Interview mit Marie NDiaye : "Sarkozy vergiftet Frankreich"

In Frankreich hielt sie es mit Sarkozy nicht aus, in Senegal fühlte sie sich fremd. Und wie findet Marie NDiaye Berlin? Ganz und gar nicht furchteinflößend.

Interview: Verena Mayer

Frau NDiaye, Sie sind vor kurzem nach Berlin gezogen. Was verschlägt „eine der besten französischen Schriftstellerinnen unserer Tage“, wie „Le Monde“ Sie nennt, nach Deutschland?



Ich wollte weg aus Frankreich. Seit Sarkozy an der Macht ist, ist die Atmosphäre vergiftet. Der Mann ist schrecklich. Er biedert sich an die Vermögenden und die Rechten an; er steht für alles, was in Frankreich verachtenswert ist. Schon der Wahlkampf war furchtbar. Zum ersten Mal stand mit Ségolène Royal eine Frau zur Wahl, und prompt zeigte sich ein Sexismus, von dem ich dachte, er sei längst ausgestorben: „Eine Frau als Präsident, haha! Und wer wird sich um die Kinder kümmern?“

Haben Sie also Frankreich aus Protest verlassen?

Nein, Frankreich ist ja keine Diktatur geworden. Aber es gibt viel Frustration, die einfachen Leute, die für Sarkozy gestimmt haben, sind jetzt ver bittert, weil nichts von dem eingetreten ist, was er versprochen hat. Weder ist die Kaufkraft gestiegen noch die Arbeitslosigkeit gesunken.

Wie denken Sie über die französische Justiz ministerin Rachida Dati, die fünf Tage nach der Geburt ihres Kindes wieder bei der Arbeit erschien?

Ich glaube, Rachida Dati war einem solchen Druck ausgesetzt, dass sie sich gezwungen gefühlt hat, so früh wieder zu arbeiten. Aber wie man es mit Arbeit und Privatleben hält, ist eine Frage, die jeder für sich klären muss.

In Ihren Büchern geht es stets rätselhaft und beklemmend zu, ein bisschen wie bei Franz Kafka: Ein Lehrerehepaar wird plötzlich von allen gemieden, eine Frau ist schwanger, doch sie weiß nicht, wie es dazu kam.


Das Wort „kafkaesk“ nehme ich als Kompliment, schon allein, weil er einer der Autoren ist, die ich am meisten verehre. Ich versuche, einfache, fast banale Situationen zu beschreiben, aus denen etwas Beunruhigendes erwächst. Meine Figuren sind keine Künstler oder Intellektuelle, sondern einfache Leute. Ehe sie sich versehen, sind sie Fremde in ihrem eigenen Leben.

Ihre Figuren tragen oft eine tiefe Schuld in sich. Die Lehrerin Nadia, der in „Mein Herz in der Enge“ alle aus dem Weg gehen, hat ihre pflegebedürftigen Eltern verwahrlosen lassen und ihren Ex-Mann durch die Scheidung um seine Existenz gebracht.

Wenn Nadia eine Frau kennenlernt und sich von ihr Geld geben lässt, obwohl diese Frau gerade ihre gesamte Familie bei einem Brand verloren hat, ist das grausam, aber es macht sie nicht zu einer großen Schuldigen. Es hat oft etwas Beiläufiges, Schuld auf sich zu laden. Wenn man zum Beispiel nur ein wenig schwach und unglücklich ist, ist man sehr schnell keine gute Mutter.

Schlechte Mütter gibt es in Ihren Büchern viele. Rosie Carpe etwa, die Heldin Ihres gleichnamigen Romans, lässt ihren Sohn fast an einer Infektion zugrunde gehen.

„Rosie Carpe“ schrieb ich in einer Kleinstadt in der Normandie, wo viele Frauen wohnen, die sehr jung Kinder bekommen haben. Die Männer arbeiten auswärts, es war eine Stadt der Frauen, der Kinder und der Alten. Für die jungen Frauen dort sind Kinder ein Lebensziel – der einzige Weg, wichtig, nützlich und interessant zu erscheinen sowie Geld vom Staat zu bekommen. Das hat mich gerührt und mir zugleich Angst gemacht. Ich habe mich gefragt, was diese Frauen machen, wenn sie mit ihren Kindern allein zu Hause sind.

