Interview : "Ich wundere mich, dass ich noch nicht tot bin"

Wer seinen Namen hört, sagt: Das ist doch der mit dem Taubenvergiften im Park! Kabarettist, Schriftsteller und Komponist Georg Kreisler kann es nicht mehr hören. Und erzählt lieber Hitler-Witze.

Interview: Verena Mayer Norbert Thomma
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Georg Kreisler: "'Tauben vergiften im Park', das war provokant, damals in den 50ern." -Foto: imago

Hier in Ihrem Wohnzimmer steht ein Flügel, Herr Kreisler. Öffentlich spielen Sie nicht mehr ...



... und zu Hause selten. Ich ärgere mich, weil ich Beethoven und Chopin nicht mehr spielen kann, wie es sich gehört. Ich bin aus der Übung. Es ist kein Vergnügen, wenn ich mich höre.

Eine Zeitung schrieb mal, Sie seien „der genialste und der radikalste Kabarettist des deutschen Sprachraums“.

Ich bin ein Schriftsteller, der nie zufrieden ist mit dem, was er tut. Wenn man mich also genial nennt, ist das ein Kompliment, für das ich danke. Wenn man mich den genialsten nennt, muss ich das freundlich ablehnen.

Wir haben noch viele Attribute gefunden: provokant.

Ich versuche nicht zu provozieren, auch wenn vieles provoziert hat, was ich getan und gesagt habe. Oder dieses Lied, das immer mit mir assoziiert wird, „Tauben vergiften im Park“. Das war provokant, damals in den 50ern. Heute denkt kein Mensch dabei an Provokation.

Charmant.

Das sollten besser Sie hernach beurteilen.

Bitterböse.

Man ist böse, um das Gute zu bewirken. Shakespeare war ja auch nicht böse, nur weil er bei Romeo und Julia jemanden sterben lässt.

Morbide.

Was soll an mir morbide sein? Wenn, dann habe ich Galgenhumor. Wie in diesem alten Wiener Lied, dem „Krüppellied“: „Wenn ich mal trüber Laune bin, dann geh’ ich zu den Blinden und lache mir den Buckel krumm, wenn sie die Tür nicht finden. “

Gefallen Ihnen die Spaßmacher von heute?

Bei Komikshows im Fernsehen lache ich nie. Harald Schmidt finde ich besonders unlustig, seine Pointen sind weit hergeholt. Gerhard Polt hat einen originellen Humor, er hat eine Beziehung zu Menschen.

Und was finden Sie noch lustig?


Den jüdisch-wienerischen Humor, in dem sich immer das Bewusstsein des Verfolgtseins spiegelt. Dieses Hadern mit Gott und dem Schicksal: „Gott, wenn du mir heute 10 000 Dollar gibst, verspreche ich, dass ich 1000 Dollar für die Armen spende. Ach, gib mir doch gleich 9000 Dollar.“ Die Fähigkeit, sich über sich selbst lustig zu machen, das gefällt mir. Man kann sein Judesein ja nicht verleugnen, und ich habe das auch nie versucht.

1938 mussten Sie, weil Sie Jude sind, aus Wien emigrieren. Sie flohen zu einem Cousin nach Hollywood, „von der Hölle ins Paradies“, wie Sie es nannten.

Ich habe sieben Monate Hitler erlebt, das waren sieben Monate Angst. Angepöbelt, geschlagen, verhaftet zu werden, es waren ja überall Deutsche, und die Wiener hatten alle ein Hakenkreuz im Knopfloch. Und dann Hollywood, wo Orangen, Zitronen und Avocados auf der Straße wuchsen und Mädchen in der Schule geschminkt waren – das war ein Paradies. Ich habe auch eine Zeit lang in der Filmstadt gearbeitet. Für Charlie Chaplins Film „Monsieur Verdoux“ habe ich zum Beispiel Kleinigkeiten auf dem Klavier gespielt. Was man im Film sieht, sind seine Hände und mein Ton.

In Hollywood haben Sie auch Marlene Dietrich kennen gelernt ...

... doch ihre berühmten Beine habe ich komischerweise erst später gesehen, als ich Soldat der amerikanischen Armee war. Die Dietrich war in Versailles als Truppenbetreuerin, und der Leutnant, mit dem ich damals gut war, hat mich nach der Vorstellung zu ihr in die Garderobe mitgenommen. Sie hat sich umgezogen, nicht ganz, aber halb. Die Beine waren beeindruckend.

