Zeitung Heute : Interview: Literarisches Duett

Nennen Sie einen Netzliteratur-Klassiker.

Sabrina Ortmann und Enno E. Peter. Die beiden Berliner Literaturliebhaber betreiben www.berlinerzimmer.de , den Literatur-Salon im Internet. Außerdem sind sie die Initiatoren eines Literaturprojektes unter www.tage-bau.de . Darüberhinaus hat Sabrina Ortmann gerade ein Buch geschrieben: "netz literatur projekt" ( www.berlinerzimmer.de/netzliteraturprojekt.htm ). Das Thema: Geschichte und aktueller Stand der digitalen, schreibenden Kunst. Literatur im Internet gibt es erst seit 1995. Mit ihrem Projekt haben Ortmann und Peter Maßstäbe gesetzt und wünschen sich eine breitere Öffentlichkeit.

Nennen Sie einen Netzliteratur-Klassiker.

Ortmann: Literatur im Internet gibt es erst seit etwa 1995. Da ist es natürlich schwierig, von Klassikern zu reden. Aber ein gutes Beispiel für gelungen realisierte Netzliteratur ist der Assoziationsblaster unter www.assoziations-blaster.de . In diesem interaktiven Text-Netzwerk werden neue Einträge automatisch mit allen anderen verlinkt. Und jeder Besucher der Site kann seine Assoziationen zu den Stichwörtern schreiben. Das heißt, das Textgeflecht lebt von der Teilnahme der "Leser", denn durch jede Aktion verändert sich das gesamte Text-Netzwerk.

Ist Interaktion ein Kriterium für Netzliteratur?

Ortmann: Bisher gibt es keine gültige Definition, und daher auch keine allgemeingültigen Kriterien für Netzliteratur. Ich habe aber in "netz literatur projekt" versucht, den Begriff mit Hilfe eigener Kriterien einzugrenzen. Meiner Meinung nach hat man es im Internet nur dann mit Netzliteratur zu tun, wenn Literatur, Technik, Interaktivität und Kommunikation kreativ miteinander in Beziehung gesetzt werden. Idealerweise sollte Netzliteratur eigens für ein vernetztes Medium wie das Internet entwickelt worden sein.

Peter: Oder anders ausgedrückt: Sie funktioniert nur in diesem Medium. Projekte, die man ohne weiteres auch auf eine CD-ROM brennen oder ausdrucken kann, wären nach meiner Definition keine Netzliteratur. Charakteristisch für ein Netzliteratur-Projekt ist auch, dass eben kein Ende intendiert ist - das Mitmachen, das Weiterschreiben, die permanente Veränderung ist das Interessante daran.

War das Projekt unter www.ampool.de , wo zum Teil bereits bekannte junge Autoren tagebuchartige Texte ins Internet gestellt haben, Netzliteratur?

Ortmann: Darüber kann man sicher streiten. Ich würde eher von "Literatur im Netz" sprechen. Hier wurden Texte ins Netz gestellt, die man ebenso gut als Buch veröffentlichen könnte. Die Pool-Seiten kann man ohne Verlust ausdrucken und offline lesen. Das WWW wurde also in erster Linie als Publikationsmedium genutzt. Es gibt keine interaktiven Elemente, keine Vernetzung. Die Besucher können nur lesen und nicht aktiv an dem Projekt teilnehmen. Die technischen Möglichkeiten, die das Internet bietet, wurden somit nicht genutzt.

Von den Pool-Autoren ist gerade ein gemeinsames Buch erschienen. Sie sagten aber, dass wirkliche Netzliteratur eigentlich nicht gedruckt werden kann. Ist sie vielleicht deshalb so unbekannt?

Peter: Das Buch der Pool-Autoren "the buch" enthält Texte, die extra nur für dieses Buch geschrieben wurden. Diese Texte haben daher nur einen recht lockeren Bezug zum Internetprojekt.

Ortmann: Und das Genre Netzliteratur ist, wie gesagt, noch sehr jung. Die Literaturwissenschaft und das Feuilleton verfügen bisher nicht über die nötigen Kriterien zur Beurteilung von Netzliteratur. Außerdem nehmen vor allem die Medien die Literatur im Netz selten ernst. Sie wird eher belächelt, man liest von "virtuellen Dichterstübchen" oder von "Literaten-WGs". Das hat aber wiederum etwas damit zu tun, dass nur selten bekannte Autoren im Netz aktiv sind. Kaum tauchen jedoch renommiertere Autoren im Internet auf - wie beim Pool-Projekt oder als z. B. Rainald Goetz im Web seinen "Abfall für alle" schrieb - wird auch schon darüber berichtet.

