Interview : ''Ich bin der Nobelpreisflüsterer''

Sie kann in die Zukunft sehen. Trotzdem findet sie das Glück im Moment. Sibylle Berg über Zigarre rauchende Verleger, ihre Flugangst und den "Lonely Planet".

Frau Berg, wieso konnten Sie zu unserer eigentlichen Verabredung nicht kommen?

Ich war krank. Eine Erkältungskrankheit. Ich glaub’ wirklich, es geht nicht mehr lang.

Macht das Schreiben Ihnen Freude? Rettet es Sie?

Freude macht es mir besonders, bevor ich schreibe. Und danach ist es auch angenehm, wenn man wieder in Langeweile versinken kann. TV-Serien schauen, aus dem Fenster stieren, bis man eine Idee bekommt. Dann wieder beginnen, aufgeregt, und glauben, etwas Großes stünde an. Jetzt hast du das Universum geschaut, denkt man. Hat man dann aber nie.

Wie schreiben Sie?

Nackt. Natürlich nackt und mit dem Mund. Meistens um Mittag herum. Der Vormittag ist zum Anrufen, und Papiere müssen irgendwo hingeschickt werden. Von 11 Uhr bis abends arbeite ich.

Wie viel Prozent Ihrer Arbeit ist Bürokratie?

Ich hab’ ja jetzt eine kleine Agentin, und eine kleine Agentin ist so was wie eine Assistentin, die macht keine Deals mit Verlagshäusern, aber sie erledigt alles Übrige. Auch das Nicht-Berufliche. Ich hab’ ja Telefonangst, und eigentlich Angst vor allem.

Die Deals mit den Verlagen machen Sie selbst?

Da war bisher nicht so viel zu tun.

Sie verhandeln?

Ja, das geht von mir aus.

Warum leben Sie eigentlich in der Schweiz?

Ich komme aus dem Osten. Dort wollte man natürlich nicht sein. Von Kindheit an habe ich mir die Frage gestellt: Wo will ich sein? Was niedlich war, weil im Osten wusste man nicht, wo man sein kann, denn die Informationen über andere Länder waren spärlich. Und ich kam auf die Schweiz. Keine Ahnung warum. Wir kannten nichts, außer dem befreundeten Ostland, da wollte ich überall gar nicht hin. Und in dieses Deutschland, wo es all das Üble gab, wollte man auch nicht. Also Schweiz. Es war, wie sich in einen Brieffreund zu verlieben. Alle Bilder, die ich von dem Land hatte, wurden eingelöst. Wir passen gut zueinander. Es ist ein temperamentloses Land, das ist gut. Die Menschen sind mir sehr ähnlich, es ist nichts Aufgeregtes an ihnen, nichts Überbordendes.

Sie verstehen im Schweizerdeutschen alles?

Ja, alles. Der härteste Dialekt, fast wie Mittelhochdeutsch, ist das Walliserdeutsch. Das ist großartig, da hat sich seit dem Mittelalter nichts getan. Ich hab’, als ich kam, sechs Jahre lang mit zwei Wallisern zusammengewohnt, das war eine Art Hardcore-Schule. Danach verstehst du alles.

Sie sind lange vor dem Fall der Mauer ausgereist.

1984. Lassen sie mich rechnen – ich war da zwei Jahre. Und habe alleine meine Sachen gepackt und bin los.

Ihre Karriere begann erst später.

Wollen Sie es wirklich so nennen? Karriere klingt nach Bank. Ich war immer ein Loser, war in keinem Job gut, konnte nicht mit Menschen reden, hatte keine Talente. Daran, dass einmal etwas Geschriebenes von mir veröffentlich würde, glaubte ich nicht. Als es passierte, war ich schon greise, über 30. Das erste Buch wurde erfolgreich, dann kamen die Zeitungen und wollten Geschichten aus der Welt. Habe ich erledigt. Auf die Karriere warte ich noch.

Würden Sie zu einem Abiturtreffen fahren?

