und mich in den Zug nach Paris gesetzt. Gleich treffe ich meinen Vater, wir fahren dann in die Bretagne. Meine Großmutter feiert ihren 100. Geburtstag. Davor muss ich noch meine Kreditkarte von der Bank abholen. Ja, ich bin erschöpft.

Dieses Balancieren zwischen Familie und Beruf spielt eine große Rolle in Ihrer neuen Komödie „2 Tage New York“. Die französische Familie besucht ein Paar in Manhattan – der Kulturkampf beginnt.

Inwiefern?

Unterschiedliche Vorstellungen von Sex prallen aufeinander.

Und von Beziehungen. Die Amerikaner sind reservierter, und die Franzosen reden die ganze Zeit über Sex. Ich habe noch nie einen Amerikaner kennengelernt, der mit seinen Eltern oder Geschwistern dieses Thema anschneidet.

Sie hingegen?

Meine Eltern haben mich von klein auf ermutigt, alles zu erzählen, was mich bewegt. Egal, ob mich ein anderer Schüler beleidigt oder ein Lehrer schlecht behandelt hat. Ich habe meinen Eltern auch sofort davon erzählt, als ich mit 18 Jahren zum ersten Mal mit einem Jungen schlief. Ich kann so was nicht für mich behalten. Dass ich offen über Sexualität rede, heißt ja nicht, dass ich eine Schlampe bin.

Nie im Leben.

Ich bin im Grunde ganz schüchtern. Nie hätte ich gedacht, dass mich Männer attraktiv finden.

In Ihren Filmen reden alle andauernd über Beziehungen und Sex.

Ich habe Anfang der 90er Jahre Paris verlassen, um in den USA zu leben. Wenn ich für Besuche zurückkehrte, bemerkte ich, dass es in Frankreich kein Problem ist, ein Intellektueller zu sein und gleichzeitig über Sex zu schreiben. Das kenne ich aus keiner anderen Kultur. Nehmen Sie Goethe und seinen Werther, alles sehr romantisch, aber wo ist da der Sex? In Frankreich haben wir Marquis de Sade. Er darf ein Bonvivant und ein Denker sein.

Den fanden Sie als Teenager toll?

Was für eine wunderschöne Sprache. Das ist keine Pornografie, sondern komplexe Literatur über kleine Mädchen, die sich gegenseitig wehtun.

Hat Ihnen das Impulse für Ihr Leben gegeben?

Nein, ich bin weder Sadistin noch Masochistin. Mir haben seine Schriften nur die Augen geöffnet, dass es andere Spielarten gibt, für die ich mich entscheiden könnte – wenn ich das möchte. Dasselbe gilt für Homosexualität. Meine Eltern waren Schauspieler, sie hatten homosexuelle Freunde und keine Probleme damit. Das sind für mich normale Formen der Liebe. Perversion entspringt aus der Vorstellung heraus, dass ich etwas Verbotenes tue. Dass ich mich verstecken muss. Sehen Sie sich die Priester an, die kleine Jungs verführen. Das passiert doch, weil sie ihre Sexualität unterdrücken.

Sind die Franzosen alle libertinär?

Die Gallier waren schon so. Als Julius Cäsar nach Lutetia, das heutige Paris, kam, um für seinen Senatorensitz zu werben, da schrieb er: Die Gallier geben große Abendessen, sie sind laut, hochnäsig, hören nie jemandem zu, ihre Frauen lassen sich nicht unterordnen und möchten die ganze Zeit Kleider kaufen. Das klingt doch, als würde er das Paris von heute beschreiben. Wenn ein französischer Präsident eine Affäre hat, stürzt das Land nicht in eine politische Krise. Anders in den USA: Denken Sie an Bill Clinton und die Lewinsky-Affäre.

Warum ist das so?