Warum sind die Frauen in Ihren Büchern eigentlich so grausam?

Wenn man einen Charakter ernst nimmt, ist es doch egal, ob er ein Mann oder eine Frau ist. Als 2003 mein Stück „Papa muss essen“ an der Comédie Française aufgeführt wurde, spielte zum ersten Mal ein afrikanischer Schauspieler die Hauptrolle. Anschließend hieß es: „Dieser Schwarze ist aber nicht sehr sympathisch.“ Das fand ich erstaunlich, er ist doch auch nur ein durchschnitt licher Charakter, und der ist eben gut oder schlecht, intelligent oder dumm. Aber die Tat sache, dass da eine schwarze Figur auf der Bühne stand, hatte für die Zuschauer offenbar etwas Schockierendes.

Die Schriftstellerin Zadie Smith hat sich einmal sehr darüber empört, dass schwarze Figuren immer als Symbol für etwas gesehen werden. Macht Sie das auch wütend?

Ich finde es irgendwie logisch. Man hat viele Filme mit Schwarzen wie Morgan Freeman gesehen, die oft die alten Weisen sind und alles besser verstehen. Das sind die Bilder, die man im Kopf hat. Das Stadium Morgan Freeman war nötig, aber inzwischen sind wir reif dafür, dass eine Figur für sich stehen kann, egal, ob schwarz oder weiß, Mann oder Frau.

Sie haben mal gesagt: „Ich spüre eine Fremdheit als Farbige, aber nicht schmerzlich, vielmehr objektiv.“

Ja, das ist nicht wie Schmerz, es fühlt sich neutral an. Ich habe das Glück, keine Arbeit suchen zu müssen, was in Frankreich für Schwarze und Araber sehr schwer ist. Ich hatte auch als Kind nie Probleme.

Mussten Sie mehr leisten als die anderen?

Schwer zu sagen, ich war jedenfalls immer die Beste in der Klasse. Mein Bruder und ich sind in der Nähe von Paris in einem behüteten Milieu bei meiner Mutter aufgewachsen, sie war Lehrerin. Mein Vater war Ingenieur.

Sie haben Ihren Vater erst mit elf Jahren kennengelernt.

Meine Eltern haben sich getrennt, als ich ein Jahr alt war. Wir blieben bei meiner Mutter in Frankreich, mein Vater ist zurück in den Senegal gegangen. Ich habe ihn erst wieder gesehen, als er für eine Firma in Frankreich gearbeitet hat. Mein Vater stammt aus einer armen Landfamilie, und weil seine Mutter viele Kinder hatte, ihre Schwester aber keine, wurde er als Baby der Schwester geschenkt, die ihn schlecht behandelte. Aber mein Vater war gut in der Schule, er bekam ein Stipendium und durfte in Frankreich studieren.

In seiner Autobiografie „Dreams of my Father“ erzählt Barack Obama, wie er nach Kenia fährt, um das Leben seines Vaters zu rekonstruieren und damit auch seine eigene Identität. Haben Sie auch eine solche Reise gemacht?

Ja, ich habe Tanten und Cousins kennengelernt, sie leben in Dakar. Aber ich habe mich im Senegal immer komplett als Fremde gefühlt, es ist nicht meine Kultur und nicht meine Sprache. Selbst wenn die Leute Französisch können – untereinander sprechen sie Wolof. Man trifft Leute, die einem genetisch gesehen sehr nahestehen, aber man hat ansonsten nichts mit ihnen gemeinsam.

Haben Sie das Gefühl, zwischen den Kulturen zu leben?

Nein. Wenn ich doch nur zwei Kulturen hätte! Aber ich bin ja durch und durch französisch, die Eltern meiner Mutter sind die typischsten Franzosen, die es gibt: Bauern aus Zentralfrankreich.

