Interview mit Daniel Brühl : „... wenn ich jetzt gleich sterben würde“

Warum Daniel Brühl bei der Arbeit mit den Tränen kämpfen musste und warum ihn Caipirinha an grauen Berliner Tagen total nervt.

Herr Brühl, wussten Sie vor den Dreharbeiten zu „Salvador“, was eine Garotte ist?

Nein. Mit der Garotte wurden in Spanien Todesurteile vollstreckt. Sie funktioniert wie ein Schraubstock: Ein Metallring wird um den Hals gelegt und hinten am Nacken ist eine Schraube. Bei einem Modell wird die Schraube zugedreht, sodass einem die Luft abgeschnitten wird, beim anderen Modell bricht die Schraube das Genick. Eine brutale Hinrichtung. Die Garotte, mit der Salvador umgebracht worden ist, steht in Barcelona im Museum.

Haben Sie sich die angeschaut?

Ja. Ich habe auch seinen Henker gesehen. Es gibt da einen interessanten und furchtbaren Film „Queridísimos verdugos“, in dem drei Henker der Franco-Zeit aus dem Nähkästchen plaudern. Die hatten überhaupt keine Probleme mit ihrer Arbeit, es war für sie ein ganz normaler Beruf.

Sie spielen in dem Film den Anarchisten Salvador Puig Antich, der 1974 unter Franco hingerichtet wird. Haben Sie mit Ihrer Familie über die Zeit der Diktatur gesprochen?

Mit meinen Eltern schon, die sprudelten gleich los – mein Vater konnte sich noch an Demos in Deutschland gegen die Hinrichtung erinnern, mein Onkel berichtete als Journalist 1970 vom Burgos-Prozess. Ich habe aber auch Familienmitglieder, die mich zwar sehr lieben, aber meiner Mutter sagten, sie hätten schon ein Problem damit, dass ich diesen Anti-Franco-Typen spielen muss.

Bürgerkrieg und Diktatur teilen Spanien bis heute.

Ja, in dem katalanischen Dorf, in dem meine Eltern ein Haus haben, leben nur ein paar hundert Leute, und da gibt es immer noch Familien, die nichts miteinander zu tun haben wollen. Im Dorf gibt es zwei Kneipen, die Rechten treffen sich in der am Schwimmbad, die Linken in der Kooperative 30 Meter die Straße runter. Manchmal verläuft der Graben innerhalb von Familien, auch meine war während des Bürgerkriegs in zwei Lager geteilt.

Als Ihr Film in Spanien ins Kino kam, wurde gerade heftig über ein Gesetz der sozialistischen Regierung gestritten, das die republikanischen Opfer des Krieges anerkennt, Mittel für die Aushebung von Massengräbern und den Abbau franquistischer Symbole bereitstellt – mehr als 30 Jahre nach Francos Tod.

Die Zeit der Diktatur ist längst nicht aufgearbeitet. Manuel Fraga zum Beispiel, der unter Franco Informationsminister war, regierte bis vor zwei Jahren die Provinz Galizien und ist Ehrenvorsitzender der konservativen Partei PP. Die Rechte ist in Spanien wirklich ultrakonservativ, das hat man zum Beispiel bei den Massendemonstrationen gegen die Homo-Ehe gesehen. In solchen Momenten ist Spanien mir fremd. Wenn man in die Provinz fährt, dann sieht man Vierjährige, die schon so aussehen wie der ehemalige konservative Premierminister Aznar von der PP – nur der Schnäuzer fehlt. In Barcelona ist das ganz anders – da gilt einer wie ich ja schon als etablierter Spießer.

Wurden Sie am Set in der Rolle des katalanischen Widerstandskämpfers sofort akzeptiert? Sie sind ja Halbspanier und in Deutschland aufgewachsen.

Ich hatte schon Schiss, als der erste Drehtag näher kam, und deshalb habe ich mich akribisch vorbereitet. Der Regisseur hatte mich mit Doku- und Buchmaterial versorgt, ich habe meine Eltern ausgequetscht, und dann habe ich in Barcelona – ich war sieben Monate dort – jeden Taxifahrer und wen ich so kennenlernte – nach seiner Familiengeschichte gefragt. Und fast jede Familie hat eine unglaubliche Geschichte zur Franco-Zeit zu erzählen.