Dahinter steckt die Vorstellung aus dem Puritanismus, dass jemand nicht treu ist und in den Augen Gottes einen Vertrag gebrochen hat. Sein Versprechen, das er seiner Frau gegenüber abgegeben hat. In den USA sagt der Präsident ständig „Gott schütze dies und jenes“, das würde kein französischer Präsident machen. Wir würden denken: Der Typ ist verrückt, den können wir nicht wählen.

Sind die Amerikaner am Ende romantischer?

Auf eine kindliche Art. Sie sind besessen von der Idee, zu heiraten. Frauen bereiten ihre Hochzeitsfeiern monatelang vor, sie suchen sich einen Ring aus – und wenn der Ehemann den nicht bezahlen kann, kommt das einem Versagen gleich. Da wird es schnell materialistisch.

Ecken Sie mit Ihren Vorstellungen in Amerika an?

Sex ist lustig. Ich glaube, das ist für Amerikaner mal erfrischend. Sie nehmen das Thema sonst zu ernst. Ich habe gelesen, dass es in Utah die meisten Pornografie-Konsumenten pro hundert Einwohner gibt. Und das im Mormonen-Bundesstaat, der per Gesetz Oralsex verbietet und für Analverkehr Haftstrafen verhängt.

Schauen Sie sich Pornos im Netz an?

Als ich ein Teenager war, habe ich ein paar niedliche Filmchen gesehen. Die waren noch aus den 70er Jahren, die Mädchen trugen Kniestrümpfe und Clogs, überall standen Vasen mit gelben Blümchen. Vorgestern hat mir ein Freund eine Website mit Pornos gezeigt. Das habe ich eine halbe Minute ertragen. Die Frauen sahen wie Straßenprostituierte aus, die Männer fand ich nicht die Bohne attraktiv, es war mechanisch und deprimierend.

Haben Sie Probleme mit Nacktszenen?

Ich sage nein zu allen Filmen mit Sexszenen. Lars von Trier wollte vor ein paar Jahren, dass ich in „Antichrist“ mitspiele. Zwar war ich zu der Zeit sowieso schwanger und konnte nicht drehen, nur allein die Vorstellung, vor der Kamera Sex zu haben, das finde ich herabwürdigend. Vielleicht passe ich ja ganz gut in die amerikanische Gesellschaft, weil ich so prüde bin.

Sie sonnen sich nie oben ohne am Strand?

Das habe ich als Teenager in Frankreich gemacht. Damals trugen Mädchen am Strand einfach keinen Bikini, heute würde ich das auf keinen Fall tun.

In Ihrem Film rennen Menschen nackt durch das Apartment …

… und ein Paar hat im Bad Sex, mit einer Zahnbürste im Mund, das ist doch lustig. Aber man sieht die beiden nicht dabei.

Sie sind durch die Wand zu hören! Könnten Sie mit jemandem schlafen, wenn nebenan ein Paar Sex hat?

Niemals! Und schon gar nicht, wenn es jemand aus meiner Familie ist. Darum geht es ja in dem Film: Die Protagonisten können nie Sex haben, weil die Familie da ist.

Wenn Sie an einem Drehbuch arbeiten, denken Sie dann auch an Sex?

Nein, ich mag meine Arbeit. Ich bin dann konzentriert und Sex ist mir schnuppe. Ich schaue auch nicht anderen Männern hinterher. Sex, das interessiert mich nicht. Auch wenn ich viel darüber schreibe. Oder belüge ich mich gerade selbst?

Sagen Sie’s.

Möglicherweise schreibe ich so viel darüber, um mich nicht in meinem Leben damit zu befassen. Mein Freund will mehr über solche Themen reden. In meiner Beziehung bin ich nicht sehr gesprächig.

Wird zu viel über Sex geredet?

Ja, es ist ein gesellschaftliches Phänomen. In den USA gibt es zum Beispiel gerade eine Fernsehserie „Girls“, die handelt von einer Clique von Mädchen, die laufend Sex haben. Plötzlich heißt es: Wow, Frauen haben auch eine Sexualität! Das ist doch genauso blöd, als würde ich sagen: Oh, Schwarze können auch schreiben.

