Interview : "Ich finde es reinigend zu leiden“

Sarah Kuttner kann zu Hause keine Partys feiern, denn sie hasst Unordnung. Und bei der Pediküre wird sie nervös, weil sie unter Witzzwang steht.

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Mit Herrenhumor. Sarah Kuttner wähnt einen kleinen, bärtigen Entertainer in sich.Foto: promo

Frau Kuttner, angeblich hassen Sie Sonntage?



Sonntags geht es viel ruhiger und langsamer zu als sonst, alle Läden haben geschlossen. Ich mag es lieber, wenn überall Leben ist. Das heißt nicht, dass ich unbedingt einkaufen möchte, aber ich hätte gerne die Möglichkeit dazu. Dann diese gemächliche Spaziergangs- und Brunchstimmung – wie in einem dieser Endzeitfilme: New York ist ausgebombt, nur Will Smith hat überlebt. Gruselig.

Hatten Sie dieses Will-Smith-Gefühl auch bei Ihrem 30. Geburtstag, den Sie vor kurzem gefeiert haben?


Nein. Es ändert sich ja nichts, meine Haut ist immer noch gut, ich habe keine Falten. Meine Mutter meinte zwar, bei uns Kuttner-Frauen gäbe es mit 30 einen superkrassen Sprung, so als würde man eines Morgens aufwachen und das ganze Gesicht ist verschrumpelt. Also habe ich versucht, mich kurz vor dem Geburtstag künstlich hysterisch zu machen, aber es kam keinerlei Angst auf. Es ist mir so egal gewesen, dass ich fast enttäuscht war.

Ist 40 also das neue 30?

Auf jeden Fall. Eine Freundin von mir, die gerade 40 geworden ist, ist fast durchgedreht. Der musste ich oft sagen, dass sie sehr jung aussieht.

Haben Sie Ihren Geburtstag groß gefeiert?

Ich veranstalte nicht so gerne Partys, weil ich dann so unentspannt bin. Einmal habe ich eine Silvesterparty gemacht. Schon während alle feierten, habe ich zwanghaft Aschenbecher geleert, Flaschen eingesammelt und Gläser in die Spülmaschine geräumt. Um ein Uhr gingen wir alle zusammen woandershin, und als ich mitten in der Nacht nach Hause kam, sah es in meiner Wohnung so aus, als sei nichts passiert.

Sie sind ja eine Ordnungsfanatikerin!


Ja, vermutlich. Ich mag es sauber und aufgeräumt, aber da gibt es vermutlich schlimmere Macken.

Also haben Sie Ihrem 30. Geburtstag wirklich so gar nichts Besonderes gemacht?


Na ja, im Vorfeld habe ich meinen Freunden gegenüber ein paarmal erwähnt, dass ich mich über eine Überraschungsparty freuen würde. Aber nichts hat sich angedeutet. Man kann sich ja auch ehrlich gesagt keine Überraschungsparty wünschen. Also bin ich in den Spreewald, zur Wellness, mit meinem Freund.

Massagen und Maniküre? Dafür sind Sie doch viel zu hibbelig.


Vielleicht. Ich habe es nur eine halbe Stunde am Pool ausgehalten. Aber eigentlich finde ich den ganzen Wellnesskram auf eine puristische Mädchenart ganz toll. Ich lasse mich unheimlich gerne massieren, aber dann kräftig und auch nur 30 Minuten.

Ihre Fingernägel sind schwarz lackiert. Wie halten Sie das nur aus: stillsitzen und warten, bis der Lack trocken ist?


Ganz schlecht, aber ich mache das wenigstens selber. Ich war mal am Zionskirchplatz im „Fußbadcafé“ und ließ mir zum ersten Mal in meinem Leben eine Pediküre machen – es war ein merkwürdiges Gefühl, dass jemand zu meinen Füßen hockte. Ich schämte mich, obwohl das ja Quatsch ist. Weil ich dauernd das Gefühl hatte, entschuldigende Konversation machen zu müssen, konnte ich mich nicht entspannen.

Sie bezeichnen sich als Frau mit Herrenhumor. Was soll das denn heißen?


Jungs sagen mir oft, dass ich keinen typisch weiblichen Humor habe. Wahrscheinlich, weil ich weniger pingelig mit Körperlichkeiten bin. Wenn einer schlechte Witze macht, bin ich gelangweilt.

