INTERVIEW : „Ich erkenne Kontrolleure schon von weitem“

Tarantino mailt ihr sein neues Drehbuch, Lagerfeld entwirft ihr ein Kleid. Trotzdem fährt Diane Kruger schwarz und schleift ihre Fensterrahmen selber ab

Interview: Ulf Lippitz

Frau Kruger, in der „Brigitte“ stand über Sie: „Sie hat immer mit Akribie und Disziplin an sich gearbeitet.“ Typisch deutsch?

Das stimmt. Genau wie Pünktlichkeit: In Paris nehme ich mir sogar vor, zu spät zu kommen, sitze extra länger zu Hause herum – aber am Ende bin ich als eine der wenigen doch rechtzeitig da. Die Franzosen machen drei Stunden Mittagspause!

Auch, als Sie vergangenes Jahr den Film „Barfuß auf Nacktschnecken“ gedreht haben?

Nein, da haben wir nur eine Stunde gegessen. Die Gewerkschaft der Schauspieler verlangt übrigens in Frankreich, dass auf jedem Tisch eine Flasche Wein stehen muss, ob man die nun trinkt oder nicht. Das wäre in den USA völlig undenkbar.

Sie haben also mittags ganz entspannt ein paar Gläser Bordeaux getrunken?

Nein, manchmal ein Glas Rosé. Wir haben im Sommer gedreht, in einem Landhaus eine Stunde von Paris entfernt, das passte gut zur Atmosphäre. Für solche Erlebnisse bin ich nach Dreharbeiten in Amerika wirklich dankbar.

Sie drehen seit 2004 in den USA, sind augenblicklich die einzige deutsche Schauspielerin, die in Hollywood Fuß gefasst hat. Wie unterscheidet sich die Arbeitsatmosphäre in den Ländern?

Die Anzahl der Arbeitsstunden ist in Frankreich einfach geringer. Wir arbeiten nur zwölf Stunden, dann ist Schluss, Vorbereitungszeit und das Mittagessen eingezählt. In Amerika arbeite ich mindestens zwölf Stunden, ohne Essen – und das ist dann ein guter Tag gewesen.

Sonst noch was?

In Amerika ist das Drumherum verwirrender. Es gibt tausend Leute, von denen ich nicht weiß, was die eigentlich genau tun. Außerdem ist in Hollywood der Regisseur bloß ein Angestellter der Studios, in Frankreich ist er Gott. Der Produzent ist dafür da, um ihm alles zu geben, was er braucht, um seine Vision des Films zu verwirklichen.

In Frankreich dürfte ein Regisseur Sie also anschreien?

Das macht jeder Regisseur!

Wolfgang Petersen, der mit Ihnen „Troja“ drehte, wirkt in der Öffentlichkeit immer so bedächtig. Schwer vorstellbar, wie er herumschreit.

Okay, wenn Sie meinen.

Im neuen Film spielen Sie eine berufstätige verheiratete Frau, die sich nach dem Tod der Mutter um die geistig zurückgebliebene Schwester kümmern muss.

Ich konnte mich gut mit der Rolle identifizieren. In meiner Familie bin ich ja auch die große Schwester. Wir hatten Schwierigkeiten, weil mein Vater trank und meine Mutter meinen Bruder und mich praktisch allein erziehen musste.

Würden Sie sich zutrauen, eine Alkoholikerin zu spielen?

Ja, natürlich. Ich wüsste auf jeden Fall, was zu tun wäre.

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Kinder von Alkoholikern sehr schnell Stimmungsschwankungen antizipieren und sich so gut auf neue Situationen einstellen können. War das bei Ihnen so?

Ich hatte eher das Glück, im Ballett ein Ventil gefunden zu haben. Als Kind habe ich gelernt, dass ich mich in Tanz und Musik verlieren kann und so Frust und Ängste für eine Zeit verschwinden.

Haben Sie im Training auch etwas über Disziplin gelernt?

