Interview : „Ich malte Stalin – 20 Meter hoch“

Als Kind war er der dünne Adebar, die Kaderschulung teilte er mit Egon Krenz. Günther Uecker ging in den Westen, weil er sich nicht ans Lügen gewöhnen wollte.

Interview: Axel Hecht Michael Jürgs Foto: Michael Dannenmann
Uecker
Guenther Uecker-Foto: dpa

Günther Uecker, 78, ist einer der wichtigsten Künstler seiner Generation. Der Professor an der Kunstakademie Düsseldorf war Mitglied von "ZER" und gestaltete unter anderem den Andachtsraum im Reichstag. Zu seinen Werken zählen der "Aschezyklus" nach der Katastrophe von Tschernobyl – berühmte Nagelreliefe.



Herr Uecker, Sie wirken so sanft, so freundlich. Aber würde man von Ihrer Kunst auf Sie schließen, dann müssten Sie ein Berserker sein.

Ja, das ist sicher ein Widerspruch. Aber in mir ist ein hohes Gewaltpotenzial. Das ergibt sich schon aus meiner ländlichen Herkunft, wo man grob miteinander umging. Ich kann mich an viele Schläge erinnern. Aber Gewalt kann ja auch in Schönheit übergehen. Gewalt braucht es zum Beispiel, ein Kind hervorzubringen, zu gebären. Gewaltpotenzial ist auch in einem Künstler vorhanden, es wird befriedet oder human zum Ausdruck gebracht.

Wie sah Ihre Kindheit aus?

Ich stamme von der Halbinsel Wustrow. Dort habe ich 19 Jahre meines Lebens verbracht – bis die Russen diese Insel 1949 zu einem Militärstützpunkt gemacht haben und wir alle evakuiert wurden. Auf Wustrow hat schon in den 30er Jahren die deutsche Luftabwehr experimentiert. Zugleich war da die Landwirtschaft meiner Eltern – ein ganz einfaches Leben neben hochtechnologischer Entwicklung. Wenn nachts mit Leuchtspur geschossen wurde und der Himmel sich erhellte, dann faszinierte mich das natürlich. Diese Ereignisse haben mich auch erschüttert. Das Gewaltpotenzial, nach dem Sie anfangs fragten – hier war es erschütternd erlebbar.

Haben diese Explosionen Ihre Fantasie beschäftigt?

Ich bin dem ganz konkret begegnet. Einmal – ich war wohl zehn oder zwölf Jahre alt – habe ich eine Tonne mit Teer und Holzwolle auf ein Floß gestellt. Bei Landwind zündete ich nachts die Holzwolle an und schob das Floß anschließend ins Meer. Dann lag ich am Fenster und habe geguckt, wie die brennende Tonne zum Horizont trieb. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass ich etwas in die Welt gebe, und war ganz betört.

Ihre ersten künstlerischen Gehversuche liegen noch weiter zurück. Sie haben viel gezeichnet und gemalt und sich damit prompt Schwierigkeiten eingehandelt.

Das begann mit der Wiedergabe von gesehenen Formen. Ich zeichnete Buchstaben und Zahlen aus Zeitungen ab. Wenn ich mir Angst machen wollte, habe ich die Zahl Fünf nachgemalt, die hatte mich wirklich gepackt mit ihrem offenen Maul und dem wehenden Schopf. Das musste ich heimlich machen, unter dem Tisch mit der weit herunterhängenden Decke oder im Stall in einer Ecke. Wenn mein Vater mich erwischte, gab es wirklich starke Prügel.

Normalerweise sind Eltern stolz, wenn ihr Kind gut zeichnet oder malt.

Ganz im Gegenteil: Für meinen Vater war das in hohem Grade homosexuell. Auf dem Lande etwas besonders Schlimmes. Er hat sich geängstigt, dass ich verrückt werde, und deswegen hat er auf mich eingedroschen. Dann habe ich heimlich gezeichnet. Wenn ich was erleben wollte, habe ich mich an die Landstraße geschlichen und gehofft, dass ein Auto vorbeikommt.

Sie haben aber nach eigenen Worten anderen auch ganz gern mal ein Bein gestellt oder eine Schlägerei angezettelt. War das Rebellische schon erstes Anzeichen für das, was später kam?

