Interview mit Horst Köhler : „Sledgehockey? Toll!“

Seit seinem Amtsantritt unterstützt Bundespräsident Horst Köhler den Behindertensport, wo immer er kann. Bei den Spielen ist er stets Gast der Paralympics Zeitung des Tagesspiegels. Jetzt kommt er zum Paralympic Day.

Annette Kögel
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Horst Köhler, 66, hat als Bundespräsident seit 2004 alle Paralympics besucht. -Foto: dpa

Der Besuch von Bundespräsident Horst Köhler bei den Paralympischen Sommerspielen in China 2008 hätte kaum besser laufen können. Kaum war Köhler im Nationalstadion in Peking angekommen, konnte er sich über drei Medaillen für deutsche Athleten freuen. „Ich habe keinen Zweifel am Weg Chinas zur Öffnung“, sagte Köhler dann nach dem Gespräch mit Staatspräsident Hu Jintao, „aber wir sind gut beraten, den eigenen Standpunkt sehr klar zu machen.“ Der Bundespräsident weiß um die politische Bedeutung des Sports und um die Bedeutung der Paralympics für die Rechte der Menschen mit Behinderungen, in China, in Deutschland, in der Welt. Horst Köhler hat seit seinem Amtsantritt die Belange der Menschen mit Handicap verfolgt – mit Engagement und Ernsthaftigkeit. 2004 reiste er mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zu den Spielen nach Athen – eine symbolische Würdigung gleich zweier Staatsmänner, die die Sportler sehr schätzten. Köhler lädt sie stets auch ins Schloss Bellevue. Anlässlich des International Paralympic Day am 11. Juli sprach Annette Kögel mit dem Bundespräsidenten – dem Schirmherrn des IPD.

Sie haben sich in Ihrem Amt als Bundespräsident schon immer starkgemacht für die Paralympischen Spiele. Auf welche Weise wollen Sie das auch in Zukunft tun?

Mein Ideal ist eine Gesellschaft, in der Behinderung niemanden ausschließt. Das Ziel ist ein selbstverständliches Miteinander, und der Sport hilft sehr, diesem Ziel näherzukommen. Ich freue mich, dass der Behindertensport und besonders unsere Paralympioniken in den vergangenen Jahren deutlich mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung bekommen haben. Was ich tun kann, um diese Entwicklung zu stärken, das will ich auch in Zukunft gern tun.

Sie haben zuletzt immer die Paralympics besucht, Sie waren bei den Sommerspielen in Athen 2004 dabei, bei den Winterspielen in Turin 2006 und dann wieder in Peking 2008. Welche Erinnerungen sind Ihnen unvergesslich? Ich erinnere mich daran, dass Sie begeisterter Sledgehockeyfan sind …

Ja, seit dem Spiel Deutschland gegen Schweden 2006 in Turin. Damals setzte sich die deutsche Mannschaft mit 4 : 0 gegen die Schweden durch, das Stadion war ein Hexenkessel – ein wirklich großartiges Erlebnis. Überhaupt: Die Paralympics zeichnen sich nicht nur durch sportliche Glanzleistungen aus, sondern vor allem durch die fröhliche und unbeschwerte, ja familiäre Atmosphäre. Davon lasse ich mich immer wieder gern anstecken.

So weit ich weiß, ist Ihre Tochter blind. In welcher Weise hat das Ihren selbstverständlichen Umgang mit Menschen mit Handicap geprägt? Was würden Sie anderen Menschen raten, die womöglich Berührungsängste haben und nicht wissen, wie sie sich Behinderten gegenüber verhalten sollen?

Ich würde Ihnen ans Herz legen, die eigene Empfindsamkeit zu entwickeln, zu lernen, sich in den anderen hineinzuversetzen: Das macht stark. Es passiert viel zu oft, dass wir uns im Alltag das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung unnötig schwer machen. So wie in der Geschichte von der alten blinden Dame, die von einem hilfsbereiten jungen Mann ungefragt und resolut über die viel befahrene Straße geführt wird, obwohl sie gar nicht die Straßenseite wechseln wollte.

Mein Rat ist: Die Menschen sollten keine Scheu haben, aufeinander zuzugehen. Und vor allem: Fragen und miteinander sprechen! Dabei wird übrigens schnell klar: Was Ausdauer, Hartnäckigkeit oder Kreativität bei der Bewältigung schwieriger Lebenssituationen angeht, sind Menschen mit Behinderung ziemlich oft Vorbilder.

Die wirtschaftliche Lage infolge der Finanzkrise droht das Engagement von Sponsoren auch im Behindertensport zu schwächen. Sie haben sich schon vor Jahren mit einem persönlichen Brief an die Chefs großer Unternehmen für deren Einsatz als Förderer starkgemacht. Was legen Sie Firmenvertretern jetzt ans Herz?

Wenn ein Unternehmen in Zeiten der Krise weniger Geld für gesellschaftliche Aufgaben bereitstellt, dann finde ich das schade, und ich werbe dafür, hier nicht als Erstes zu sparen.

Unternehmerverantwortung endet nicht am Werkstor. Zum Glück begreifen das immer mehr. Deshalb habe ich mich auch sehr gefreut, dass zum Beispiel die Allianz und die Deutsche Telekom ihr Engagement im Behindertensport fortsetzen. Das spricht für langfristiges Denken und findet hoffentlich viele Nachahmer.

Sie haben bei den Spielen in Athen, Turin und Peking immer auch die Schülerredaktion der Paralympics- Zeitung des Tagesspiegels besucht und den Schülern Rede und Antwort gestanden. Bei diesem internationalen Projekt erstellen junge Leute aus Deutschland und der Austragungsnation das offizielle Blatt der Spiele in mehreren Sprachen. Was denken Sie, kann dieses Projekt bewegen – und werden wir Sie auch in Vancouver und London wieder bei uns begrüßen können?

Wissen Sie was? Als Nächstes können Sie mich schon am Samstag beim International Paralympic Day am Pariser Platz begrüßen. Da komme ich nämlich hin. Und die Leute von der Schülerredaktion der Paralympics-Zeitung sehe ich als Mitstreiter.

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