Durch Disziplin habe ich an Leichtigkeit gewonnen. Erst als sich mein Körper in der Pubertät verändert hat, fiel mir das Training schwerer. Ich musste einsehen, dass nicht jede das Talent hat, eine Primaballerina zu werden.

Waren Sie eigentlich sauer, dass Sie die Hauptrolle in „Black Swan“ nicht bekommen haben?

Nein, nein. Ich kenne den Regisseur sehr gut, er arbeitete schon seit Jahren an dem Projekt. Natalie Portman war von Anfang an im Gespräch. Für mich wäre der Film auch zu frustrierend gewesen.

Weshalb?

Ich war bis zu meinem 13. Lebensjahr Tänzerin auf relativ hohem Niveau, bis ich eine Knieverletzung hatte und aufhören musste. Nie hätte ich „Schwanensee“ perfekt tanzen können – und das hätte mich geärgert. Ich hätte nur die Fehler gesehen.

Hat Natalie Portman gut getanzt?

Sie hat die Rolle sehr gut gespielt. Was das Tanzen betrifft, fand ich sie nicht so überzeugend. Aber sehen Sie, es ist auch kein Tanz-Dokumentarfilm. Ich habe zum Beispiel mal eine Dirigentin gespielt, und ich bin sicher, dass echte Musiker sich über meine Fehler geärgert haben.

Erzählen Sie bitte mal von Ihrer Schulzeit. Wir wissen nur, es war eine katholische Schule.

Das war eine schreckliche Zeit. Ich konnte mit den Prinzipien nichts anfangen. Kein Sex vor der Ehe? Daran habe ich nicht geglaubt. In meiner Klasse waren auch nur drei Mädchen und 24 Jungen, wobei die anderen Mädchen größer als ich waren und Fußball spielten. Einmal war ich auf einem Plakat der Ballettschule in Hildesheim zu sehen, da war ich 13. Eine Woche bin ich nicht zur Schule gegangen, weil mich die anderen nur ausgelacht haben.

Mit 15 haben Sie einen Modelwettbewerb gewonnen und erhielten einen Vertrag mit der Agentur Elite. Sie haben mit 16 die Schule abgebrochen …

… die beste Entscheidung meines Lebens ...

… und zogen allein nach Paris.

Ich war total grün hinter den Ohren. Im Hinterkopf hatte ich die Drohung meiner Mutter: Wenn das nicht klappt, musst du zurück zur Schule. Es war ganz klar, wenn ich kein Geld verdiene, ist der Traum vorbei.

So haben Sie schnell alles gelernt, was für das Modeln erforderlich war?

Wissen Sie, das Problem mit dem Beruf ist: Eigentlich kann das Model selber nichts beitragen. Entweder jemand findet einen toll, oder Sie entsprechen einer bestimmten Mode.

Heidi Klum will im Fernsehen jungen Mädchen beibringen, wie sie Topmodels werden. Alles Quatsch?

In der Sendung lernt ein Mädchen, zu posieren, nicht aber, eine Persönlichkeit zu entwickeln. Am Anfang meiner Karriere glaubte ich fest daran, das Modeln an sich sei total kreativ. Weit gefehlt. Man kann nur versuchen, einem bestimmten Geschmack zu entsprechen. Das fand ich nach fünf Jahren langweilig. Im Grunde ist es eine komische Konstellation: Ein junges Mädchen arbeitet die ganze Zeit in der Welt der Erwachsenen.

Das hat Ihnen zugesetzt?

Nein, ich fand das gut. Zum ersten Mal hat mich jemand ernst genommen. Nur im Nachhinein ... ich hatte nie die wilden, sorglosen Jahre einer Schülerin oder Studentin, musste aufpassen, dass ich meine Miete rechtzeitig bezahlte. Und ständig war ich allein auf Reisen. Ich durfte mir nicht erlauben, mich wie eine 16-Jährige zu verhalten.

Nicht alle Models sind brave Schäfchen. Kate Moss soll mit 16 bereits heftig gefeiert haben.