Ein Beispiel?

Der Großvater eines Freundes kämpfte auf republikanischer Seite, kurz vor Ausbruch des Krieges hat er sich verliebt, und die Frau wartete auf ihn. Irgendwann hat sie herausgefunden, dass er in einem Gefangenentransport in der Nähe ist. Der Treck wurde von Soldaten bewacht, aber sie ist trotzdem hin. Er hat sie gesehen, ist losgerannt, hat sie an die Hand genommen, und beide sind abgehauen. Die Soldaten haben sie verfolgt, sie versteckten sich tagelang in einem Erdloch und überlebten. Solche dramatischen Liebesgeschichten habe ich häufig gehört. Oder die Geschichte eines Republikaners, dessen Bruder ein einflussreicher Faschist war und ihn so vor dem Todesurteil retten konnte – weil es eben doch die eigene Familie war. Und danach haben sie nie wieder miteinander gesprochen.

Haben Sie Menschen getroffen, die Salvador kannten?

Seine Schwestern. Sie haben mich von Anfang an unterstützt und meinten, sie hätten irgendwann vergessen, dass ich ein Schauspieler sei – sie hätten das Gefühl gehabt, einen weiteren Bruder zu haben. In Madrid, bei der Filmpremiere, stand ich mit ihnen zusammen, als plötzlich ein Mann sich zu uns stellte, und die drei ganz bleich wurden. Ich erkannte ihn auch, es war der Gefängniswärter von Salvador, den die Schwestern seit der Hinrichtung nicht mehr gesehen hatten. Da lief es mir eiskalt den Rücken runter.

Wie versetzt man sich in jemanden hinein, der gleich hingerichtet wird?

Für mich war es schwer, die Szene unmittelbar vor der Exekution zu spielen. Weil ich zulassen musste, über mich selber und meinen eigenen Tod nachzudenken. Da kommt man in sehr dunkle Bereiche rein und bekommt richtig Angst. Was mir sehr geholfen hat, war Musik von Bach. Salvador war Bach-Fan, und vor den Dreharbeiten habe ich vor allem die Matthäuspassion gehört und versucht, mir vorzustellen, wie das wäre, wenn ich jetzt gleich sterben würde.

Macht es für Sie einen Unterschied, eine fiktive Person zu spielen oder eine, die wirklich gelebt hat?

Total. Bei „Salvador“ hatten wir das große Problem, dass wir bei den Dreharbeiten oft heulen mussten, weil uns die Geschichte so mitgenommen hat. Als Schauspieler musst du dich ganz in die Situation hineinversetzen, und irgendwann kannst du dich selbst emotional kaum mehr davon trennen. Normalerweise ist es ja eher schwer, im Film zu weinen, diesmal hatte ich echt Probleme damit, die Tränen zurückzuhalten.

Sie suchen sich oft Rollen, mit denen sich ganze Gruppen einer Gesellschaft identifizieren können: Salvador steht für den Widerstand gegen Franco, „Good bye, Lenin“ beschreibt die Schwierigkeiten der Wende aus Sicht eines jungen Ost-Berliners.

In meiner Arbeit muss es um was gehen, ich will mich daran aufreiben können, oder es muss eine Herausforderung sein. Um meinem Leben und meinem Beruf einen Sinn zu geben, muss ich das Gefühl haben, dass eine Geschichte wirklich wichtig ist. Ich lerne ja auch sehr viel dadurch. Und wenn das die Leute persönlich berührt und sie sich darin wiederfinden, dann freut mich das.

Regisseur Hans Weingartner, mit dem Sie „Das weiße Rauschen“ und „Die fetten Jahre sind vorbei“ drehten, sagt: „Bei Daniel glaube ich wirklich daran, dass sich das Publikum mit ihm so stark identifiziert, dass es irgendwann denkt, was er denkt.“

Ein bisschen beängstigend ist diese extreme Form der Identifikation schon. Ich habe dafür ein Talent, mich schnell auf fremde Leute einzulassen. Und daher kommt es wohl, dass die Leute, wenn sie einen Film von mir sehen, meinen, mich gut zu kennen. Wenn ich abends weggehe, werde ich oft von völlig fremden Menschen mit Umarmungen begrüßt, und sie erzählen mir ihr ganzes Leben. Ich musste erst lernen, damit umzugehen. Wenn ich sage: Tut mir leid, ich kann gerade nicht, weil ich mit einem Freund hier bin, kann die Stimmung ganz schnell kippen, weil die denken: Was ist mit meinem guten Freund Daniel, warum hört der mir nicht zu?

