Interview : "Klassische Musik ist nun einmal elitär"

Christa Ludwig, 80, feiert heute ihren Geburtstag. Die weltbekannte Mezzosopranistin wurde jüngst in Cannes auf der Musikmesse Midem für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Sie trat zusammen mit den Dirigenten Karl Böhm, Leonard Bernstein und Herbert von Karajan auf – und sang mit Maria Callas.

Interview: Christine Lemke-Matwey

Klosterneuburg vor den Toren Wiens, eine gutbürgerliche Gegend. Die Kammersängerin lebt ganz oben am Berg in einem Architektenhaus. Ihr Händedruck ist kernig.

Frau Ludwig, Sie sind vor ein paar Jahren aus Südfrankreich nach Wien zurückgezogen …

… das Meer war mir einfach zu langweilig.

Langweilig?

Na, leben Sie da mal, dann werden Sie schon sehen. Außerdem muss man kein Haus am Meer haben, sondern Freunde mit einem Haus am Meer. Das reicht.

Was kriegen Sie heute mit vom aktuellen Musik- oder Operngeschehen?

Hin und wieder gehe ich hier in Wien in eine Premiere, das mache ich schon. Ich ziehe mich eben gerne nett an. Wobei ich mir aus Oper nie viel gemacht habe, also an und für sich ist mir das alles ziemlich wurst.

Paul-Emile Deiber, der Ehemann, kommt aus dem ersten Stock herunter, sagt „Bonjour“ und verzieht sich in den Nebenraum Richtung Fernseher: Halbfinale Australian Open, Rafael Nadal gegen Jo-Wilfried Tsonga.

Dass eine Anna Netrebko heute für Chopard oder österreichisches Quellwasser wirbt, ist Ihnen das auch wurst?

Sie möchten, dass ich Ihnen die Kassandra der Klassik mache?

Nur zu!

Schauen Sie, ich bin eine andere Generation. Natürlich halte ich dieses ganze Marketinggetue für übertrieben und geschmacklos. Im Vergleich dazu haben wir damals ja noch richtig Kunst gemacht! Vielleicht ist das alles in Ordnung so, wir leben im 21. Jahrhundert – ich weiß es nicht. Für mich waren schon die „Drei Tenöre“ eine Schande! Ich finde es scheußlich, wenn drei erwachsene Männer zusammen eine Arie brüllen, und sobald der eine das hohe C nicht kriegt, macht der andere weiter. Mit Oper hat das nichts zu tun. Das ist reines Entertainment und eine absolute Nivellierung des Kunstanspruchs.

Aber sind mit Pavarotti, Domingo und Carreras in den 90ern die Schwellen in Sachen Oper nicht auch gesunken, im positiven Sinne?

Daran glaube ich keine Sekunde. Für ein Publikum, das nichts versteht, muss ich mich als Künstlerin, als Sängerin doch nicht derart anstrengen. Wissen Sie, was dieser Beruf bedeutet? Ich darf mich nicht erkälten, ich muss meine Stimme schonen, ich muss überhaupt immer hervorragend bei Stimme sein, darf mir keinen Kiekser erlauben, ich darf keinen Schleim haben, kurz: Es wird das absolute Topniveau von mir erwartet. Und diese ganze Lebensanstrengung werfe ich ein paar Dummköpfen vor die Füße, die ein Wolf-Lied nicht von einer Mozart-Arie unterscheiden können und nur auf den nächsten hohen Ton warten? Nein danke.

Höchste Professionalität erwartet man auch von Anna Netrebko. Ob als Mimi auf der Kino-Leinwand oder in China beim Open Air: Schnitzer gibt es keine. Ist das Sängergeschäft härter geworden als früher?

Mit Betonung auf „Geschäft“: ja. Zwischen 30 und 40 tut man sich als Sängerin vergleichsweise leicht, solange die Basis stimmt. Der Hormonspiegel ist wunderbar, ich habe Talent, ich bin gut ausgebildet, ich kann spielen und ansehnlich bin ich vielleicht auch noch. Nur muss ich mir heute natürlich genauer als früher überlegen, wie und in welchem Ausmaß ich mich vermarkten lasse. Und diese Grenzen muss ich selber setzen, das nimmt mir niemand ab. Der Karajan hat auch Werbung gemacht. Aber das ging nie ins Persönliche, der hat nicht öffentlich Salzburger Nockerln gebacken. Natürlich, Frau Netrebko verdient damit viel Geld …

Hätten Sie’s gemacht, wenn es solche Angebote gegeben hätte?