Natürlich, ich habe gesehen, wie Mädchen auf Partys gingen, aber auch, wie einige abgerutscht sind. Es hängt viel davon ab, was die Familie einem mitgibt.

Sie meinen, das Beispiel Ihres alkoholkranken Vaters hat Sie vor Abstürzen bewahrt?

Ja, für mich war Alkohol bis 21 tabu. Hinzu kam, dass es sich meine Familie nicht leisten konnte, mich finanziell in Paris zu unterstützen. Wenn ich kein Geld hatte, bin ich in der Metro schwarzgefahren. Das tun viele, es gibt selten Kontrollen, ich bin über diese Schranken gesprungen, manchmal bin ich erwischt worden und manchmal nicht. Aber ich konnte reisen! Als Teenager war ich mit meiner Familie einmal in Spanien und einmal zum Skifahren in den Bergen. Und auf einmal flog ich nach Paris, London und sogar New York.

Was haben Sie bei Ihrem ersten Besuch in New York gemacht?

Ach Gott, war ich naiv. Als Kind hatte ich so viel vom Broadway gehört. Also nahm ich mir am Hotel ein Taxi und sagte dem Fahrer: „Ich möchte zum Broadway.“ Der Mann sah mich fragend an: „Welche Ecke?“ Ich war völlig überfordert, ich hatte die Vorstellung, der Broadway wäre eine kleine Straße mit vielen Theatern. Und schließlich habe ich durch das Modeln Karl Lagerfeld kennengelernt. Er hat mich früh für Chanel verpflichtet. Seit der Premiere von „Troja“ haben wir ein besonderes Verhältnis.

Das war Ihr erster großer Hollywoodauftritt 2004, Sie waren als Helena zu sehen …

… ich habe damals nach dem perfekten Kleid für die Premiere in Cannes gesucht. Karl hat mich gefragt: „Willst du nicht etwas von Chanel haben?“ Aber mir war die damalige Kollektion zu dunkel. Da nahm er mich an die Hand, wir gingen in sein Büro, er holte Stift und Block heraus und fragte: „Okay, was willst du haben?“ Am Ende entwarf er ein langes hellblaues Kleid für mich. Es war der Traum eines jeden Mädchens. Bis heute hängt die Zeichnung, die er in seinem Büro gemacht hat, in meiner Wohnung.

Wolfgang Petersen hat Sie damals unter 3000 Bewerberinnen für die Rolle an der Seite von Brad Pitt ausgesucht. Wie haben Sie das geschafft?

Keine Ahnung. Ich drehte gerade in Montreal, bekam zwei Szenen zugesandt und habe sie im Hotelzimmer gespielt. Die Kassetten schickte ich zurück, zwei Wochen später erhielt ich die Nachricht, ich solle nach Los Angeles kommen. Wieder vorsprechen, ein Treffen mit Wolfgang Petersen – und nach Monaten bekam ich erst die Rolle.

Trotzdem wollte Quentin Tarantino Sie 2008 angeblich nicht einmal zum Casting einladen, als er „Inglourious Basterds“ besetzte.

Er wollte nicht glauben, dass ich Deutsche bin! Ich dachte, was zur Hölle soll das? Als ich in Amerika ankam, hieß es ja oft: „Ja, sie ist gut, aber sie hat diesen Akzent.“ Ich habe Jahre gebraucht, um den loszuwerden, dann kommt endlich mal eine deutsche Rolle, und es heißt: „Sorry, du bist nicht deutsch genug!“

Wie haben Sie sich Ihre Figur vorgestellt, als Sie das Drehbuch zum ersten Mal gelesen haben?

Ich dachte so ein bisschen an das Klischee, das Amerikaner von Figuren wie Marlene Dietrich haben: eine strenge deutsche Frau.

Eine Art Zuchtmeisterin?

Das fasziniert Quentin, das findet er erotisch. Wie man weiß, liebt er solche starken Frauenrollen.

