Interview : „Ich bin überhaupt nicht fantasievoll“

Bei Konnopke wissen sie schon: Tom Schilling isst Currywurst Schranke ohne Darm. Vom Radfahren auf Gehwegen, Blutbeuteln und der Angst vor zu viel Kümmerling.

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Herr Schilling, Sie sehen müde aus.

Um diese Uhrzeit liege ich normalerweise im Bett.

Schrecklich für Sie, an einem Samstag um kurz vor zehn Journalistinnen zu treffen?

Ja. Das geht den ganzen Tag so weiter, bis 17 Uhr.

Wir würden gerne mit ein paar schnellen Fragen über Ihre Wohngegend Prenzlauer Berg anfangen, wo auch „Oh Boy“ spielt. In Ordnung?

Können wir machen. Ich lebe dort, wo Prenzlauer Berg nicht prenzlauerbergig ist: im nördlichen Teil. Bei mir ist nichts los. Da gibt’s kaum Restaurants, nur hier und da einen Spätkauf und eine Eckkneipe.

Haben Sie bewusst nach einer solchen Ecke gesucht?

Nö. Doch jetzt, wo ich da bin, finde ich es ganz toll, dass es so entspannt ist. Wenn ich will, bin ich mit meinem Rennrad schnell im Trubel.

Das Rennrad – ein Must-have der Saison.

Ich weiß nicht. Ich bin nicht so sehr an Trends interessiert. Den Radsport mochte ich mal.

Jan Ullrich oder Erik Zabel?

Jan Ullrich!

Radrennfahrer dopen. So gut wie jeder im gelben Trikot ist erwischt worden. Tour de France gucken macht vielen keinen Spaß mehr.

Das hat mich nie erschüttert. Wenn man nicht ganz naiv ist, sieht man ja: Das war schon immer so. Heute sind es synthetische Dopingmittel, früher gab es Rotwein, Barbiturate, Speed. Man hat schon immer nachgeholfen – das ist auch faszinierend an dem Sport.

Die Schönhauser Allee ist eine ziemlich gute Rennstrecke, vor allem Richtung Mitte, weil es da bergab geht. Wo bremsen Sie zum ersten Mal?

Da, wo es nötig ist.

Helm – ja oder nein?

Nein. Meine Freundin schimpft oft mit mir. Man muss sich einfach darüber klar sein, dass man als Fahrradfahrer das schwächste Glied in der Kette ist. Deswegen fahre ich sehr vorausschauend.

Bei Regen in die S-Bahn?

Nein, weiterfahren.

Kopfsteinpflasterwege meiden?

Da weiche ich auf den Bürgersteig aus. Natürlich vorsichtig. Ohne Fußgänger zu erschrecken. Trotzdem wurde ich schon oft belehrt: „Dit is’n Fußweg!“

Musik hören oder Ohren frei?

Ohren frei. Ich bin viel zu schnell unterwegs und brauche meine ganze Aufmerksamkeit.

Fußgänger vom Radweg klingeln oder gnädig umrunden?

Ich habe keine Klingel. Ich rufe: „Obacht!“

Schon mal Salto über eine Autotür geschlagen?

Nein, ich konnte ausweichen. Dafür hatte ich den langsamsten Unfall der Welt. Einmal, als es geregnet hat, bin ich mit meiner Familie im Schritttempo über den Bürgersteig gefahren. Dann bin ich den Bordstein runter, gaaanz langsam, und näherte mich einer Pfütze. Doch die Pfütze war eigentlich ein Gully, in dem ich mit meinem dünnen Vorderrad hängen blieb. Ich kam mit meinen Füßen nicht aus den Pedalen und prallte mit dem Kopf auf.

Hat Ihr sechsjähriger Sohn gelacht?

Nein. Wie Kinder so sind: Ah, interessant, da tropft Blut raus! Ich hab seinen Pulli vor die Wunde gedrückt und bin mit dem Rad ins Krankenhaus.

Max Raabe, passionierter Anzugträger wie Sie, fährt lieber ein gemütliches Hollandrad.

Das ist vielleicht bequemer im Anzug, ja. Auf dem Rennrad spannt es schnell.

Viele beschweren sich gerade über sogenannte Kampfradler. Überhaupt: Der Kampfbegriff weht so durch den Kiez – Kampfmütter, Kampfschwaben … Ist Ihnen das auch aufgefallen?

Die Leute regen sich halt gerne auf.

Warum denn bloß?

Ich habe keine Ahnung. Ich bin eigentlich recht entspannt. Zugezogene regen sich über Zugezogene auf. So ein Unsinn.

Zur Weihnachtszeit hingen an vielen Stromkästen Plakate: „Ost-Berlin wünscht eine gute Heimreise nach Sindelfingen.“ Lustig oder idiotisch?

Lustig. Ein bisschen bin ich dann doch Lokalpatriot. Ich fand’s auch witzig, als neulich ein Auto gegen das Brandenburger Tor gefahren ist, und die „B.Z.“ titelte so in die Richtung: „Umland-Heini fährt gegen unser Tor.“

Sind Sie selbst je Opfer von Pöbeleien oder Attacken geworden?