Was ist ein schlechter Witz?

Ich mag es nicht, wenn Menschen nicht um die Ecke denken und witzeln können. Dann denke ich mir: Musst du dich halt anstrengen und nicht die einfachste Ironiekurve nehmen. Manchmal denke ich, in mir wohnt ein kleiner, bärtiger Entertainer.

Trotzdem haben Sie jetzt einen Roman über eine depressive junge Frau geschrieben.


Die Idee kam mir bei einer Autofahrt. Plötzlich musste ich an eine Freundin denken, die eine Therapie macht. Ihr Psychiater hatte eine Sitzung mit dem Satz begonnen: „Eine Depression ist ein fucking Event.“ Innerhalb weniger Sekunden wusste ich, dass das ein toller erster Satz für ein Buch ist.

Wir hatten angenommen, Sie würden Ihre eigenen Depressionen verarbeiten.

Erst im Nachhinein wurde mir richtig klar, dass man Bezüge zu meinem Leben ziehen würde. Mir traut man offenbar nicht zu, dass ich mir eine Geschichte ausdenken kann. Das ärgert mich. John Irving beschreibt schließlich auch, wie es sich anfühlt, wenn ein Löwe einem die Hand abbeißt. Meines Wissens hat er noch beide Hände. Andererseits bin ich ja auch nicht Irving.

Ihre Situation 2006, als Ihre Sendung eingestellt wurde, ähnelte der Ihrer Protagonistin, die ihren Job verloren hat.

Nein, nein. Als ich Karos Geschichte erfunden habe, war mir ganz wichtig, einzelne Aspekte, die jeder Mensch nachvollziehen kann, zu konstruieren. Also nicht: Das Haus brennt ab und alle sind tot. Was Karo passiert, kann jedem passieren: Sie verliert ihren Job und ihre Liebe. Nach MTV ging es mir nur auf einer privaten Ebene schlecht, weil mir meine Redaktion fehlte. Arbeitslos war ich nicht, ich bin sofort auf Lesetour gegangen.

Die Absetzung hat nicht an Ihrem Ego gekratzt?


Nein, weil es keine geschmäcklerische Entscheidung war. Es ging um Geld. Es kostet nichts, eine Stunde Mist auszustrahlen, und es kostet mehrere 10 000 Euro, meine Sendung auszustrahlen. Ich mochte nicht auf die Studioband verzichten, nur weil es billiger ist. Entweder ihr nehmt das so, wie ich es mache, und wenn ihr das nicht wollt, verpisst euch. Da bin ich ein Ich-ich-ich-Mensch.

Man kommt bei Ihnen auch darauf, dass es Ihre eigene Geschichte sein könnte, weil Sie die Panikattacken Ihrer Figur Karo so genau beschreiben: „Es ist unerträglich in meinem Körper. Mir ist heiß, und zu der Angst hat sich die schwere Pferdedecke Traurigkeit gesellt. Der Balkon macht mir Angst.“

Das konnte ich, weil ich mit Betroffenen und Therapeuten gesprochen habe. In meinem Umfeld gibt es Menschen, die daran leiden, die in der Öffentlichkeit umkippen. Manche leiden nur kurz, manche länger, manche nehmen Tabletten dagegen. Und Panikanfälle hatte ich früher mal kurz, daher weiß ich ein wenig , wie die sich anfühlen.

In welchen Situationen hatten Sie Panik?

Das ist schon recht lange her und recht privat, oder nicht? Es war aber nicht so dramatisch, dass Ihnen jetzt eine tolle Geschichte entgeht. Ich bekam einfach ohne sichtbare Erklärung schlimmes Herzrasen. Fertig.

Das Verdrängen ist bei Karo ein großes Thema. Sie kultiviert es geradezu.


Das ist doch für jeden ein riesengroßes Thema! Im Grunde ist nichts auf lange Sicht zu verdrängen. Denn irgendwann sagt die Seele mithilfe des Körpers Bescheid: Ab jetzt geht’s nicht mehr. Insofern ist es keine dauerhafte, aber eine sehr gute kurzfristige Lösung.

Wie ist das bei Ihnen?