Es war mir nicht bewusst, dass ich etwas anstellte, um damit etwas anderes zu erzeugen. Ich provozierte durch meine Art zu leben und auch, weil ich allein sein wollte. Das hat mir dann Prügel von anderen Schulkindern eingebracht. Adebar haben sie mich genannt, weil ich dürr war wie ein Storch. Und sie haben mir hinterhergerufen: „Ueckerlein hat Scheiß am Bein. Abgeleckt, hat gut geschmeckt.“ Oder haben mich an einen Baum gebunden und mit Brennnesseln gepeitscht.

Sind Sie deswegen mehrmals von zu Hause weggelaufen?

Ich hatte ein ständiges Sehnen in mir. Immer hab ich über das Wasser der Ostsee geschaut. Manchmal vernebelte es sich, dann war es wieder ganz klar. Über den Horizont spiegelte sich das ferne nordische Land ein. Ich glaubte, da ist etwas Wunderbares, aber auch Unheimliches. Und dann kamen diese bemalten Menschen zu uns, die Sommerfrischler aus Berlin und Sachsen. Die hatten Lippenstift, bemalte Fingernägel und weiße Kleider zum Tennisspielen. Diese Bemalungen waren für mich faszinierend, und ich spürte, ich muss dahin gehen, woher diese Menschen kommen.

Man spürt die Wehmut in Ihrer Stimme. Ist Wustrow auch heute noch Heimat für Sie?

Ja, zutiefst innerlich weine ich. Ich durfte nach der friedlichen Revolution zwar ein Holzhaus auf die Insel stellen, aber das Ordnungsamt hat eine Klage eingereicht, nach der ich das Haus wieder abreißen soll. Dabei habe ich alle Auflagen erfüllt. Weil die Naturschutzbehörde forderte, ich dürfe den Boden nicht berühren, habe ich Pfähle in die lehmige Steilküste getrieben und das Holzhaus draufgesetzt. Ich bin ganz allein auf der Insel und schaue aufs Meer. Mit dem Schilfgras drum herum, der Steilküste und dem Strand, der zum blauen und manchmal auch grauen Wasser führt, ist es da wie auf Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Mönch am Meer“. Und jetzt werde ich zum zweiten Mal in meinem Leben von dieser Insel gejagt.

Wustrow hat Ihre Kindheit und Jugend geprägt. Hat der Zweite Weltkrieg Spuren hinterlassen?

Eigentlich erst nach dem Zusammenbruch. Ich hatte mit Freunden eine Bande gebildet. Gemeinsam suchten wir in zerschossenen Häusern nach Essbarem, sind manchmal auch eingebrochen. Einmal haben uns sowjetische Soldaten geschnappt und uns zu einer furchtbaren Arbeit gezwungen. Vor unserer Küste war die Cap Arcona mit KZ-Häftlingen und begleitenden Marinesoldaten nach dem Bombardement durch englische Flugzeuge untergegangen. Die Leichen lagen am Strand und wurden von den Russen nicht unter die Erde gebracht. Bei Westwind war der Gestank nicht auszuhalten. Die Russen haben uns Jugendliche mit vorgehaltener Waffe an den Strand getrieben. Da sah ich im Sommer 1945 zum ersten Mal Tote und Verwesende. Damals habe ich 75 Menschen begraben.

Konnten Sie mit Ihrer Mutter oder Ihren Lehrern darüber sprechen?

Dieses Erlebnis hat sich tief eingegraben. Mit meiner Mutter konnte ich darüber nicht sprechen. Und Lehrer gab es nicht. Ich hatte zwei Jahre keine Schule. Alle Lehrer waren entlassen worden, weil sie Nazis gewesen waren. Erst 1947 gab es wieder Unterricht – den machten zurückgekehrte Emigranten, sehr aufrechte Menschen, die uns auch über den Faschismus und die Zeit davor informierten. Wir hatten schon das Gefühl, wir sind das andere, das bessere Deutschland.

Haben die auch Ihr künstlerisches Talent erkannt?

Wir Bauern- und Arbeiterkinder wurden schon gefördert. Ich machte in Grevesmühlen meinen Facharbeiterbrief als Werbegestalter, und dann durfte ich studieren. Die Ausbildung bestand aber auch aus einer Kaderschulung. Bis zu meinem 23. Lebensjahr hatte ich diese Schulung – wie der Egon Krenz. Wir sind gleichaltrig. Sonst allerdings verbindet uns nichts.

