Interview mit Christine Edmaier : „Wozu brauchen wir so viel Platz?“

Christine Edmaier ist Architektin und Vorsitzende des Landesverbandes Berlin des BDA (Bund Deutscher Architekten). Im Interview erklärt sie, wie man beim Wohnen Platz sparen kann.

Frau Edmaier, es gibt immer unterschiedlichere Lebensformen. Hat der klassische Wohnungszuschnitt mit Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer ausgedient?
Da ich selber Mutter bin und zwei Töchter habe, weiß ich genau, wie wichtig es ist, abgeschlossene Kinderzimmer zu haben. Ich hätte seinerzeit natürlich auch gerne ein Loft gemietet. Aber das ging dann eben nicht. Für kinderlose Paare ist das vielleicht was, aber für Familien nicht. Wir brauchen normale Wohnungen. Aber man kann beim Neubau bestimmt viel Platz sparen, ohne auf Qualität zu verzichten.

Wie geht das?
Eines zeichnet sich ab: Man möchte zunehmend keine abgeschlossenen Küchen mehr, also Wohnzimmer und Küche und Esszimmer sind ein großer Raum. Das wird auch schon seit ein paar Jahren so gemacht – nicht nur im hochpreisigen Segment. Man kann dadurch ja auch eher Platz sparen. Manche meinen, sie brauchen unbedingt einen Flur. Aber eigentlich ist der unnötig, wenn man in den großen Raum tritt und dann von dort aus direkt zu den Individualzimmern kommt.

Wären variable Wände eine Lösung, um zum Beispiel auf unterschiedliche Lebensphasen einer Familie zu reagieren?
Viele Menschen wollen variable Wände, aber das ist mit dem Schallschutz nicht so einfach. Wenn man hohe Ansprüche an den Schallschutz hat, ist das recht teuer. Die Wand geht dann nicht durch, sondern steht auf dem schwimmenden Estrich, und damit wird der ganze Schall übertragen. Was ich für ein sehr sinnvolles Modell halte, ist, dass man Wohnungen zusammenlegen und wieder trennen kann. Gerade wenn jemand eine Eigentumswohnung kauft, kann das interessant sein.

Wir erwarten immer mehr Zuzug in Städte. Der urbane Raum wird sich verdichten müssen. Wie kann das funktionieren?
Grundsätzlich ist es immer sinnvoll, in einem Grundriss so wenig überflüssige Fläche wie möglich zu produzieren. Wir hatten gerade schon das Beispiel Flur. Außerdem müssen wir darauf achten, dass der Pro-Kopf-Verbrauch von Wohnraum nicht weiter zunimmt. Der liegt in Deutschland schon sehr hoch, bei 45 Quadratmetern. Natürlich braucht man in einem Land, in dem es die Hälfte des Jahres kalt ist, ein bisschen mehr Platz. Aber gleichzeitig wollen wir immer mehr Zeit in öffentlichen Räumen verbringen, in Bibliotheken, in Einkaufszentren, im Theater und Kino. Es ist schön, dass wir den städtischen Raum so nutzen. Aber dann brauchen wir ja nicht immer größere Wohnungen. Das A und O ist, dass die Wohnungen verschieden sind und man sich aussuchen kann, was zu einem passt. Und das ist nicht einmal teurer.

Nicht?
Es wird immer behauptet, dass es billiger sei, wenn man 200 gleiche Wohnungen baut. Aber das ist nicht bewiesen. Statistiken zeigen, dass ich genauso günstig bauen kann, wenn ich 20 Wohneinheiten plane.

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