Ich verdränge nicht so doll, dafür bin ich viel zu verkopft – nur bei Liebeskummer. Ich finde es reinigend zu leiden, dann setze ich mich hin und heule. Ich erinnere mich an ein Kaffeetrinken mit Freunden, die mich ablenken wollten. Aber ich war so voller Schmerz, dass ich mich nicht konzentrieren konnte. Jetzt, mit 30, finde ich es toll, zu wissen, dass es immer wieder gut wird.

Der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther sagt: „Besonders die Zuversicht ist uns in den letzten Jahren weggebrochen.“ Das sei ein Grund, warum immer mehr Menschen unter Angstzuständen leiden.


Ja, ich glaube, das Gefühl der Sicherheit spielt eine große Rolle. In den vergangenen 30 Jahren hat sich das Verhältnis zwischen Sicherheit und den Möglichkeiten, die das Leben bietet, diametral verändert. Früher hatte man nicht viel Auswahl, aber dafür Sicherheit bis zur Rente. Heute ist es genau umgekehrt. Die Frage ist jetzt: Ist das ein guter Tausch? Auf den ersten Blick natürlich ja. Aber es braucht dafür auch sehr viel Stärke.

Heute gibt es zu viele Möglichkeiten?


Es ist wie bei einem Buffet: Man will alles ausprobieren und hat letztlich einen Teller voll mit lauter kleinen Häufchen. Nichts isst man richtig. So leben viele Menschen, aus Angst, etwas zu verpassen. Sicherheit ist eine wichtige Größe fürs Seelenheil, man braucht sie, um nicht zu stolpern. Wenn man Sicherheit hat, ist man zuversichtlich, dass alles schon irgendwie so bleiben wird. Dabei läuft man natürlich Gefahr, das Glück zu verbummeln.

Zu viel Sicherheit oder zu viel Freiheit – was macht Ihnen schlimmeren Kummer?


Zu viel Sicherheit kann es doch gar nicht geben, oder? Ich glaube daran, dass man auch beides haben kann: Steve Jobs hat beides, und wahrscheinlich ist auch Oliver Pocher total glücklich mit dem, was er macht, und er verdient eine Menge Geld.

Wir haben gehört, Sie sparen Ihr Geld lieber, statt es auszugeben. Wie wichtig ist Ihnen finanzielle Sicherheit?

Ich schmeiße mein Geld ungern zum Fenster raus.

Was haben Sie mit dem Geld gemacht, das Sie für Ihr „Playboy“-Shooting verdient haben?

Aufs Sparkonto gelegt. Ich habe es nicht wegen des Honorars getan. So dolle war das auch gar nicht.

Weswegen dann?

Ich fand es aufregend. Die einzige Sache, die ich damals nicht bedacht habe: Es wollen immer noch Leute, dass ich auf ihren Lieblingsbildern aus dem „Playboy“ unterschreibe. Aber ich unterschreibe nicht auf meinen Brüsten. Das finde ich zu intim.

Sind Ihre Bilder am Computer nachbearbeitet worden?

Ich verspreche hoch und heilig, dass wir nichts gemacht haben. Man kann sich ja auch schlau in Szene setzen. Es gab zum Beispiel kein Arschfoto, weil ich nie ein großer Fan von meinem Hintern war, so wie viele Mädchen das nicht sind. Es gab eine Position, wo ich kniete. Ich sollte ein extremes Hohlkreuz machen, das strafft die Oberschenkel. Eine Freundin meinte vorher, man kriegt die Brustwarzen steif, wenn man sie anschnipst. Aber da dachte ich, also echt, ich schnipse doch nicht meine Brustwarzen an.

Vergangenes Jahr gab es mit „Feuchtgebiete“, „Neue deutsche Mädchen“ und „Alphamädchen“eine Neofeministinnen-Schwemme …


Ja, das ist eine Welle gewesen. So lief es mit Smoothies, diesen Ein- und Auswandererreportagen, Stiefel-in-die-Hose-Stecken und vielem anderen. Ich glaube, dass der Neofeminismus gar nicht richtig etwas will – er ist bloß eine verspielte Variante des richtigen Feminismus, der mit Energie und Ellenbogen für Gleichberechtigung gekämpft hat. Es scheint, als wollten die Neofeministinnen sich nicht mehr von den Männern befreien, sondern von sich selbst.

