Zeitung Heute : Interview mit Bruce Sterling: "Der Computervirus überbringt eine Gefühlsbotschaft"

Der "Cyberpunk"[eine Erfindung aus den 80er Jahre]

Bruce Sterling (46) ist Internet-Aktivist, Autor und Künstler, der seit den 80er Jahren dem Mensch-Maschine-Verhältnis auf den Grund geht. Sein dreizehnter Science-Fiction Roman "Heiliges Feuer" erscheint in diesem Monat auf Deutsch. Im Juni wird sein vergriffener Roman "Brennendes Land" als Taschenbuch neu aufgelegt. Auf der Transmediale stellte er sein aktuelles Projekt "Long Live Dead Media" vor.

Der "Cyberpunk", eine Erfindung aus den 80er Jahren, war auch eine Reaktion auf Reagans Umverteilungpolitik. Kehrt mit Bush der "Cyberpunk" zurück, Herr Sterling?

Bush ist ein Reichensöhnchen, der eine soziale Restauration einleiten wird. Der Punk kehrt mit ihm nicht zurück, weil der Begriff "Cyber" so altmodisch ist wie Bushs Nachname. Dieser Begriff ist genauso tot wie "Elektro". Die Zukunft gehört nicht "Cyber", sondern der "Zelle", also allem, was mit "Bio", "Biogenetik" oder "Bionik" zusammenhängt.

Ihre Familie lebt seit sieben Generationen in Texas. Damit sind Sie noch länger in den Südstaaten verwurzelt als der traditionelle Bush-Clan.

(lacht) Warum immer auf dem armen Mann herumhacken - er ist keine Nixon-Figur und klüger, als man das in aller Welt annimmt. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass es während seiner Amtszeit eine Rezession geben wird.

Weil Bush auch ohne eine Rezession bereits verachtet wird, bietet er Autoren und Netz-Aktivisten wie Ihnen eine gute Angriffsfläche.

Leider gibt es zur Zeit keinen John Steinbeck im Land, der sich durch Bush zu einem Buch der Größenordnung von "Früchte des Zorns" inspirieren ließe. Dennoch wird Bush Person den Autoren eine fruchtbare Phase bescheren.

Themenwechsel: Mit ihrem aktuellen Internet-Projekt sammeln sie über das Netz eine Liste toter Medien. Wie viele Websites, wie viele tote Medien haben Sie bereits gefunden?

Mittlerweile sind es acht Seiten. Doch es werden täglich mehr. Die Gesetze des Marktes machen so eine Liste notwendig: Sobald ein Medium heute keine Aussicht auf Vermarktbarkeit mehr hat, lassen es die Hersteller aussterben, indem sie seine Produktion einstellen.

Acht Seiten, das klingt wenig. Wann ist nach Ihrer Begriffsbestimmung ein Medium "tot"?

Sehen Sie, genau das ist das Problem. Nehmen wir das Beispiel Computer. Wann ist der tot? Macht man das am Chip fest oder am Betriebssystem oder an den Anwendungen, die irgendwann nicht mehr funktionieren oder inkompatibel sind? Die Kriterien dafür, was ein Medium ist, sind, so sehe ich das heute, sehr schwammig.

Wie soll ich das verstehen?

Nehmen Sie zum Beispiel das Virus "I love you". Gewiss war das ein Virus, den viele User in seiner Schlagkraft erlebt haben. Doch meine These ist, dass dieser Virus gleichzeitig ein Medium war. Denn er war der Überbringer einer Gefühlsbotschaft.

Gut, aber reicht das aus, um das Phänomen zu erklären? Warum sollte man überhaupt tote Medien zum Thema machen?

Wir leben in einem wahren Schlachthaus-Zeitalter für Medien. Niemals zuvor wurden Medien schneller geschaffen, mit größerer Geschwindigkeit hervorgebracht und niemals zuvor wurden sie so schnell getötet wie heute. Daher beschloss ich, Medien auszugraben. Damit verbinde ich die Hoffnung, mehr über die Gründe und Gesetzmäßigkeiten herauszufinden, warum Medien sterben.

Allein ist diese Aufgabe nicht zu bewältigen. Wie viele Leute helfen Ihnen bei der Dead Media Mailing-Liste?

Die Liste umfasst etwa 500 Leute. Darunter übrigens viele Texaner. Ich frage mich, ob das nur Leute aus der grün-regierten Hauptstadt Austin sind. Welcher waschechte Texaner wollte sich sonst sich mit ausgestorbenen, bereits kompostierten Medien auseinandersetzen?

Nach Ihrer Definition reicht der Medienbegriff sehr weit. Auch Software gehört dazu, und Sie haben bereits gefordert, Bezeichnungen wie "Windows 95" als Verfallsdatum für Verbraucher anzusehen. Sollen Medien ganz explizit sowas wie ein "best when consumed before ..." aufgedruckt bekommen?

Unbedingt! Hätte beispielsweise der Romancier Samuel Beckett seinen "Ulysses" auf einem Amiga getippt, wäre sein Medium "Ulysses" längst tot. Doch Verbraucher haben seit Becketts Zeiten viel dazugelernt. Das ist auch der Grund, warum der Begriff Verbraucher dem zwanzigsten Jahrhundert angehört. Warum sollte man heute überhaupt noch Verbraucher sein? Längst leben wir als Endnutzer. Die wissen bereits, dass man in die Jahre gekommene Computerprogramme ganz einfach per Herunterladen mit einer neueren, besseren Gratisversion auffrischt.

Sie sind Schriftsteller und Journalist. Hier in Europa kennt man Sie durch Ihre frühen Cyberpunk-Romane und Kurzgeschichten in dem Szene-Magazin Wired. Was steht als nächstes an?

Über eine Reportage in Wired bin ich auf die in New York lebende Niederländerin Inez van Lamsweerde aufmerksam geworden. Sie macht unheimlich tolle Fotos und ist Teil meines nächsten Projekts. Doch mehr verrate ich noch nicht.

Es war immer Ihr Ziel, Ihrem "Dead Media Project" ein Buch folgen zu lassen. Wie sieht es mit diesen Plänen aus? Kommt da noch was?

Ein Buch wird es darüber so bald nicht geben, weil es zu wenig Theorie gibt, die sich mit toten Medien beschäftigt. Wir sind Science-Fiction Autoren. Wir haben keine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit.

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