Auf dem Spielplatz hatten wir regelmäßig einen kleinen Hustle. Wenn andere Kinder das eigene von der Rutsche treten, gehe ich schon mal hin und frage, was das soll. Und dann kommt die Mutter oder der Vater und sagt: „Sie haben meinem Sohn überhaupt nichts zu sagen.“ Da ist man schnell dem Hass der Leute ausgesetzt. Aber damit kann ich gut umgehen. Mir tut es eher leid, dass die ihre Kinder nicht im Griff haben.

Die einen finden, man muss Kinder auf solches Fehlverhalten hinweisen. Die anderen sind der Meinung, Kinder müssten das unter sich klären.

Ich glaube, Kinder brauchen dafür Hilfe von Erwachsenen. Bei meinem Sohn sind zum Beispiel gerade Star-Wars-Karten schwer angesagt. Wenn er mit seinem Freund tauscht und ihm die Superkarte gegen zwei schrottige abluchst, und am nächsten Tag kommt der Freund und beschwert sich, dann finde ich: Die sollen das unter sich ausmachen. Getauscht ist getauscht. Aber wenn ein Kind das andere von der Rutsche schubst, soll man eingreifen. Vielleicht hat dem Kind nie jemand gesagt, dass Gewalt der falsche Weg ist.

Was haben Sie denn als Kind gesammelt?

Happy Hippos aus Überraschungseiern.

Angenommen, Sie bekommen Besuch aus New York. Was in Prenzlauer Berg würden Sie zeigen?

Die Karaoke-Show im Mauerpark. Ansonsten würde ich zum Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park gehen. Dieser Ort blendet die Stadt und alles Oberflächliche komplett aus. Da wird Geschichte spürbar. Tag für Tag pilgern da Russen hin, stellen Wodka ab. Für die symbolisiert das den großen vaterländischen Krieg gegen die Nazis, bei dem sie 20 Millionen Menschen verloren haben.

Wann haben Sie das Denkmal für sich entdeckt?

Ich war da früher mit meinen Eltern, wir sind ab und zu von Mitte in den Treptower Park gefahren, um Drachen steigen zu lassen.

Beeindruckend, wie Sie in „Unsere Mütter, unsere Väter“ Ihren Tod spielen. Hat Sie das mitgenommen?

Ach was, das ist total gängig, das ist doch meine Arbeit. Dieser Tod war mehr technisch anstrengend für mich zu spielen als emotional.

Sie rennen in den Kugelhagel der Russen, werden regelrecht durchlöchert.

Du hast unter der Uniform so kleine Impacts, das sind Sprengladungen, und einen Blutbeutel. Alles ist verdrahtet, du bist mit einem Sender ausgestattet, und irgendwo im Wald sitzt einer und drückt im entscheidenden Augenblick auf einen Knopf.

Wenn Sie die Szene später im Fernsehen sehen, denken Sie …

… perfekt explodiert. Genau.

Die Waffen, mit denen Sie gespielt haben, waren echte Weltkriegswaffen. Hatten Sie Hemmungen, die zu berühren?

Damit wurden wahrscheinlich Menschen getötet. Aber ich bin meiner Rolle verpflichtet, und wenn ich Hitler spiele, spiele ich nicht die Toten des Regimes mit.

Darf Ihr Sohn Wasserpistolen und Laserschwerter haben?

Mein Sohn hat nur Waffen im Kopf – obwohl er weiß, dass Krieg schlecht ist. So sind die Jungs.

Erklären Sie ihm, dass in Wirklichkeit nur ein Schauspieler in Darth Vader steckt?

Ja, vor allem, wenn er Angst hat. Er weiß Bescheid, er war einmal am Set dabei.

Dürfen Eltern auf einem Spielplatz rauchen?

Ja. Man muss natürlich damit leben, dass man komisch angeguckt wird. Macht halt nicht so viel Spaß, wenn man am Mülleimer in der Ecke steht.

Eine Bar in Ihrem Kiez, in der man rauchen kann?

Da gibt es eine Kneipe, wo ich öfter zum Fußballgucken bin. Dort arbeitet so ziemlich der netteste Wirt. Ein Urgestein, aber ohne diese „Alter laber mich nicht an“-Attitüde. Dann gibt’s noch das „Paule 19“, da trau ich mich nicht rein.

Bitte?

Zu hart. Bei jedem Union-Tor gibt’s einen Kümmerling aufs Haus.

Ist Kümmerling nicht Ihr Getränk oder Union nicht Ihre Mannschaft?

Ich würde sagen, beides. Union eher als Hertha. Eindrucksvoll, als die im Jahnsportpark spielten.

Im Jahnsportpark sind Sie öfter, zum Tennisspielen. Ihr Verein: der TSG Break 90.