Kunst hatte hauptsächlich der Politik zu dienen.

Sie haben mich in den Bereich Agitation und Propaganda gesteckt. Und weil ich sehr begabt war und praktisch zu arbeiten wusste, durfte ich bald die Stalinporträts malen. Da war ich wirklich privilegiert. Stalinporträts bis zu 20 Meter Höhe, im Rastersystem, wo immer nur ein Quadrat gemalt wird. Ich stieß dann auf Picasso und habe dessen Friedenstaube ins Monumentale übertragen – für die Weltjugendfestspiele 1951. Und die Parteitagsbeschlüsse haben wir auch visualisiert. Unsere Transparente und Bänder wurden an Landstraßen aufgestellt und an Häuser montiert, so dass der ganze Schrecken des Krieges kaum noch wahrnehmbar war.

Privilegiert, und dennoch haben Sie den Arbeiter- und-Bauern-Staat verlassen. Warum?

Obwohl wir so etwas wie Gehirnwäsche bekommen hatten, begriffen wir doch, wie häufig Theorie und Praxis auseinanderklafften. Darüber diskutierten wir nachts in den Schlafsälen. Ich merkte, wie ich immer lügenfähiger wurde. Das hat mir Angst gemacht. Schließlich bin ich 1953 durch das Brandenburger Tor in den Westen gegangen.

Hatten Sie schon ein Ziel?

Ich wollte nach Düsseldorf und dort an der Kunstakademie bei Otto Pankok studieren. Aber erst einmal meldete ich mich in West-Berlin als Flüchtling. Doch die Alliierten haben gedacht, ich wäre von den DDR-Organen als Agent eingeschleust worden. Drei Monate wurde ich verhört. Tagsüber fragten mich die Amerikaner, Engländer und Franzosen aus, und nachts schlief ich in einer Ruine. Dort, wo heute die Neue Nationalgalerie steht. Dann haben sie mich in einer Militärmaschine, einer DC 3, nach Westdeutschland ausgeflogen.

Wie hat der expressive Maler Pankok Sie aufgenommen?

Er hat gesagt: „Junge, hier bist du nicht richtig. Du musst wieder zurückgehen. Hier wirst du nur verdorben.“ Da bin ich zusammengebrochen und heulte. Pankok war erschüttert, dass er mich weinen sah. Er ist ins Sekretariat gelaufen und hat mich eingeschrieben „So, jetzt bist du Student, kannst dir nachts eine Matratze in die Klasse legen.“

Was hat der Agitpropkünstler Uecker denn bei Pankok gelernt?

Erst mal hat er mich von Picasso abgebracht. Dann musste ich Zeichnungen und Holzschnitte machen. Zu der Zeit war ich fasziniert von den Werken neuer Musik, von Pierre Boulez und John Cage. Die kannte ich aus dem WDR-Nachtstudio. Und plötzlich wusste ich: Malerei muss sein wie Klänge hören. Ich wollte meine Gefühle formulieren, dann habe ich mit den Fingern meine inneren Klänge notiert. Das war wie auf dem Acker, da mussten wir die Kartoffeln auch mit den Fingern aufklauben.

Sie sind dann aber doch nicht ganz ohne Hilfsmittel ausgekommen.

Ich habe mir Gerätschaften gemacht, weil ich fühlte: Du musst etwas eingraben. Das waren Bretter mit Nägeln, also eiserne Pinsel, und damit habe ich Furchen auf Leinwand und Papier gezogen. Später habe ich mir eine Grundstruktur aus Bürsten mit Nägeln geschaffen und die Zwischenräume mit Farbe ausgefüllt. Parallel dazu habe ich mich mit der Kunst des Bogenschießens beschäftigt. Ich hatte im Stadtteil Oberkassel eine alte Scheune als Atelier. Die habe ich innen weiß gestrichen, auch die Fenster. Ich bin nicht mehr rausgegangen. Und dann habe ich mit einem Bogen Pfeile auf die weiße Leinwand geschossen und gehofft, durch die Wiederholung würde sich mir eine Chiffre offenbaren, die mir zutiefst eigen ist und mich unterscheidet von den anderen Menschen der Schöpfung.