Peter: Für das Renommee der Literatur im WWW und ihrer Autoren wäre es daher wichtig, dass Verlage mit bekannten Namen Aktionen im Netz initiieren würden. Bislang nutzen die Verlage die Möglichkeiten des Internets kaum. Sie haben auf ihrer Website meistens nur statische Informationen über den Autor und bestenfalls eine Leseprobe. Das wars.

Verlage haben ja auch nur Interesse am Gedruckten und nicht am Virtuellen.

Ortmann: Ja, genau. Bisher ist das Internet für Verlage und bekannte Autoren nicht interessant. Wenn sich aus Netzliteratur kein Buch machen lässt, gibt es schließlich kein verkäufliches Produkt. Also kann man auch kein Geld verdienen.

Ist es aber nicht vielleicht doch eher die mangelnde literarische Qualität, die das Desinteresse der vielen Verlage an der Netzliteratur begründet?

Peter: Die literarische Qualität ist im Netz ebenso zu finden. Nur übernimmt niemand die Selektion, und deshalb muss man im Netz sicherlich etwas länger suchen als in einer Buchhandlung. Aber wenn ich in einer Buchhandlung ein beliebiges Buch aus dem Regal ziehe, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich Hochliteratur in den Händen halte auch sehr gering.

Dennoch wird herkömmliche Literatur regelmäßig ausgezeichnet, der Pegasus-Netzliteraturwettbewerb des Wochenmagazins ZEIT wurde aber 1999 nach drei Jahren wieder eingestellt. Warum?

Peter: Das war eigentlich eine sehr gute Institution, um dieses junge Medium zu fördern. Aber einmal abgesehen von Differenzen zwischen den Veranstalter ZEIT und IBM, waren die Erwartungen gegenüber der neuen Literatur zu hoch. Die Texte konnten natürlich nicht an den Klassikern, die man im Schrank stehen hat, gemessen werden.

Ortmann: Es fehlten wiederum die Bewertungskriterien. Die Juroren wussten nicht, wie sie diese multimedialen Projekte bewerten sollten. Da gab es ja nicht nur Text, sondern auch Bilder, Musik oder Animationen.

Hat Netzliteratur aber vielleicht deshalb einen schwierigeren Stand als gedruckte Literatur, da es sich am Bildschirm so ungemütlich liest?

Ortmann: Genau hier liegt meiner Meinung nach die Herausforderung an die Autoren. Sie müssen sich die Restriktionen und Möglichkeiten des Mediums bewusst machen und mehr an ihre Leser denken. Die Autoren sollten sich fragen: "Was kann ich dem Leser am Monitor bieten, und wie wird es für ihn interessant." Wirklich gute Netzliteratur wird zum Erlebnis für die Leser. Zum Beispiel, in dem die Leser sich wie beim Assoziations-Blaster aktiv an dem Projekt beteiligen können.

Peter: Das eigentliche Potenzial der Netzliteratur liegt darin, dass sich die Rollen von Autor und Leser verwischen. Das heißt, ich begebe mich in ein Netzliteraturprojekt, lese eine Weile und habe dann selbst eine Idee, die ich auch sofort aktiv äußern kann. In diesem Moment werde ich dann selbst zum Autor. Netzliteratur ist sehr spielerisch. Der Prozess steht im Vordergrund, nicht das Ergebnis.

Wie sieht nun Ihrer Meinung nach die Zukunft der Netzliteratur aus?

Ortmann: Der im Rahmen des Pegasus vielbeschworene "Online-Ulysses", also das hypermediale Gesamtkunstwerk, wird wohl auch in absehbarer Zeit nicht im WWW auftauchen. Ich nehme an, dass sich multimediale Kunst auf der einen und Literatur im Internet auf der anderen Seite in Zukunft eher getrennt voneinander entwickeln. Ich könnte mir vorstellen, dass sich netzspezifische und kommunikative Formen des Schreibens im Netz durchsetzen.

Peter: Die Verlage werden hoffentlich bald das Internet als Medium entdecken und dann auch interessantere Online-Auftritte gestalten. Vielleicht schaffen sie es auch, die etablierten Autoren ins Netz holen. Die jüngeren Autoren sind ja schon viel vertrauter mit dem Internet und werden vielleicht auch mal von sich aus Netzprojekte anstoßen.

Nun wird es ja das "Literarische Quartett" bald nicht mehr geben: Könnten Sie sich vorstellen, dass in einer ähnlichen Sendung eines Tages auch mal Netzliteratur besprochen wird?

Ortmann: Wenn in einer Art "Literarischem Quartett" eines Tages Literaturkritiker mit Medienkompetenz sitzen sollten, kann ich mir das durchaus vorstellen. Sollten wir dann an dieser Sendung teilnehmen, wäre die Literatur im Internet auf jeden Fall ein Thema.

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