Ihren ersten Roman „Quant au riche avenir“ haben Sie mit 17 veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Ich war in der zehnten Klasse, schrieb die Geschichte eines Gymnasiasten, seiner Freundin und der Frau, die ihn aufzieht – nichts Besonderes, aber ich hatte mir in den Kopf gesetzt, sie zu veröffentlichen. Also habe ich mir aus dem Telefonbuch die Adressen von Verlagen herausgesucht, und dann bin ich mit der Métro nach Paris gefahren und habe das Manuskript abgegeben. Ich bekam sofort eine Zusage vom Verlag „Les Editions de Minuit“. Ich hielt das für vollkommen normal: Man hat ein Buch geschrieben, und drei Tage später hat man einen Verleger.

Hat sich Ihr Leben als Teenager dadurch ver ändert?

Nein, das war anders als bei Françoise Sagan, die großen Erfolg hatte. Mein Buch kam zwar bei den Kritikern gut an, aber es verkaufte sich nicht.

Inzwischen haben Sie acht Romane geschrieben und drei Kinder bekommen. Wie geht das zusammen?

Gut. Als Schriftsteller führt man ein Leben im Abseits, doch die Kinder zwingen einen zur Realität. Sie müssen zur Schule, sie haben Freunde. Ich bin außerhalb von allem und zugleich mitten im Leben.

Die Schriftstellerin Alice Munro erklärt ihre kurzen Sätze damit, dass sie das Einzige waren, was sie zwischen Kindermittagsschlaf und Kartoffeln kochen schaffe. Wo knapsen Sie Ihre Zeit zum Schreiben ab?

Ich arbeite wenig, meistens nur zwei Stunden am Tag, danach bin ich so fertig, dass ich froh bin, etwas anderes tun zu können.

Kinder sind in Ihren Büchern auf archaische Art Besitz ihrer Eltern. In einer Kurzgeschichte verkauft eine Familie zwei Söhne an einen Kinderporno- Ring.

Wissen Sie, ich habe mit meiner Familie etliche Jahre in der Normandie gelebt, in einem Dorf mit 1000 Einwohnern. Eines Tages erzählte mir ein junges Mädchen, dass der Grundschullehrer sie vor zehn Jahren begrapscht habe. Sie hatte ihren Eltern davon erzählt, aber die hatten sich nicht getraut, den Lehrer anzuzeigen. Aber für sie sei es gar nicht so schlimm gewesen, ein anderes Mädchen habe viel mehr gelitten. Ich traf dann dieses Mädchen, sie war als Sechsjährige von dem Lehrer vergewaltigt worden. Und ich traf weitere 15- und 16-jährige Jugendliche, denen Ähnliches passiert war. Alle im Dorf wussten davon, doch kein einziges Mal haben die Eltern eingegriffen.

Was geschah als Nächstes?

Ich habe die Eltern überredet, bei der Staatsanwaltschaft Anzeige zu erstatten. Das hat sehr lan ge gedauert. Jeden Tag brachten die Mütter ihre Kinder weiter in den Unterricht dieses Lehrers. Irgendwann war mir klar, wir müssen sofort etwas tun. Ich bin zur Schule gefahren und habe dem Lehrer gesagt: „Ich bringe Sie jetzt zur Polizei.“ Das Einzige, was er hervorgebracht hat, war: „Wissen meine Eltern davon?“

Er wurde sicher zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt.

15 Jahre hat er bekommen. Er war ein armer Teufel, der selbst als Kind missbraucht worden war. Wie sich herausstellte, hatte er ganze Generationen missbraucht. Beim Prozess sagten viele Dorfbewohner aus, 30-jährige Bauern waren betroffen.

Was denken Sie: Warum hat keiner etwas gesagt?

Die Kinder haben ja geredet. Die, die am meisten gelitten hat, wollte sich mit 12 Jahren umbringen, eine andere mit 15. Im Krankenhaus kam dann ein Psychologe zu ihr, sie hat ihm alles erzählt, aber es hat nichts geändert. Selbst die anderen Lehrer und die Direktorin waren auf dem Laufenden. Es gab auch eine sehr interessante Entwicklung unter den Vätern. Am Anfang glaubte man nämlich noch, dass nur Mädchen betroffen sind. Erst als sie erfuhren, dass auch Jungen unter den Opfern waren, gerieten die Männer plötzlich auch außer sich.