Haben Sie „Feuchtgebiete“ gelesen?

Ich habe es mir schnell gekauft, habe mich aber ganz lange nicht getraut, es zu lesen – aus Angst, dass ich es blöd finden könnte. Was mich aber mehr überrascht hat, war, dass ich nach dem Lesen nicht wusste, ob es mir gefällt. Heute finde ich es widerlich und toll zugleich.

Was finden Sie widerlich und was toll?


Naja, es ist schon merkwürdig, wie viele Körperflüssigkeiten in dem Buch gegessen werden und wie oft mit altem Blut gespielt wird. Dann wieder mag ich die fragile Person Helen gern. Ihre Figur bietet viel mehr als die Schorf essende, arme Wurst, als die sie wahrgenommen wird. Ein verstörendes Buch. So etwas mag ich.

Charlotte Roches Figur Helen und Ihre Protagonistin Karo sind beide Scheidungskinder.

Ich kenne kaum Menschen aus glücklichem Elternhaus. Liegt vielleicht daran, dass ich ein Stadtkind bin. Hier geht man vielleicht ein wenig freier mit dem „Bis dass der Tod euch scheidet“ um. Die wenigen, deren Eltern noch zusammen sind, kommen fast ausschließlich aus Kleinstädten.

Ihre Eltern haben sich auch getrennt. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?


Ich war noch ziemlich jung, ich weiß nicht mehr so genau. Die haben das aber ganz gut geregelt. Es ist ja wichtig, dass niemand schlecht über den anderen spricht, und das haben sie nicht.

Was können Eltern noch tun, damit eine Scheidung glimpflich für die Kinder abläuft?

Zuerst mal: Mir ist kein Fall bekannt, bei dem alle super wegkommen. Man kann das Leiden minimieren, aber es wird trotzdem gelitten. So ein Kind wird immer denken, dass es was mit ihm selbst zu tun hat. Ich weiß nicht mehr, ob ich damals die Scheidung meiner Eltern auf mich bezogen habe – aber das ist auch nichts, was man selbst aktiv macht. Ich bin mir auch gar nicht sicher, wie dringend ein Kind wirklich beide Eltern braucht. Ich kenne viele Jungs, die nur mit ihren Müttern groß geworden sind, die sind totale Topmenschen. Andererseits kann es auch nicht schaden, wenn einem jemand Angeln beibringt.

Das Wichtigste, das Ihr Vater, die Radiolegende Jürgen Kuttner, Ihnen beigebracht hat?

Hm, so etwas nimmt man ja nicht wie ein Geschenk entgegen. Ich schätze, er hat irgendwelche geheimen Zaubereien gemacht, die aus mir den Menschen haben werden lassen, der ich heute bin. Okay, er hat mir ordentlich in den Arsch getreten, was die Zukunft im Allgemeinen anging. Da war ich schon 18, gerade mit der Schule fertig, und dachte: Zieh ich mal zu Papa. Da kann ich gemütlich rumhängen. Von wegen! Zuerst wollte er, dass ich mich an der Miete beteilige, und dann sollte ich ein Jahr nach London.

Sie empfanden das als 18-Jährige als schlimm – ein Jahr London?


Von außen betrachtet ist das super, aber meine Freunde waren eben alle in Berlin, dieses Jahr London lag wie ein Klotz vor mir. Ich fühlte mich regelrecht abgeschoben. Ich hatte dann ja Glück, traf einen Korrespondenten, malerte sein Haus und bekam ein Praktikum beim „Spiegel“.

Hat Ihr Vater Ihnen ein dickes Fell vererbt?

Ich habe kein besonders dickes Fell. In den letzten Jahren ist mein Fell etwas gewachsen, jetzt ist es mitteldick. In mir brodelt es oft. Zum Beispiel neulich, im Flugzeug. Hinter mir saß eine Frau, die den ganzen Flug über herzerweichend heulte. Ich dachte darüber nach, was ich tun sollte, mir tat sie so leid. Beim Aussteigen zischte sie mir zu: „Im Fernsehen immer ’ne große Klappe, und jetzt ganz ruhig, was?“ Ich war so erschrocken, traurig und wütend, dass ich nichts erwidern konnte.

Das Gespräch führten Nana Heymann und Esther Kogelboom.

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