Interview : „Natürliche CO2-Speicher besser nutzen“

Was sich Unep-Chef Achim Steiner von der Politik erhofft

Achim Steiner (50) ist Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms Unep.
Achim Steiner (50) ist Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms Unep.Foto: Unep

Falls auf der UN-Klimakonferenz in Durban Ende November erneut kein international verbindliches Abkommen verabschiedet wird, um einen weiteren Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur über zwei Grad Celsius zu verhindern, welche Wege müssen dann eingeschlagen werden?

Auch wenn ein neues internationales Klimaabkommen zu diesem Zeitpunkt unwahrscheinlich erscheint, kann das Treffen in Durban trotzdem für Schlüsselimpulse sorgen. Die Entwaldung ist aktuell für etwa 18 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Deshalb spielt dieses Thema eine zentrale Rolle im Kampf gegen den Klimawandel. Dazu gehört, dass Entwicklungsländer dafür bezahlt werden, wenn sie Wälder schützen anstatt sie abzuholzen. Durban muss außerdem die Einrichtung eines „Grünen Klimafonds“ vorantreiben und Möglichkeiten aufzeigen, wie die beschlossenen Finanzmittel für den Klimaschutz von 100 Milliarden Dollar pro Jahr bis 2020 aufgebracht werden können. Darüber hinaus müssen die Regierungen darlegen, wie sie die Beschlüsse der UN-Klimakonferenz in Cancun 2010 umgesetzt haben. Dies wäre auch ein wichtiges Signal für die Konferenz „Rio+20“ im Juni nächsten Jahres – 20 Jahre nach dem Erdgipfel von 1992, der den Kurs zur heutigen nachhaltigen Entwicklung vorgab. Erste Schwerpunktthemen sind bereits in der Diskussion. So würde laut der Internationalen Energieagentur allein die Abschaffung der Subventionen für fossile Brennstoffe zu einem deutlichen Rückgang des Kohlendioxid-Ausstoßes führen. Dieser Schritt würde 40 Prozent des benötigten Gesamtrückgangs ausmachen, um die globale Erwärmung bei zwei Grad zu halten.

Statt Klimaschutz plädieren Experten erneut dafür, mit technischen Eingriffen in die Atmosphäre die Erderwärmung zu bremsen. Stichwort Geo-Engineering. Ist das eine Alternative, gerade im Hinblick darauf, dass sich bei den Verhandlungen keine Einigung erzielen lässt?

Die Vorgänge in der Erdatmosphäre sind so komplex, dass jeder Eingriff auch Risiken birgt. Beim Geo-Engineering ist deshalb noch viel Forschung nötig. Aber wir haben andere Optionen. Die weltweiten Salzwiesen, Seegräser und Mangroven können bis zur Hälfte der weltweiten Verkehrsemissionen absorbieren. Wir sollten in diese bewährten Systeme investieren! Das Prinzip, mit der Natur und nicht gegen sie zu arbeiten, lässt sich vor allem beim Erhalt beziehungsweise dem Ausbau dieser natürlichen CO2-Speicher verdeutlichen. Dazu zählen auch wie bereits erwähnt die Wälder.

Was kann die Unep beim Klimaschutz ausrichten – in einer Welt, in der Großmächte wie die USA und China den Ton angeben und ihre sehr eigenen Interessen verfolgen?

Ich habe bereits Schwerpunkte erwähnt, die bei Rio+20 eine Rolle spielen werden. Ein weiterer könnte ein kooperatives Abkommen über kurzlebige Treibhaussubstanzen sein, die sogenannten „short lived climate forcers“ (SLCF) wie Ruß und bodennahes Ozon. Rußquellen sind Kochstellen, Brennöfen und Dieselmotoren. Nach Untersuchungen der Unep und beteiligter Wissenschaftler können mindestens 30 Prozent der aktuellen Klimaveränderungen auf diese Schadstoffquellen zurückgeführt werden. Andere Folgen sind vorzeitige Todesfälle von etwa 2,5 Millionen Menschen aufgrund von Luftverschmutzung sowie Schäden an Anbaupflanzen in Höhe von bis zu vier Prozent der aktuellen Ernteerträge. Im Gegensatz zu CO2, welches über Jahrhunderte in der Atmosphäre bleiben kann, bleiben diese Substanzen dort nur für Tage oder Monate erhalten. Schnelles Handeln könnte also unmittelbaren Nutzen bringen. Das könnte im Rahmen der formellen UN-Klimaverhandlungen in Angriff genommen werden. Gleichwohl kann ein rasches Handeln gegen SLCF langfristig kein Ersatz für Maßnahmen gegen CO2-Emissionen sein.

Das Interview führte Ulrike Friedrich.

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