Sie saßen bei der Oscarverleihung 2010 direkt neben ihm. Konnten Sie sich verkneifen, ihm zu sagen: „Siehst du, ich war die Richtige?“

Das brauchte ich ihm nicht sagen. Er hat sich einmal nach dem Dreh entschuldigt: „Sorry, ich hätte sofort an dich denken sollen.“ Gerade hat er mir sein neues Drehbuch geschickt, heute morgen per E-Mail.

Es soll ein Spaghettiwestern werden, angeblich wird Christoph Waltz mitspielen. Sie also auch?

Keine Ahnung, er hat es mir nur geschickt, damit ich ihm meine Meinung sage. Ich habe es noch nicht gelesen.

Frau Kruger, wie sind Sie überhaupt Ihren deutschen Akzent losgeworden?

Da kommt wohl die Disziplin wieder ins Spiel.

Und vielleicht ein Sprachtrainer?

Oft ja, für jeden Film, den ich gemacht habe, hatte ich einen. Akzente sind inzwischen so etwas wie meine Spezialität: Einmal war ich eine Bosnierin, einmal eine Südafrikanerin.

An welchen englischen Wörtern mussten Sie lange feilen?

„West Village“ ist das Schlimmste. Für uns Deutsche klingen „W“ und „V“ gleich, aber es gibt einen Unterschied. Oder die langen Vokale – wie im Wort „land“. Es heißt ja nicht leend, sondern lääänd.

In den letzten drei Jahren haben Sie oft in Berlin gedreht, 2008 waren Sie in der Berlinale-Jury. Verstehen Sie die Stadt inzwischen?

Ich durchschaue ein paar Sachen. Je häufiger ich hier bin, umso besser lerne ich den Berliner Underground kennen. Dank meiner Bekannten, die mich herumführen. Wir waren zum Beispiel neulich in einer Bar, von dort aus ging es in einen Keller, wo eine weitere Bar war. Und das alles irgendwo in einem Wohngebiet.

Könnten Sie ohne Navigationshilfe von Kreuzberg nach Prenzlauer Berg fahren?

Nee!

Dann lieber schwarz in der U-Bahn?

Habe ich gemacht, aber nur weil ich nicht verstanden habe, wo man die Tickets kauft.

Die Fahrscheinautomaten befinden sich meist auf den Bahnsteigen.

In Paris kommt man ohne Ticket gar nicht auf die Bahnsteige, aber hier ist alles offen. Ich habe zuerst gedacht: Ist das alles gratis?

Sind Sie mal in Berlin erwischt worden?

Nein. Ich habe die Kontrolleure schon von weitem erkannt.

Im Magazin „Elle“ stand, dass Sie selbst renovieren. Geholfen hätten Ihnen die Erfahrungen, die Sie als Kind mit dem Bauen von Baumhäusern gesammelt haben. Stimmt das?

Mein Vater hatte unten im Keller eine Werkstatt. Da habe ich die Bretter geklaut und daraus ein Haus gebaut. Wir lebten auf dem Land, da war das normal. So toll waren meine Entwürfe nicht. Einmal habe ich eine Wasserrutsche gebaut und mir beim ersten Versuch den ganzen Unterschenkel aufgerissen, weil noch ein Nagel rausgeschaut hat. Ich bin kein Handwerker, ich mag es nur, etwas Handwerkliches zu tun.

Was denn?

Fensterrahmen abschleifen.

Ehrlich? Haben Sie gar keinen Respekt vor schwerem Gerät?

Ich verrate Ihnen ein großes Geheimnis: Ich kann besser mit der Bohrmaschine umgehen als mein Freund. Das darf ich aber nicht so laut sagen. Jedes Mal, wenn ich das tue, ist natürlich sein männliches Ego ein bisschen verletzt. Er will es mir dann erst recht zeigen. Wenn er bohrt, bemerke ich schon beim Zugucken, das wird ein viel zu großes Loch. Mittlerweile hänge ich nur noch Bilder auf, wenn er nicht da ist.

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