Das erinnert an die Jahrtausendwende, als in den Medien die Fernsehserie „Sex and the City“ als Befreiung weiblicher Sexualität gefeiert wurde.

Dabei ist sie das exakte Gegenteil. Es ging nur darum, Kleider zu kaufen und einen Mann zu heiraten. Langweilig! Die Serie ist nicht mal von Frauen geschrieben, sondern von Männern.

Von schwulen Männern.

Meine Eltern hatten Freunde, die Drag-Queens waren. Als ich „Sex and the City“ sah, musste ich laufend an sie denken. Denn auf dem Bildschirm sah ich keine Frauen, das waren Transvestiten, die nach den schicksten Klamotten gierten.

Haben Sie niemals teure Kleidung getragen, um sich attraktiver zu fühlen?

Natürlich. Das darf aber nicht der Sinn des Lebens sein. Ich liebe Shopping ab und zu, ich habe eine Schwäche für rote Leder-Stiefeletten, aber meine Priorität ist meine Arbeit. Und das heißt auch: lustige Dialoge über Sex zu schreiben.

Frauen mit Humor, diese Kombination finden einige Männer bedrohlich.

Einige Frauen auch. Kürzlich hatte ich eine Interview-Anfrage der amerikanischen Zeitschrift „Women’s Wear Daily“. Ich rief meine Managerin an, um den Termin abzusprechen. Und sie sagte: Das wird nichts. Wenn ich im Film nur mitgespielt hätte, wäre das für die Redaktion in Ordnung gewesen, aber eine Frau, die auch noch Drehbuch schreibt und Regie führt? Das hat sie überfordert. Ihr Argument war, es sei irritierend, überhaupt nicht so glamourös, wie Leser sich das Leben einer Schauspielerin vorstellen.

Kommt Ihr Humor bei Männern besser an?

Viele rennen vor mir weg, als wäre ich eine Aids-Kranke Mitte der 80er Jahre. Sorry für den drastischen Vergleich, aber ich habe das Gefühl, sie wollen mich in Quarantäne stecken, weil ich lustig sein kann.

Verstehen Sie, warum?

Viele Männer wollen, dass Frauen geheimnisvoll, schüchtern und zurückhaltend sind, auf keinen Fall zu klug. Dann können Männer nicht die Kontrolle behalten … Oh, einen Moment, mein Vater ruft an. Er ist sehr panisch. Wir dürfen auf keinen Fall zu spät losfahren. Kommen Sie noch mit zur Bank?

Gerne. Sagen Sie, darf Angelina Jolie deshalb nie lustig sein?

Ja, sie spielt nie komische Rollen, sondern die glamouröse Femme fatale, die ständig sexy ist. Dieses Getue geht nur eine bestimmte Zeit gut. Wenn du mit 35 Jahren keine Schönheitschirurgie hinter dir hast, ist die Karriere als Femme fatale vorbei.

Wird Carla Bruni ihren Sex-Appeal verlieren, nachdem ihr Mann die Wahl verloren hat?

Ich dachte schon, Sie sagen, weil sie so viele Operationen hinter sich hat.

Das sind Ihre Worte.

Hm, jetzt wird sich zeigen, wie lange sie noch mit Sarkozy zusammenbleibt. Alle meine Freunde spekulieren im Moment darüber. Ich kenne ein paar Franzosen in Los Angeles, alle haben Hollande gewählt, um dem Traumpaar eines auszuwischen.

Hollande passt besser zu Ihrer linken Erziehung.

Ich bin mir nicht sicher, ob er der perfekte Mann für den Posten ist. Meine Hoffnung ist, er wird es nicht total versieben. Denn sonst haben wir in fünf Jahren in Frankreich ein größeres Problem – und das heißt Marie Le Pen.