Nein, aus dem Osten kenne ich niemanden mehr. Weiß auch gar nicht, ob ich jemals auf einer Schule war.

Und Familie?

Nee, die sind bei Gott. Was ich unterdessen ganz gut finde …

… und früher schlimm war?

Klar, wenn du jünger bist, denkst du: Hätte ich doch eine hübsche Familie und eine Mutter mit der weißen Schürze. Unterdessen denke ich, nun, das war jetzt halt nicht. Irgendwie ist gut, dass sie schon weg sind. Denn in unserer Altersliga fängt überall das Elternsterben an. Das habe ich schon erledigt. Ach, wie gefühlskalt ich bin!

Ihr Buch „Habe ich dir eigentlich schon erzählt? Ein Märchen für alle“ – ist das eine realistische Story, die so hätte passieren können?

Ach, sind Sie nie im Osten gewesen?

Doch. Aber ich habe dort nie Umerziehungslager und Steinbrüche für Kinder gesehen.

Gibt es alles. Aber das eigentlich Märchenhafte an der Geschichte war für mich etwas anderes: Viele Kinder träumen davon auszureißen. An einen Ort zu gehen, wo man freundlicher zu ihnen ist. Im Leben geht das meist schief und die Kinder landen in Abbruchhäusern, bei der Fürsorge oder im Steinbruch. Dass es ein gutes Ende nehmen kann, wenn man mutig ist, ist ein Märchen!

Es ist das einzige Buch von Ihnen, in dem die Liebe eine Chance bekommt.

Sie meinen also, die Altersblödheit …

Na ja. Haben Sie sich das getraut, weil die Protagonisten so jung waren?

Es sind zwei Figuren, die viel mit mir selbst zu tun haben. Denen wollte ich nichts Böses. Ich wollte ja auch, dass sie ordentlich essen. Ich wollte sie ursprünglich sogar noch jünger machen. Junge Menschen denken sich manchmal Zeug, da fällst du um. Ich erinnere mich einfach sehr gut daran, wie es mir in diesem Alter ging. Du weißt schon recht viel von der Welt mit 13 oder 14, bist ihr aber noch höllisch ausgeliefert.

Schöpfen Sie aus der Erinnerung an Gefühle?

Vermutlich macht man das so. Wenngleich ich auch immer verneinen würde, dass meine Geschichten viel mit mir zu tun haben. Es ist der Blick, der meiner ist. Sich in andere Menschen zu versetzen, gelingt ja jedem, der sich Mühe gibt. So unterschiedlich sind die Menschen nicht. Allerdings gibt es Ausnahmen. Zum Beispiel diese Aufziehmänner, die in den Anzügen, kennen Sie die?

Ich ahne, was Sie meinen.

Sie machen Hedgefonds und so. Bewegen sich seltsam. Ich würde gerne nachforschen: Hallo, ist da jemand zu Hause?

Jetzt haben Sie „Die Fahrt“ geschrieben. Dafür waren Sie lange unterwegs.

Ich war das letzte Jahr unterwegs. Mühsam. Man kann aber den meisten nie erklären, dass Reisen furchtbar ist. Man sagt ihnen am besten, es ist super. Dann hat sich das auch erledigt. Die Idee dahinter war, ich mache ein Buch über Glück. Wo gibt es auf der Welt Formen des Zusammenlebens, wo Glück funktioniert? Ich wusste noch nicht, was ich genau will. Möchte ich etwas wie Bruce Chatwin machen, also Reisereportagen? Das Buch ist dann eher entstanden, ohne darüber nachzudenken.

Eine Ihrer Techniken ist doch, Sie geben nicht alles.

Nein. Es passiert wirklich das Zeug, ich bin nicht so ein planerischer Mensch, ich weiß vorher nicht, wie das Buch aussehen muss. Wenn’s zu einfach wird, muss was passieren. Ansonsten folge ich eher einem übergeordneten Gefühl von dem, was rauskommen soll.

Viele Ihrer Figuren sind ja verzweifelt.

What news!