Bis heute geben Sie dem Prozess und dem Material eine große Bedeutung.

In meinen Werken ist das Material direkter bildnerischer Ausdruck. Wenn ich arbeite, handele ich bewusstlos. Ich reflektiere nicht, was ich tue, sondern ich steigere mich über Tage in einen Zustand hinein, der es mir ermöglicht, das, was mich treibt, mit Nägeln auf ein Feld zu übertragen. Erst ist es ein Zwiegespräch, dann eine Strukturierung, dann wird es ein expressives Palaver. Zum Schluss sage ich: „Jetzt aber nicht mehr anfassen.“

Das klingt fast poetisch. Doch Ihr Eintritt in die Welt der Kunst wurde als ziemlich gewalttätig empfunden – 1964, als Sie mit Nägeln den ersten Überfall auf die Gesellschaft begingen.

Der Architekt Werner Ruhnau hatte gerade das Theater in Gelsenkirchen gebaut und dabei die Besitzer vom Pianohaus Kohl kennengelernt. Die interessierten sich für bildende Kunst und boten mir an, in ihrem Geschäft eine Ausstellung zu machen. Ich sah mir die Räume an – und da standen diese herrlichen, blank polierten Flügel. Die waren wahnsinnig teuer. Also bat ich Ruhnau, ein Klavier zu kaufen. Ich schenk es dir hinterher auch, habe ich gesagt.

Wusste Ruhnau, was Sie vor hatten?

Nein. Das habe ich geheim gehalten. Während der Eröffnungsrede komme ich eine Treppe herunter, die Taschen voller Werkzeug. Ich schlage den ersten Nagel in das Klavier. Die Leute erstarren. Ich habe manisch weitergenagelt und dachte, nur keine Pause machen. Anschließend habe ich weiße Farbe über das Objekt gebracht. Und dann kam auch schon die Polizei – aber die hat nicht eingegriffen.

Wie haben die Leute reagiert?

Das Publikum ging zum Schluss stumm auseinander. Ich hatte ein Tabu verletzt, und andererseits wurde auf neue Art ein bildnerischer Akt wahrnehmbar. Das war eine bis dahin unbekannte kultische Handlung.

Damals begann der Feldzug des Nagels in Ihrem Werk.

Plötzlich begriff ich: Ich baue Palisaden zur Erstürmung der Malerei – so wie Leonardo seine Kriegsmaschinen gebaut hat. Plötzlich war ich bei den Objekten, habe Tische und Stühle benagelt und hatte begriffen: Der Nagel, der ist es.

Auf der Suche nach Chiffren und Symbolen stoßen Sie mit Ihrer Kunst in Bereiche der Philosophie vor. Von Ihnen stammt der Begriff der schleifenden Zeit.

Die schleifende Zeit. Das Schleifen der Zeit. Ich habe Sandmühlen gemacht, bei denen schleifen Schnüre oder Steine an Seilen durch den Sand, graben tiefe Rillen, die dann wieder planiert werden. Das ist für mich einmal kontemplative Wahrnehmung, ich begreife es aber auch als Geißel: Man sieht, wie die Zeit vergeht, und bleibt doch am selben Ort, bevor man sich transformiert.

Sie überfluten die Welt mit Nagelplantagen, Sie machen gewaltige Aschebilder, Sie benageln und bandagieren große Holzstämme, Sie entwerfen und bauen imposante Bühnenbilder für Operninszenierungen …

Das ist meine Bedrängtheit. Ich stelle mich der Welt. Ich will mich mit allen Sinnesorganen entsetzen. Dadurch mehre ich in mir Mitgefühl und erschließe mir die Quellen für menschliche Mitteilung. Meine ganze Ausstellungspraxis zielt ja darauf. Nur so komme ich mit den Menschen in einen Dialog.

Sie haben angeblich 200 Tonnen Nägel verarbeitet. Hauen Sie sich bei der Arbeit auf die Finger?

Es kommt vor, dass ich mich bei der Arbeit verletze. Aber ich schlage mich nicht. Ich bin kein Märtyrer. Und was die Menge der Nägel angeht: Sie zählen doch auch nicht die Zuckerkörner, die Sie sich in den Kaffee tun.

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