Interview : "Schwimmen Sie nackt, das ist viel besser"

In der DDR war Filmen teuer, deshalb schwenkte er als Junge seine Kamera wie wild. Heute löst Andreas Dresen andere Probleme: Wie zeigt man Sex zwischen Alten?

Interview: Christiane Peitz Esther Kogelboom
Andreas Dresen
Andreas Dresen. -Foto: dpa

Andreas Dresen, 45, ist einer der bekanntesten Regisseure Deutschlands. Zu seinen Werken zählen „Sommer vorm Balkon“ und „Halbe Treppe“. Für seinen jüngsten Film „Wolke 9“ wurde er in Cannes mit dem Coup de Crur ausgezeichnet. Andreas Dresen lebt in Potsdam-Babelsberg



Herr Dresen, können Sie sich vorstellen, dass Ihre Mutter sich noch einmal verliebt?

Oh je, ich stünde wahrscheinlich ziemlich unter Schock. Meine Mutter lebt seit Jahren in einer glücklichen Beziehung mit dem Regisseur Christoph Schroth. Ich bewundere die beiden dafür. Sicher, sie schenken einander nichts, da fliegen auch schon mal die Fetzen. Aber im Großen und Ganzen gehen sie sehr herzlich miteinander um und stehen loyal füreinander ein. Hoffentlich passiert den beiden nie, was in „Wolke 9“ passiert!

Da setzt die 70-jährige Inge ihre Ehe aufs Spiel, weil sie sich in eine leidenschaftliche Affäre mit dem fast 80-jährigen Karl stürzt. Sie schonen weder Zuschauer noch Figuren: Gleich am Anfang schlafen Inge und Karl miteinander. Sex im Alter – das hat es im Kino so noch nicht gegeben.

Stimmt. Eine Frau läuft wie fremdgesteuert die Straße lang, steigt in die S-Bahn und hastenichtgesehn findet sie sich auf dem Teppich eines Mannes wieder, den sie kaum kennt. Für Horst Westphal, der den Karl spielt, war es der erste Drehtag. Wir haben uns kurz in die Augen geguckt und beschlossen: Wir drehen die Szene jetzt. Dann haben wir’s halt gemacht, Klamotten runter.

Augenblick mal. Horst Westphal wusste nicht, dass er sich an seinem ersten Drehtag ausziehen musste?

Doch, selbstverständlich, ich habe mit den Schauspielern im Vorfeld darüber geredet, dass die Sexszenen ein wichtiger, aber nicht der wichtigste Teil der Geschichte sein würden. Ich wollte nicht verklemmt damit umgehen.

Wenn man sich aber vornimmt, etwas unverklemmt anzugehen, ist da nicht der Klemmgrad automatisch über Normalnull?

Es ging eigentlich. Wir haben uns vorher gute Filme wie „Intimacy“ von Patrice Chéreau angeschaut. Es ging darum, erst mal Worte für Sex zu finden. Es ist schwer, zu einem über 30 Jahre älteren Schauspieler zu sagen: „Ich möchte, dass du sie jetzt mit dem Mund stimulierst.“

Und welche Filme haben Sie sich als Negativbeispiele angesehen?

Deutsche Fernsehfilme, in denen man das Gefühl hat, die streicheln dreimal da und küssen dreimal dort, und schon ist der Orgasmus da. Filme, nach denen man sich als Zuschauer fragt, warum das bei einem selbst alles so anders ist. Die Wahrheit ist: Beim Sex sieht man nicht immer gut aus. Manchmal sieht man sogar richtig scheiße aus, zum Beispiel wenn man versucht, Schlüpfer und Socken auszuziehen und dabei noch elegant zu wirken. In Filmen sieht man so was nie. Für Sexszenen zwischen alten Leuten gab es sowieso kein gutes Beispiel. Da gibt’s nur Putziges: Oma und Opa lernen sich kennen und haben ein amouröses Abenteuer. Richtige Leidenschaft haben wir nicht gefunden.

Wie bekommt man denn Sexszenen technisch hin, die Ihren Vorstellungen mehr entsprechen?

Die Szenen sollten nicht voyeuristisch wirken. Wenn man in die Großaufnahme geht und gleichzeitig explizit sein möchte, muss die Kamera hinschwenken und bekommt diesen Stielaugenblick. Wir haben die Sexszenen meist aus der Totale aufgenommen. So entsteht Zurückhaltung. Die erste Sexszene sollte bei gleißendem Licht spielen. Das sah irreal aus, aber Sex hat auch manchmal was Irreales. Wie fliegen, wenn’s gut ist. Und die Dramaturgie lässt Bilder weg. Es gibt viele Filme, wo die Zuschauer mit schnellen Schnitten, Geräuschen und Musik zugemüllt werden.