Für die hoffnungslosen Stellen, muss man depressiv sein oder schreibt man sie mit einem Lächeln?

Hoffnungslos sind wir ja alle. Wir wissen, wie es endet. Das meiste Depressive geht darauf zurück, dass die Menschen starr sind und sich nicht aus der Scheiße befreien wollen. Das haben die in der Schweiz nicht.

Weniger Depression?

Unbedingt! Wenn du dich in Deutschland umhörst, schlägt dir ein Gejammer entgegen, das dir hier in Zürich nicht unterkommt.

Haben Sie Strategien, sich nicht ganz entwurzelt zu fühlen, wenn Sie unterwegs sind?

Asia-Restaurants. Dann bin ich heilfroh über deutsches Fernsehen, das hilft immens. Ich hatte auch den Mann dabei.

Nehmen Sie viel oder wenig Gepäck mit?

Wenig. Nur das, was ins Flugzeug reingeht. Alles, was mehr ist, finde ich mühsam.

Warum?

Erst mal bin ich ein sehr schöner Mensch. Da braucht man keine Trikotagen. Und dann schleppe ich einfach auch sehr ungern Zeug.

Was ist dann das Befriedigende am Reisen?

Die überschwängliche Freude, wieder daheim anzukommen. Und mehr und mehr zu begreifen, dass man nirgendwohin muss.

Diese Helena im Buch …

… welche ist das denn wieder?

Die Fette. Helena sagt, sie habe fast alle Länder bereist, über die es einen „Lonely Planet“-Reiseführer gibt. Wie ist Ihr Verhältnis dazu?

Ich hab’ „Lonely Planet“ nie benutzt. Ich kann nicht planen, nicht mit Reiseführern umgehen. Ich glaube, für junge Menschen ist der „Lonely Planet“ niedlich. Sie wollen alles sehen, alles begreifen überall gleichzeitig sein. Das ist Teil des Charmes der Dummheit der Jugend.

Haben Sie Flugangst?

Ja, wird im Alter schlimmer. Dabei sterben wir ja eh. Eine Zeit lang hatten sich diese Ängste gelockert, aber jetzt sind sie wieder da. Dieser absurde Zustand, irgendwo ohne Fußboden zu sein. Beim Hochgehen ist es schlimm; und wenn es wackelt. Ich stelle mir immer vor, wie diese Mitreisenden neben mir mit aufgedunsenen, zerfetzten Leibern da unten liegen. Das sehe ich. Und ich glaube, es geht lang, es hat Fälle, wo die noch 16 Minuten trudeln. Das stelle ich mir hart vor.

Welche Orte sind Idealorte für Sie?

Die Schweiz natürlich. Und Finnland. Und Island.

Ist das nicht unerträglich, wenn es so lange dunkel ist im Winter?

Wahrscheinlich wird es irgendwann zu arg. Es ist aber diese Mischung aus leer und groß, die gefällt mir natürlich. Und der Nordländer, der mir begegnete, schweigt. Ruhe im Karton find ich das Angenehmste.

Und der Süden?

Alles wo es südländischer wird, und lebenslustiger, da ziehen sich bei mir die Schultern ein bisschen hoch: Warum bin ich nicht lebenslustig?

Europa?

Mehr und mehr komme ich drauf, dass die Reichen ja schon immer gewusst haben, wo es verdammt noch mal schön ist. Gegen Bellagio lässt sich nichts einwenden, ein großartiger Ort.

Hält man das Glück aus?

Och, ich find das super. Die schönste Zeit meines Lebens ist jetzt. Seit einigen Jahren. Ich denke, das könnte jetzt prima 50 Jahre so weitergehen. Solange es immer neue TV-Serien gibt, kann da nichts passieren. Die andere Seite ist die Angst vor dem Tod. Manche sagen, sie denken da nicht dran. Das find ich verrückt.

Wie oft denken Sie dran?