Für die Rolle als Salvador nominierte man Sie für den „Goya“, den höchsten spanischen Filmpreis. Ist es in Spanien jetzt mit Ihrer Anonymität vorbei?

Ja, in Barcelona werde ich oft angesprochen. Besonders ältere spanische Frauen können sehr impulsiv sein, die erdrücken mich dann fast mit ihrem Busen! Diese Distanzlosigkeit finde ich aber sehr süß.

Sie sind in Köln zweisprachig aufgewachsen.

Als kleiner Junge, im Kindergarten, habe ich mich fast ein bisschen dafür geschämt: Wenn die anderen Muttis ihre Kinder abgeholt haben, haben alle deutsch geredet – und dann kam meine Mutter und hat eine andere Sprache gesprochen. Ich fühlte mich exotisch, und obwohl wir zu Hause immer spanisch sprachen, habe ich mich dann geziert. Irgendwann hatte sich das aber erledigt, und ich habe es nur noch als Vorteil empfunden.

Weil es einfacher ist, Mädchen mit dem Namen Daniel César Martín Brühl González zu beeindrucken?

Als Teenager spielte ich mit Freunden in einer Band, wir haben Kassetten verkauft und hatten sogar einen Mini-Fanclub. Und ein paar Songs waren auch auf Spanisch. Da habe ich für gesorgt, um mich interessanter bei den Mädchen zu machen.

Hat es gewirkt?

Da gehe ich jetzt mal nicht näher drauf ein.

Welche Sprache ist schöner: Spanisch oder Deutsch?

Viele lästern über beide Sprachen – Spanisch kann ja seltsam klingen, mit dem ratternden R und dem Lispeln… Ich mag Spanisch, weil es vokalig ist und trotzdem eine Härte hat. Und in Spanien verteidige ich Deutsch, obwohl ich auch einige Spanier kenne, die total auf Deutsch stehen, auf den Klang von „Ich liebe dich“ zum Beispiel. Die finden das schöner als „Te quiero“, weil es weicher klingt.

Seine Liebe kann man besser auf Deutsch erklären?

Finden die Spanier!

In welcher Sprache können Sie besser fluchen?

Definitiv auf Spanisch. Die Spanier sind da viel kreativer, und dort sind richtig harte Worte viel gebräuchlicher, wie „coño“ oder „cabrón“, das übersetze ich lieber nicht. Wenn ich mich mit meinem Freund Gael Garcia Bernal treffe…

…dem mexikanischen Schauspieler aus „Amores perros“ und „Babel“…

… dann beschimpft er mich erst mal minutenlang: Que onda pinche cabrón, buey pendejo... Er meint das eher liebevoll.

Wo haben sich Ihre Eltern kennengelernt?

Das war noch zu Franco-Zeiten: Mein Vater ist mit zwei Brüdern an die Küste südlich von Barcelona getrampt, dort lernte er meine Mutter kennen und meine Onkel zwei Französinnen. Die haben alle in ziemlich kurzen Abständen geheiratet, und wir haben sogar eine Zeit lang zusammen in Köln in einem Haus gewohnt. Das war immer ein witziger Sprachbrei: Spanisch, Deutsch, Französisch…

Haben Sie Ihre Verwandten in Spanien oft besucht?

Zwei- oder dreimal sind wir im Jahr zu den Großeltern gefahren. Mir war als Kind Spanien zu chaotisch und zu schnell. Schon die Fahrt über die Grenze fand ich schrecklich: Spanien war damals noch sehr arm, dann diese Franco-Bauten und die Hotelbunker an der Küste – furchtbar.

Die Abneigung hat sich dann aber gelegt.