Nein. Und der Kollege Fischer-Dieskau auch nicht. Wie gesagt, wir dachten ja, wir sind Künstler. In Schillers „Maria Stuart“ sagt die Elisabeth, die Stuart sei die „gemeine Schönheit für alle“. Das trifft es. Es ist unredlich, sich billig zu verkaufen. Und klassische Musik ist nun einmal elitär, machen wir uns doch nichts vor. Warum wollen wir dann um jeden Preis mit dem Populären konkurrieren, mit Mitteln, die nicht die unseren sind?

Wird heute schlechter gesungen, dirigiert, Geige gespielt als früher?

Das würde ich so nicht sagen, es gibt immer wieder wunderbare Interpreten. Aber was ich mit Sicherheit sagen kann: Man geht in ein Konzert, es wird nicht gut gesungen, es wird möglicherweise grauenvoll gespielt, der Dirigent versteht sein Handwerk nicht – und die Leute schreien „Bravo!“ und trampeln wie beim Bernstein oder beim Karajan. Sie haben kein kritisches Urteil mehr. Man kann ihnen alles vorsetzen, solange es nur massiv genug beworben wird.

Haben Sie eine Wut auf den heutigen Musikbetrieb?

Nein, aber es ist schon sehr viel Wissen verloren gegangen. Jede Zeit hat die Musik, die sie verdient. Heute ist in Stuttgart oder Frankfurt das künstlerische Niveau nicht anders als in Bayreuth oder an der Wiener Staatsoper. Die Exklusivität ist weg, dieses Walhall-Gefühl, nur an diesem oder jenem Ort das Schönste auf der Welt erleben zu können. In meinen Augen ist das eine Verarmung.

Wird die Oper überleben?

Absolut! Und wissen Sie, warum? Sie garantiert ein erotisches Erlebnis. Diese Art von Emotionen gibt es nirgendwo sonst. Der Tod der Mimi, Brünnhilde auf dem Feuerbett – das mag kitschig und pathetisch sein, aber es zielt auf den Unterleib. Genau wie die schönen Stimmen, das ist doch wirklich Erotik pur, Fritz Wunderlich mit „Granada“, Placido Domingo mit „Celeste Aida“ … Jetzt hole ich Ihnen aber Ihren Kaffee.

Die Kammersängerin verständigt sich mit ihrem Mann darüber, dass der Spanier Nadal seiner Favoritenrolle gerecht zu werden scheint. Sie kommt mit einem doppelten Espresso zurück.

Waren Sie eine typische Karajan-Sängerin?

Nein, ein Sänger hat in diesem Sinne keinen Charakter zu haben. Aber die Chemie zwischen uns hat gestimmt, ebenso wie sie zwischen Bernstein und mir, zwischen Karl Böhm und mir gestimmt hat. Das waren meine drei Hausgötter – wobei der Bernstein von Stimmen keine Ahnung hatte. Aber alles, was große Dirigenten machen, ist aufs Ganze gesehen trotzdem „richtig“, in sich logisch. Als Sängerin muss ich nur musikalisch genug sein, dann kann ich mich darauf einstellen.

Die Dienerin dreier Herren.

Warum nicht? Ich habe ja profitiert. Der Böhm kam, da war ich 24. Von ihm habe ich gelernt, was Präzision ist. Deshalb hat der Karajan ihm zum 80. Geburtstag auch die beste, teuerste, genaueste Schweizer Standuhr geschenkt, die es gab. Das war zwar etwas fies, aber nicht falsch. Dann kam der Karajan, da war ich immerhin schon 28. Der hat mir gezeigt, dass es erstens um die Schönheit des Klangs und der Phrasierung geht, und zweitens darum, dass man aufeinander hört, der Sänger aufs Orchester, das Orchester auf die Sänger. In der Homogenität lag sein Geheimnis, viel mehr war es nicht. Und zehn Jahre später kam dann der Bernstein, da war ich 39 und habe erfahren, was musikalische Tiefe bedeutet.