Sicher jeden Tag. Es ist normal. Ich wache jeden Tag gerne auf und freue mich, dass der Mann neben mir liegt, dass ich diese schöne Wohnung habe und Geld habe, die Miete zu bezahlen, ich denke mir parallel dazu aber immer: Scheiße, das hast du dann bald nun nicht mehr! Eine wirkliche chemische Depression beginnt, wenn dieser Zustand überhandnimmt. Aber so gar nicht darüber nachdenken, das ist seltsam. Diese Männer, die mit den Hedgefonds, denken wahrscheinlich nicht an den Tod. Die da Schaden anrichten mit ihrem Aktienzeug, die könnten ja gar nicht so agieren, wie sie es tun, wenn sie nachdenklich werden.

Wie ist denn Ihr Verhältnis zu den Verkaufszahlen Ihrer Bücher?

Sie sind ein Urteil über die Kompatibilität. Ich habe so ungefähr im Gefühl, wie viel muss ich verkaufen, damit der Vorschuss rein ist, und viel weit drüber hab ich’s eh noch nicht geschafft.

Dann ist ja der Vorschuss sinnlos.

Völlig!

Der ideale Vorschuss wäre höher.

Da haben sich viele gehörig ins Abseits begeben. Das Buchgewerbe ist ein unromantisches Gewerbe. Es verkommt ja, du hast heute kaum noch kleine Verlage, die sich das gönnen können, ihre Autoren zu pflegen – und der Verleger raucht Zigarre – das gibt’s nicht mehr. Sind ja alle aufgekauft von Bertelsmann und Co. Ich habe das in den letzten zehn Jahren deutlich gemerkt. Die Bücher werden kurz gepusht und möglichst rasch abverkauft, und wenn es das nicht tut innerhalb von vier Monaten, ist es aus. Dein hübscher Name nützt dir nichts, wenn du in Folge unter dem Vorschuss liegst beim Verkauf, dann bist du fort.

Hätten Sie gerne mehr Geld?

Ich hätte gerne mehr Geld, aber wirklich viel mehr Geld, Business-Class-mehr-Geld. Mit meinen Büchern wird das nicht gehen. Es gibt schon einen Bestseller-Standard, Bücher, die man an Studienräte verkauft, die man verschenken kann. Bildung verschenken. Bildung ist nicht so meins. Also wird das vermutlich nichts mit dem dicken Geschäft.

Und es wird blöd, wenn man die Beziehung thematisiert, in der man steckt?

Wenn man versucht, sein eigenes Leben aufzulösen, und dann kommt heraus, wir machen das jetzt so zu zweit, der andere ist verantwortlich dann wird’s blöd. Okay: Meine unmaßgebliche Theorie ist, diese Beziehungsgespräche, alle diese Worte – wie „abgrenzen“ – diese widerlichen Worte, das ist, weil die Menschen den Fehler machen, den anderen verantwortlich zu machen. Man lebt zum Beispiel mit jemandem in einer Wohnung. Natürlich freut man sich, wenn es dem anderen gut geht. Man geht vielleicht gemeinsam die Oma besuchen. Doof wird’s, wenn du deine Langeweile, deine Unzufriedenheit, dem anderen vorwirfst: „Du unternimmst nichts mit mir!“ Dann geh alleine spazieren, dumme Amsel!

Im Buch „Ende gut“ haben Sie ein halbes Jahr vor dem tatsächlichen Ereignis den Nobelpreis von Elfriede Jelinek prophezeit. Können Sie in die Zukunft sehen?

Ich bin der Nobelpreisflüsterer. Ich hab einfach angerufen bei diesen Lumpis in Stockholm und gesagt, das mit dem Günter Grass war eine Fehlentscheidung, jetzt macht mal was Ordentliches! Dann hab’ ich mich schaurig gefreut für Elfriede Jelinek.

Sibylle Berg, 45, lebt als Schriftstellerin und Dramaturgin in Zürich. Die gebürtige Weimarerin arbeitete als Tierpräparatorin und Lexikonverkäuferin, bevor sie mit ihrem ersten Buch „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ 1997 großen Erfolg hatte. Gerade erschien ihr Reiseroman "Die Fahrt".

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