Ja, wenn ich heute nach Spanien komme, geht mein Herz schon bei total bescheuerten Kleinigkeiten auf: Es gibt ein bestimmtes Putzmittel an Flughäfen und an allen öffentlichen Plätzen, ein ganz spezieller Geruch, den ich liebe, weil ich selbst mit verbundenen Augen sofort wüsste: Ich bin in Spanien. Ich gehe im Flughafen also immer als Erstes auf die Toilette. Dann trinke ich einen Colacao, spanischen Kakao, viel süßer als deutscher. Und ich kaufe ein Bikini-Sandwich, ein auf ganz bestimmte Art gebratener Käse-Schinken-Toast.

Wie oft fahren Sie denn nach Spanien?

Meine Eltern haben ein Haus in einem kleinen katalanischen Dorf, erst vor ein paar Wochen war ich wieder dort. Für mich ist das der entspannteste Ort überhaupt, ich kenne die Gegend und die Leute im Dorf. Die Katalanen sind eher mufflige Menschen, da wird man in Ruhe gelassen.

Am Schluss der ultimative Vergleich Spanien – Deutschland. Bereit?

Klar.

Paella oder Bratwurst?

Paella, aber aus Valencia, wo sie herkommt und am besten ist. Da würde ich sogar eine leckere Bratwurst gegen eintauschen.

Kölner Dom oder die Sagrada Familia?

Ich liebe zwar Gaudí, aber die Sagrada Familia ist nicht mein Lieblingsgebäude von ihm. Außerdem wird da ständig dran rumgebaut. Ich finde es vom Konzept ja interessant: eine Kathedrale, die nie fertig wird. Aber mich nervt das, ich sehe immer nur Kräne. Und außerdem is d'r Dom dat Schönste watt m'r han und dat losse m'r uns nit nemme!

Julio Iglesias oder Udo Jürgens?

Udo Jürgens. Der hat ein paar total lustige Songs gemacht, „Disko-Stress“ zum Beispiel, das ist sensationell absurd. Julio Iglesias ertrage ich gar nicht.

Penelope Cruz oder Franka Potente?

Oh, schwierig. Ich sage jetzt: Franka Potente. Penelope Cruz wird das Interview wohl kaum lesen.

Welche Stadt sieht nachts schöner aus: Barcelona oder Berlin?

Barcelona. Es ist schöner beleuchtet, dort, wo ich in Berlin wohne, ist es nachts einfach nur dunkel. Die Spanier beleuchten die Straßen mit wärmerem Licht, fast orangefarben. Also nachts: Barcelona!

Macho oder Frauenversteher?

Ich fände es furchtbar, wenn ich jetzt Frauenversteher sage, obwohl es wahrscheinlich eher der Wahrheit entspricht. Deshalb sage ich: Macho.

Was ist schlimmer: Sangria am Strand in Spanien oder an einem Stadtstrand in Berlin?

Wenn schon Sangria, dann bitte in dem Land, wo es hingehört! Genauso nervig ist es, wenn in Berlin an grauen Tagen in Bars Latinomusik läuft und dann Caipis gemixt werden, wenn es regnet.

FC Barcelona oder 1. FC Köln?

Eigentlich bin ich ja Köln-Fan… Das letzte Mal war ich da beim Aufstieg gegen St. Pauli. Aber weil es einfach schöner anzusehen ist, war ich die vergangenen Jahre öfter im Camp-Nou-Stadion von Barcelona.

Spanische oder deutsche Nationalmannschaft?

Ich bin immer für Spanien.

Ein schweres Schicksal.

Die Spanier hätten es echt mal verdient, zu gewinnen, aber sie kriegen es nicht hin. Es ist einfach eine Versagertruppe, die immer ablost. Aber ich halte eisern zu ihnen!

Crema Catalana oder Wackelpudding?

Crema Catalana. Ich merke gerade, dass ich Spanien irgendwie die ganze Zeit favorisiere!

Wie kommt das?

Ich weiß auch nicht. Vielleicht, weil den ganzen Sommer in Berlin so schlechtes Wetter war.

Daniel Brühl, 29, ist in Köln zweisprachig aufgewachsen, seine Mutter kommt aus Spanien. Der Schauspieler wurde bekannt mit Hauptrollen in „Good bye, Lenin“ und „Die fetten Jahre sind vorbei“. Am Donnerstag kommt sein erster spanischer Film in die deutschen Kinos: „Salvador“. Brühl lebt in Berlin.

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