Als US-Soldat kamen Sie 1945 nach Deutschland, wo Sie Verhöre von Nazis gedolmetscht haben, etwa von „Stürmer“-Chef Streicher, Göring oder Kaltenbrunner, dem Vorgesetzten von Eichmann.


Kaltenbrunner hat wie ein Verbrecher ausgeschaut und er war ja auch einer. Streicher hingegen war verrückt. Der konnte nicht einmal auf Anhieb seinen Namen sagen. Ich fragte: „Wo haben Sie gewohnt?“ Lange Pause. Dann: „Nürnberg“. Beim Beruf hat er wieder lange nachgedacht, und dann hat er gesagt: „Volksschullehrer.“ Göring hingegen war immer leutselig. Immer gesprochen hat er, laut gesprochen: „Ja, das hier ist jetzt vorübergehend, und dann gehen wir gemeinsam mit euch Amerikanern gegen die Russen vor.“

War es eine Genugtuung für Sie, diese Männer so vor sich zu haben?

Ja, aber ich habe mein Gefühl nicht ausgelebt. Es waren hilflose, alte Männer, denen die Hosen rutschten, weil sie keine Gürtel hatten. Und feige waren die, aussagewillig, auch wenn sie bestimmt gelogen haben. Göring wollte von der Judenverfolgung nichts gewusst haben. So ein Unsinn.

Während der Militärzeit soll Ihnen auch der Fürther Henry Kissinger über den Weg gelaufen sein.

Auch Stefan Heym war da, Hemingway habe ich gesehen. Kissinger war einfacher Soldat in einem Ausbildungslager für Aufklärung. Er hat eine Spezialausbildung über die Zusammensetzung des deutschen Heeres gemacht. Da lernte man, wie viele Kanonen die Deutschen haben, wie viele Soldaten. Kissinger war eine Nebenfigur.

Haben Sie sich gefreut, als er 1973 den Friedensnobelpreis bekam?

Was ist friedlich an Kissinger? Er hat Bombardierungen in Vietnam angeordnet, Krieg angezettelt. Er war kein empfehlenswerter Charakter.

Sie haben in Hollywood gelebt, in New York, Wien, Basel oder Berlin, um nur einige Stationen Ihres Lebens zu nennen. Fühlen Sie sich heimatlos?

Ich empfinde kein Land als Heimat. Patriotismus kommt bei mir sowieso nicht in Frage, den finde ich dumm. Auch Berlin, wo ich in den 70er Jahren war, kam mir so patriotisch vor, lokalpatriotisch. Das hatte wahrscheinlich mit Westberlin zu tun. Samuel Johnson hat einmal richtig gesagt: Die letzte Zuflucht des Schurken ist der Patriotismus.

Dabei müssten Sie Berlin eigentlich lieben. Sie haben dort Ihre heutige Ehefrau, die Schauspielerin Barbara Peters, kennengelernt.

Ich bin zehn Jahre lang zwischen „Wühlmäusen“ und „Stachelschweinen“ hin und hergependelt, aber sonst hat sich in Berlin nicht viel ergeben, kein Theater, kein Sender. Berlin hat mich missachtet.

Wenn man im Archiv wühlt: Die Berliner Kritiker schrieben euphorisch über Ihre Auftritte.

Ich war einfach schon lange genug da, da haben sie sich eben an mich gewöhnt.

Stimmt es wirklich, dass Sie seit 1977 noch nie länger als einen Tag von Ihrer Frau getrennt waren?


Wissen Sie, in unseren Berufen ist das so: Der eine ist drei Wochen hier, der andere dort, da gehen viele Beziehungen schnell auseinander. Und so haben wir gesagt: Dann trennen wir uns halt nicht. Einmal hatte ich in Wien eine Nierenkolik, ich kam ins Spital. Meine Frau hatte zur selben Zeit Probleme mit der Schilddrüse und war ebenfalls schwer krank. Ich habe den Arzt überredet, dass wir gemeinsam in ein Zimmer kommen. Da lagen wir dann nebeneinander auf der urologischen Station und konnten uns beide nicht bewegen.