Ja! Ein Sport, den ich total schön finde. Er verbindet Präzision mit Ästhetik. Ich finde, es gibt nichts Beruhigenderes, als Tennisspielern zuzuschauen. Das kann man wahrscheinlich nur verstehen, wenn man weiß, wie es sich anfühlt, eine Rückhand longline genau dorthin zu spielen, wo man sie hinspielen möchte. Außerdem genieße ich den Ort, das ist wie eine Oase. Man hört den Wind in den Pappeln und ganz entfernt die Schönhauser Allee.

Welche Geste machen Sie, wenn Sie einen guten Punkt machen? Die Beckerfaust?

Ich freue mich eher innerlich.

Das schaffen Sie?

Es wäre ja lächerlich, wenn ich gegen einen meiner besten Freunde auf dem Tennisplatz abfeiere, weil ich gewonnen habe.

Tennis geht vor allem auf die Sprunggelenke.

Mein Problem sind eher die Handgelenke. Mir fehlt das SL-Band, ein Band zwischen Mondbein und Kahnbein. Deswegen bin ich ein bisschen flexibler im Handgelenk, aber es entzündet sich auch leichter. Arthrose ist quasi vorprogrammiert.

Sonst alles okay?

Wahrscheinlich nicht. Wenn in der Hand schon was fehlt, kann irgendwo anders auch etwas fehlen.

Rauchen und Sport – geht das zusammen?

Ich bin Raucher und Hobbysportler, na klar. Ich bin ein Genussmensch.

Sie sagten einmal, für Sie sei es mittlerweile interessanter, einen guten Braten zu schmoren als sich die Nächte in Clubs um die Ohren zu schlagen.

Das bedeutet aber nicht, dass ich ein guter Koch bin. Ich bin überhaupt nicht fantasievoll. Einmal hab’ ich mir von meiner Mutter zeigen lassen, wie man Braten macht, und das war’s.

Die beste Club-Nacht Ihres Lebens?

Im Cookies in der Charlottenstraße. In den Unisex-Toiletten gab’s eine Champagnerbar, alle saßen auf den Kabinen und feierten.

Ketwurst oder Currywurst?

Als Kind Ketwurst, heute Currywurst. Von Konnopke: Schranke, ohne Darm.

Welcher Name einer Wohnanlage ist schräger: Palais Kolle Belle oder Marthashof?

Mir egal.

Einkaufen in den „Schönhauser Allee Arcaden“ oder nicht?

Da bin ich ständig. Da ist die Post. Und das Fitnessstudio, wo ich für „Unsere Mütter, unsere Väter“ Krafttraining gemacht habe.

Maschinen oder Freihand?

Beides, in dieser Reihenfolge.

Ihr Lieblingsgeschmack von Eiweißshakes?

Schoko.

Flohmarkt im Mauerpark oder auf dem Arkonaplatz?

In Prenzlau. Da habe ich neulich Lederstiefel für 12 Euro gekauft, die hätten auch aus dem Zweiten Weltkrieg sein können.

Haben Sie gehandelt?

Das trau ich mich nicht.

Herr Schilling, Sie sind doch Schauspieler!

Ich spiel nur, wenn ich sozialversichert bin. Privat bin ich ein offenes Buch, ich kann irrsinnig schlecht lügen. Ich glaube, dass man mit dem Mut zur Geschichte weiterkommt als mit entwaffnender Ehrlichkeit.

Am Set, wenn Sie einen Film drehen, sollen Sie aber nicht besonders redselig sein.

Na ja, vor allem nicht, wenn ich schwierige Figuren spiele: Prinz Otto, Adolf Hitler oder den Friedhelm Winter in „Unsere Mütter, unsere Väter“. Da bin ich nicht besonders unterhaltsam und ziehe mich am Set eher raus. Auf andere mag das befremdlich wirken – aber wenn der Film abgedreht ist, erkläre ich, dass ich eigentlich ganz anders bin.

Und Ihre Kollegen nehmen Ihnen das dann noch ab?

Ja, ich schätze schon.

Wie haben Sie sich auf die Rolle des geisteskranken Prinz Otto vorbereitet?

Ich hab einen Freund besucht, der ein Haus bei Prenzlau hat. Da konnte ich spazieren gehen, Schuberts „Winterreise“ hören. Einen Verrückten zu spielen muss man ausprobieren. Da ist es gut, wenn man in Brandenburg über Felder läuft. Wo man auch mal schreien kann.

Erinnern Sie sich an Ihren Geschichtsunterricht?

Nur an „Politische Weltkunde“. Ich hatte einen ganz tollen Lehrer, Herrn Werner. Er war einer der wenigen, die gern unterrichtet haben.

Sie haben in der Schule oft gefehlt, weil Sie schon als Jugendlicher auf der Bühne gestanden und gedreht haben. Hatten Sie deswegen nie Probleme?

Nein, ich war ein guter Schüler. Der Direktor hat das erlaubt. Da musste ich natürlich Commitment zeigen und beweisen: Meine Noten werden nicht schlechter.

Wie haben Sie eigentlich Ihrem Sohn Ihren Beruf erklärt?

Ich verkleide mich und mache Quatsch. Jetzt denkt er, ich sei Schausteller.

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