Miss Delpy, Sie sind mit dem deutschen Filmkomponisten Marc Streitenfeld zusammen …

… und ich spreche kein Wort Deutsch. Mein dreijähriger Sohn kann das. Er ist ganz süß. Wenn er merkt, dass ich etwas nicht verstehe, schaltet er sofort auf Englisch um.

Haben Sie Deutschland ins Herz geschlossen?

Ich finde Städte wie München, Berlin und Dresden wunderbar. Nur neulich hatte ich ein unangenehmes Erlebnis im Zug nach München. Offenbar mögen es Deutsche nicht, wenn Kinder zu laut sind.

Ein Fahrgast hat sich beschwert?

Auf sehr dreiste Art. Ich habe an einem Text gearbeitet, mein Sohn saß neben mir und sah sich auf dem Computer einen Film an. Er trug Kopfhörer und lachte an einigen Stellen. Das regte einen älteren Herrn dermaßen auf, dass er meinen Sohn anschrie, er solle gefälligst leise sein. Entschuldigung, das geht einfach nicht. Er hätte sich an mich wenden sollen. Ich bin natürlich ausgerastet. Bis ich eine ganze Gruppe von Deutschen gegen mich hatte. Der ältere Mann schrie mich an: „Was wollen Sie überhaupt in Deutschland? Gehen Sie dahin zurück, wo Sie herkommen!“ Da habe ich nur geantwortet: „Eat my shit, you fucker!“

Auch nicht nett.

Es war eine hässliche Situation. Im Waggon saßen auch Franzosen, die sich natürlich auf meine Seite schlugen. Wir sind daran gewöhnt, dass Kinder im Zug umherrennen, mal lachen oder lauter sind. Das war das erste Mal, dass ich feststellte: Kinder sind nicht überall willkommen.

Keine deutschen Züge mehr für Sie.

Doch, aber nur mit Bodyguard. Ich will nicht, dass so etwas noch einmal passiert. Sollte sich jemand beschweren, will ich eine Person dabei haben, die damit professionell umgehen kann und mich beschützt.

Dann lieber deutsches Bier?

Ich trinke gar keinen Alkohol, seit ich 32 bin.

Wie kommt’s?

Ich reagierte allergisch auf Alkohol. Meine Zunge verfärbte sich schwarz, ich wurde von zwei Gläsern Wein ohnmächtig, mehrere Male – und irgendwann sagte ich mir: Okay, Schluss damit.

Dafür sollen Sie gut kochen können.

Die Küche ist mein Revier, das stimmt. Nur Kuchenbacken klappt gar nicht. Das ist ein psychologisches Problem. Ich mag keine Butter. Der Fettgehalt löst bei mir spontane Schuldgefühle aus. Als Schauspielerin muss ich auf meine Figur achten. Was ich koche, ist deshalb gesund. Gefüllte Auberginen mit Truthahn oder Tomaten mit Reis. Ich kann verschiedene Currys zubereiten, weil meine Großmutter in La Reunion aufgewachsen ist. Sie hat mir das beigebracht. Ich habe ein großes Talent: Wenn ich etwas in einem Restaurant esse, schmecke ich die Gewürze heraus und kann es zu Hause nachkochen.

Zum Beispiel?

Neulich habe ich Wolfsbarsch in einer Weißweinsauce nachgekocht, ganz einfach mit Gemüse als Beilage … Oh, jetzt sind wir an der Bank. Hoffentlich ist die Karte schon da.

Wenn Sie gleich in die Bretagne fahren, kommen da die Erinnerungen an Ihre Kindheit hoch?

Die Ferien in der Süd-Bretagne werde ich nie vergessen. Davon handelt mein nächster Film „Familientreffen mit Hindernissen“. Er ist eine Hommage an diese Zeit Ende der 70er Jahre.

Mit nackten Brüsten am Strand?

Es gibt noch viel mehr zu sehen. Also ehrlich, vor einem Geldautomaten über Sex zu reden, das ist wirklich mein erstes Mal.

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