Sie beide leben jetzt in Salzburg. Eine Stadt, die Thomas Bernhard „Todeskrankheit“ nannte, voll des „katholisch-nationalsozialistischen Ungeists“.


Nazis hängen überall rum. Da, wo ich wohne, merkt man nichts davon.

Der Antisemitismus hat Sie ausgerechnet in Amerika wieder eingeholt.

Es gab im Amerika der 40er und 50er Jahre diese Aufschrift in Lokalen oder Hotels: „Nur für Arier“. Es war bekannt, dass etwa der berühmte New Yorker Athletic Club keine Juden genommen hat. Das war erlaubt.

Sie sagten mal: „New York war mein Konzentrationslager.“ Was war so schlimm dort?

Das war nur symbolisch gemeint. Weil ich mich eingesperrt gefühlt habe. Eingeengt durch das amerikanische Showbusiness, in das ich nicht wirklich hineinkam. Ich habe jeden Abend ab halb elf Uhr nachts in der Monkeybar meine Lieder gespielt, sonst gab es für mich nicht viel zu tun. Ich bin kein guter Verkäufer meiner selbst.

Lag das Bedrückende auch an den politischen Umständen? Sie haben die McCarthy-Ära erlebt.

Ja, man hatte schon Angst. Ich habe viele Kommunisten gekannt, obwohl ich nicht Parteimitglied war. Die soziale Einstellung gefiel mir. Die Kapitalismuskritik. Ich habe sogar das „Kapital“ von Marx durchgearbeitet. Andere Dinge waren für mich wirklich abschreckend. Dass die amerikanischen Kommunisten sich ihre Weisungen aus Moskau geben ließen, statt eine eigene Meinung zu haben. Oder die Geringschätzung der Frauen. Frauen haben bei den Kommunisten zwar mitdiskutiert, aber man hat sie nicht für voll genommen. Sie waren die Juden, die man im Bett brauchte.

Sie schrieben einmal: „Man ist verfolgt, aber man gewöhnt sich daran.“


Der Antisemitismus ist so alltäglich. Als mein Vater sein Wiener Gerichtsjahr fertig hatte und sich vom Vorgesetzten verabschiedete, um Anwalt zu werden, fragte der: „Warum bleiben Sie nicht hier? Sie können Richter werden.“ Mein Vater: „Ich bin Jude.“ Der Vorgesetzte: „Ach so, na dann.“ Der hat genau gewusst, dass Juden nicht befördert werden.

Sie lebten eine Zeit lang sogar in Israel. Wollten Sie dadurch dem Antisemitismus entkommen?


1972 war das, ich dachte, vielleicht ist es dort besser. Ich bin sogar in eine Einwandererschule gegangen, um Hebräisch zu lernen. Doch es war nicht meine Welt. Das Hebräische ist eine schwierige Sprache, und die Israelis sind mir nicht unbedingt sympathisch, das hat mit der dortigen Ellenbogengesellschaft zu tun.

Haben Sie eigentlich je Ihre österreichische Staatsbürgerschaft zurückbekommen?

Das Gesetz ist so, dass ich darum ansuchen müsste. Im Gegensatz zu den Österreichern, die 1938 dableiben konnten. Und dann wäre noch nicht einmal sicher, ob sie mir die Staatsbürgerschaft bewilligen würden. Das finde ich nicht richtig.

Macht Sie das nicht wütend?

Früher ja. Diese Phase habe ich überwunden.

Bei Ihnen reimt sich Mali auf Zyankali, oder Sie schreiben in einem Lied: „Habt ihr Ehefrauen, erschlaget sie, habt ihr Kinderlein, verjagt sie.“ Verliert der Tod seinen Schrecken, wenn man so mit ihm umgehen kann?


Als Schriftsteller ist man todesbewusst. Aber man bleibt immer Schriftsteller. Wenn der Tod ab einem gewissen Alter vor der Tür steht, steht man dem dann eher gleichgültig gegenüber. Dieses Gefühl kam bei mir ungefähr mit 80 Jahren. Ich wundere mich, dass ich mit 87 noch nicht tot bin. Wenn der Tod kommt, erschreckt er mich nicht.

Sind Sie religiös?