Haben viele Leute das Dorf verlassen?

Nein, nur wir sind gegangen. Natürlich haben sich viele bei uns bedankt, aber viele haben uns das auch sehr übel genommen. Die Geschichte ging durch alle Medien. Das Dorf liegt an der Küste, in der Nähe von Touristenorten wie Deauville und Trouville, und plötzlich war es verschrien als Kinderschänderdorf.

Sie sind ans andere Ende der Welt gegangen.

Nach Guadeloupe. Es ist nicht einfach, dort zu leben, es ist sehr teuer, weil alles importiert werden muss. Aber auf dieser Insel am Ende der Welt habe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben nicht fremd gefühlt. Anders mein Mann: In dem Dorf in der Normandie war ich die einzige Schwar ze gewesen, nun war er der einzige Weiße. Er war plötzlich der Fremde.

Sie sind schon oft umgezogen.

Wir haben in Italien, in Spanien, in England und auch schon einmal in Berlin gelebt. Die Stadt ist viel internationaler geworden. Und es ist normal geworden, in den Ostteil zu fahren. 1993, als ich mit einem DAAD-Stipendium in Berlin war, hatte man dort noch nicht so viel zu tun.

Wie sieht Ihr Alltag in Berlin aus?

Ich habe ein Büro im Corbusierhaus, wo ich schreibe. Jeden Morgen mache ich mit meinem Mann einen langen Spaziergang. Jean-Yves ist auch Schriftsteller, wir gehen im Grunewald oder auf dem Teufelsberg spazieren, oder wir gehen von unserem Zuhause am Adenauerplatz zu Fuß bis zur Spree. Wir reden über dies und das, darüber, was wir sehen, was die Kinder machen, was wir schreiben werden. Und ich lerne Deutsch an der Volkshochschule.

Fürchtet man als Schriftsteller nicht, sich der eigenen Sprache zu entfremden?

Ach, davon träume ich, dass ich eines Tages so gut spreche! Ich beginne ja bei null, aber Deutsch ist auf meinem Niveau eine logische Sprache. Wenn man auf Deutsch eine Regel lernt, dann wird die auch beharrlich angewandt. Im Franzö sischen lernt man erst eine Regel und dann eine lange Listen mit Ausnahmen.

Wie haben Ihre Kinder die Umstellung verkraftet?

Sie gehen auf die französische Schule und sind sehr zufrieden. Berlin kommt mir wie eine leichte, ruhige Stadt vor, die ganz und gar nicht furchteinflößend ist. Nach dem Leben auf dem Land kommen meine Kinder hier ohne Probleme zurecht.

Was haben Sie in naher Zukunft vor?

Ich würde so gerne einen schönen Roman über eine harmonische Familie schreiben. Auch wenn das plump klingt: Ich glaube fest daran, dass es glückliche Familien gibt.

Sind glückliche Familien nicht sterbenslangweilig? Es steht ja schon ja schon in „Anna Karenina“, dass jede unglückliche Familie auf ihre besondere Art unglücklich ist.

Familien bieten immer reiches Material, weil sie kleine Gesellschaften sind, in denen man alles findet: Liebe, Intrigen, Hass, Macht. Aber natürlich sind unglückliche Familien deutlich interessanter als glückliche. Es ist auch handwerklich wesentlich leichter, über unglückliche Familien zu schreiben als über glückliche. Wenn man jung und un erfahren im Schreiben ist, geht das Schreckliche leichter von der Hand. Als ich meine ersten Romane schrieb, ging alles stets grausam aus, aber je älter ich werde, desto optimistischer enden meine Geschichten.

Haben Sie schon eine Idee, was in der glücklichen Romanfamilie passieren könnte?

Nichts natürlich. Das wäre doch gerade die Herausforderung, über das Nichts zu schreiben, das eine glückliche Familie ausmacht.

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