Wer von diesen drei Maestri war der größte Charismatiker?

Schwer zu sagen. Karajan und Bernstein sahen beide sehr gut aus. Der Karajan, als er schon etwas älter war, mit seinen Mokassins und Cashmere-Pullovern und diesem geblauten Haar …

Geblautes Haar?

Das hatten damals doch alle Grauhaarigen, Männer wie Frauen, so diesen feinen blauen Stich im Haar, sehr edel. Also Karajan, das war Gottvater. Während der Bernstein T-Shirts trug, auf denen „I like Mahler“ stand, woraufhin die Wiener Philharmoniker darauf bestanden, dass er das zur Probe wieder auszog. Aber echt waren sie beide, das waren keine Show-Affen. Der Böhm hingegen hatte kein Charisma, er hatte einen klugen Kopf und ein einfaches Wesen. Überhaupt glaube ich, dass es die allergrößte Kunst ist, einfach zu sein und einfach zu singen.

Aber eine Callas, einen Caruso rühmt man doch wegen ihrer Verrücktheit und Exzentrik!

I wo! Die Callas war ganz einfach. Das ist alles Quatsch, was man sich erzählt. Die wurde herumgereicht und hat sich viel zu spät gewehrt. Wir haben 1960 in Mailand zusammen Bellinis „Norma“ aufgenommen, ich hatte keinen blassen Schimmer vom Belcanto-Stil, da hat sie zu mir gesagt, ich solle sie nachmachen, dann würde alles gut – entzückend. Und es wurde gut! Nein, als Person war die Callas weder exzentrisch noch kompliziert, aber als Künstlerin hatte sie ein Geheimnis. Darum geht es. Und eine Anna Netrebko hat kein Geheimnis.

Werfen Sie ihr das vor?

Wie sollte ich. Aber man darf gewisse Dinge nicht verwechseln. Gerade im Einfachen, Schlichten, in der Zurücknahme kann man sich üben. In Salzburg, 1958, da kam der Karajan auf mich zu, ich trug ein Dirndlkleid, und er sagte: Na, so wird man nie eine Primadonna! Er hatte recht. Das war ich nicht und würde es nie werden. Ich bin in einem Künstlerhaushalt groß geworden, die Mutter Sängerin, der Vater Sänger und Theaterdirektor – für mich war die Bühne von Anfang an selbstverständlich. Es war selbstverständlich, dass ich gut war. Du hast Talent, du hast eine solide Technik, sagte meine Mutter, solange du dich bemühst, kannst du gar nicht schlecht sein. Insofern fällt mir bei besonders selbstgefälligen Kollegen immer das alte Sprichwort ein: Dummheit und Stolz wachsen auf demselben Holz.

Haben Sie nie rebelliert gegen die Welt Ihrer Eltern? Immerhin war Ihre Mutter, Eugenie Besalla, auch Ihre Gesangslehrerin …

… die mir keine einzige Stunde am Stück gegeben hat! Ich bin damit aufgewachsen, dass mein Vater Priester unterrichtet hat, die mussten damals ja noch ohne Mikrofon sprechen. Offene Vokale, geschlossene Vokale, „Heide“ oder „Haide“ – das geht Ihnen in Fleisch und Blut über. Und immer wenn ich zu Hause gesungen habe, rief meine Mutter aus der Küche, Christa, nein, falsch, mach das besser so … Später, mit Anfang 50, habe ich ihr vorgehalten, ich hätte keine Jugend gehabt.

Stimmte das denn?

Natürlich! Erstens war Krieg und zweitens musste ich auf meine Stimme achten. Ich konnte nicht wie die anderen auf Bälle gehen und es lustig haben. Sicher, mein Leben war viel reicher als das vieler Klassenkameradinnen und Freundinnen. Die haben dann Ärzte geheiratet, Häuser gebaut, Kinder gekriegt und sind in die Ferien gefahren – so what? Trotzdem: Meine Mutter kam mir oft vor wie eine Eislaufmutter. Sie selbst hatte es als Sängerin nicht geschafft, der Krieg, die Ehe, und jetzt war da dieses begabte Kind, aus dem um jeden Preis das Richtige werden musste.