War ich nie. Religion ist eine von Menschen erfundene Sache, das hat mit Glauben an Gott nichts zu tun. Ich glaube nicht, dass sich ein Gott um Religionen kümmert, ob man jetzt kniet oder den Hut abnimmt. Riten sind für mich nichtssagend.

An Gott glauben Sie schon?


Unbedingt. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass das alles da ist, ohne dass es jemand gemacht hat. Versuchen Sie mal, einem Hund den Unterschied zwischen Deutschland und England zu erklären. Das wird über seinen Horizont gehen. Der Mensch aber glaubt, dass nichts über seinen Horizont geht ... Verzeihung, ich muss niesen.

Gesundheit!


Danke. Kennen Sie den: Ein Aufmarsch, Hitler ist da. Alle stehen stramm. Plötzlich niest einer. Hitler geht zum Ersten und fragt: „Haben sie geniest?!!“ Der, voller Angst: „N-n-nein.“ Hitler nimmt die Pistole und erschießt ihn. So stirbt auch der zweite. Dann fragt Hitler den nächsten: „Haben Sie geniest?!!“ Der, ganz zittrig: „Ja-a.“ Darauf Hitler: „Gesundheit!“

Hitler soll für einen jüdischen Verwandten von Ihnen gearbeitet haben. Ist das wirklich wahr?

Es stimmt. Das war ein Onkel von mir, Julius Hochberg, der hatte am Wiener Praterstern eine Drogerie. Er vertrieb sein eigenes Schweißfußpuder namens „Teddy“, die Reklame dafür waren immer kleine Comics. Geschichten so in der Art: Mann liebt Frau, aber sie ihn nicht, dann pudert er sich die Füße – und alles wird gut. Am Ende des Comics hieß es immer: „Wer Teddy benützt, der niemals schwitzt.“ Diese Plakate hingen überall in den Straßenbahnen. Und einmal hat sich ein arbeitsloser österreichischer Grafiker beworben, ein gewisser Adolf Hitler. Mein Onkel hat ihn einige Plakate für das Schweißfußpuder zeichnen lassen.

Wo sind die jetzt?

Verschwunden. Als Hitler an die Macht kam, hat dieser Onkel die Schweißfußpuder-Reklame überall rumgezeigt: Schaut, das hat der Hitler gemalt! Der, der jetzt Reichskanzler geworden ist. Einen Tag nach Hitlers Einmarsch in Wien stand die Gestapo vor der Tür der Hochbergs und hat die Wohnung durchsucht nach diesen Plakaten. Sie haben nichts gefunden. Vielleicht hat der Onkel sie weggeschafft oder auch zerrissen, das weiß ich nicht.

Sie waren viel auf Tournee, vom Beifall umtost. Haben Sie Ihren Ruhm genossen?

Das war schon schön, aber nicht positiv.

Bitte?

Ich bin kein Mensch, der gerne auf die Bühne geht. Wenn Sie einen Schuster auf die Bühne stellen, würde ihn das auch nicht freuen, denn er sieht sich als Schuster. Und ich empfinde mich nicht als Schauspieler. Ich fühle mich als Schriftsteller. Kabarettist bin ich in der Emigration geworden, in einer Kellerbar in New York, wo ich jeden Abend meine Lieder vorgetragen habe. Ich wäre sonst verhungert. Es gab immer Schriftsteller in der Emigration, die von anderer Arbeit leben mussten. Kabarettist zu werden war für mich so, als ob ich Kellner geworden wäre.

Gibt es etwas, das Sie bereuen?

Das Lied vom Taubenvergiften im Park. Das klebt bis heute an mir, dabei ist es so ein banales Lied.

Trotz Ihres Alters arbeiten Sie munter weiter, doch mit Computern sind Sie nicht Freund geworden. Wo bekommen Sie denn heute noch mechanische Schreibmaschinen her?


Auf Flohmärkten. Es ist auch recht schwierig, Farbbänder zu finden. Unten im Keller stehen noch fünf Schreibmaschinen, ich hoffe, die reichen bis zu meinem Tod.

- Georg Kreisler, 87, ist Kabarettist, Komponist und Schriftsteller; er wurde in Wien geboren, hat einen US-amerikanischen Pass und lebt in Salzburg. Am 31.10. liest er in der Akademie der Künste aus seiner Autobiografie "Letzte Lieder", am 14.11. wird eine Oper von ihm in Rostock uraufgeführt.

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