Immerhin hat schon Ihre Mutter unter Karajan gesungen, in Aachen …

Ja, der blieb in der Familie. Meine Eltern haben den Karajan noch in seinem Auto sitzen sehen in der Probenpause und Butterbrote essen. So sparsam lebte er. Und sein einziger Frack soll innen ganz zerschlissen gewesen sein. Ich finde, das vergisst man so leicht, dass viele Menschen gar nicht das Geld hatten, um den Nazis den Rücken zuzukehren. Außerdem war der Karajan blutjung und wollte nicht auswandern, sondern dirigieren.

Unterdrückter Jubel aus dem Nebenzimmer. Der Franzose Tsonga macht seine Sache offenbar gut.

Haben Sie das Gefühl, im Leben etwas verpasst zu haben?

O ja. Ich hatte sehr zarte Stimmbänder, die größeren Belastungen, also schwereren Partien wie der Färberin in der „Frau ohne Schatten“ oder Beethovens Leonore nicht gewachsen waren. Ich wollte diese Rollen aber singen. Hindernisse sind im Grunde das Einzige, was mich wirklich interessiert. Die Konsequenz daraus war, dass irgendetwas in meinem Hals immer geschwollen, entzündet oder überreizt war. Hinzu kam, dass ich in erster Ehe mit einem Sänger verheiratet war, mit dem Bariton Walter Berry, und wir uns in unseren Nervositäten und Anfälligkeiten gegenseitig nur so aufgepeitscht haben. Ein echtes Leben neben dem Beruf kannten wir nicht.

Aber Sie hatten doch einen Sohn zu erziehen.

Mit dem habe ich mich, als er groß genug war, an den kritischen Tagen pfeifend oder Zettel schreibend verständigt. Ich glaube, er hat das gut überstanden. Wir lieben uns jedenfalls heiß und innig. Aber ich war natürlich nie da. Ich war nicht da, als er Abitur gemacht hat, ich war überhaupt nie da, wenn in seinem Leben etwas Wichtiges passierte. Das hatte ich mir anders vorgestellt.

Sie sind fast 50 Jahre lang in der ganzen Welt unterwegs gewesen. Wie fühlt sich das Leben nach einer solchen Karriere an?

Die ersten anderthalb Jahre: toll! Endlich ausschlafen können, den Tag ohne Uhr verbringen, die Freiheit genießen … Ich wollte leben, einfach nur leben. Aber ohne Ziel ist das auf Dauer schwer. Wenn man immer musste und plötzlich gar nix mehr muss – ja, was soll man dann eigentlich?

Haben Sie es herausgefunden?

Ich bin auf der Suche.

Würden Sie noch einmal Sängerin werden?

Nein. Nicht wegen der Opfer, die man zu bringen hat, das merkt man im Moment ja gar nicht so. Aber wegen der Nerven. Ich hatte nicht Angst, ich war die personifizierte Angst.

Paul-Emile Deiber kommt aus dem Fernsehzimmer und macht einen zufriedenen Eindruck. Tsonga hat gewonnen, 6:2, 6:3, 6:2. Die Kammersängerin freut sich.

Aber diese Angst lohnte sich doch auch.

Ja. Den 26. Dezember 1955 zum Beispiel werde ich nie vergessen, da habe ich in Wien meinen ersten „Rosenkavalier“ gesungen. Ich kam aus Deutschland, aus Behelfsopernhäusern wie Darmstadt oder Hannover, da war noch alles kaputt, und ich trete auf im zweiten Akt, mit der silbernen Rose, und um mich herum glänzt und gleißt und glitzert alles weiß und hell und heil, und vor meinen Augen türmen sich die Ränge der Staatsoper himmelhoch – unbeschreiblich. Oder später bei den Salzburger Festspielen, Mozarts „Così fan tutte“, ich glaube, die Schwarzkopf war meine Partnerin. Wir hatten Blumenhütchen auf, die Domglocken läuten, wir schauen hinauf und sehen die Kirchturmspitzen in der Abendsonne, dazu diese Musik und der Böhm am Pult und unsere flatternden Hütchen – da war ich glücklich.

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