Woran liegt es, dass es Sex zwischen Alten im Kino bisher nicht gab?

Man hat Angst davor. Und bei der Filmindustrie ist viel Spekulation dabei. Die fragen sich, wer das eigentlich sehen will.

Sie hatten Lust, ein Tabu zu brechen?

Zunächst mal finde ich es merkwürdig, dass wir auf der einen Seite in einer Gesellschaft leben, in der die Leute immer älter werden, und auf der anderen Seite gibt es keine Bilder dazu. Wenn man älter wird, verfällt der Körper. Das muss man einfach zur Kenntnis nehmen, es ist auch nicht immer schön, im landläufigen Sinn auch nicht ästhetisch. Aber das ist Teil des Lebens: dass wir irgendwann sterben. Wenn man sich mit körperlichem Verfall beschäftigt, beschäftigt man sich automatisch mit dem Tod. Das tun die meisten Menschen halt nicht so gerne. Besonders nicht in einer Welt, in der man noch mit 60 einen Waschbrettbauch haben soll.

Es ist nicht schön, alt zu werden.

Wer alt ist, kann leichter krank werden, kriegt Zipperlein und alles läuft nicht mehr in der Geschwindigkeit ab, die man gewohnt ist. Wenn das Kino aber die Aufgabe hat, die Dinge des Lebens zu erforschen, dann gehört das Altsein auch auf die Leinwand.

Was läuft bei einer Liebesgeschichte zwischen Alten anders als zwischen Jungen?

Die Fallhöhe ist viel größer. Wenn man mit 70 verlassen wird, ist es keineswegs das Gleiche, wie wenn einem das mit 40 passiert. Man hat nicht mehr so viel Lebenszeit vor sich, könnte einsam sterben. Man tut nichts folgenlos, auch in der Liebe nicht. Liebe ist zwar auch im Alter sicherlich ein ergreifendes Hochgefühl, aber es ist halt auch mit irrsinnig viel Schmerz verbunden.

Was ist so wichtig an dieser letzten Affäre? Warum bleibt Inge nicht bei ihrem Mann?

Sie folgt ihrem Herzen. Herz und Seele werden nicht alt. Was, wenn das Gefühl so stark ist, dass man ihm nachgehen muss? Mach’ dir ’nen Bunten mit dem Liebhaber, aber halt’ zu Hause die Schnauze? Alles soll ohne Konsequenzen bleiben: Solch eine Liebe sanktioniert die Gesellschaft sofort. Inge dagegen sagt ihrem Mann Werner die Wahrheit aus einem ganz einfachen Grund: Sie liebt ihn noch. Sie kann diesem Menschen nicht in die Augen schauen und lügen. Der Film handelt vom Sieg der Unvernunft. Anarchie pur.

30 Jahre lang keine Geheimnisse voreinander haben wie Inge und Werner – ist das die Chance oder die Falle für eine Ehe?

Beides. Ich glaube, dass der kraftvolle sexuelle Impuls, mit dem eine Beziehung gemeinhin startet, nicht verschwindet, wenn es eine gute Beziehung ist. Rituale helfen sehr wohl im Leben. Und das ist bei Inge und ihrem Mann auch so: Sie haben unendliches Vertrauen zueinander. Ich finde es rührend, wenn Werner Inge pflegt, als sie krank ist. Vor Jahren, da hatte ich keine Freundin, bin ich zu Hause umgekippt. Da dachte ich: Scheiße, jetzt wo ich krank bin, wäre es gut, wenn jemand da wäre. Eine Partnerschaft ist nach 30 Jahren extrem kostbar. Und Inge geht damit nicht leichtfertig um. Wir erzählen anderthalb Stunden lang, wie sie zu einer Entscheidung kommt.

Entscheidet sich Inge für Karl, weil der witziger ist als ihr Mann?

Humor? Ja ja, da stehen die Frauen drauf … Als Karl keinen hochkriegt, erzählt er Inge einen schweinischen Witz. Dann kommt Inge nach Hause, macht Bratkartoffeln und erzählt ihrem Mann den Witz – eine absurde Szene. Werner erkennt seine eigene Frau nicht wieder. Wenn man eine heimliche Beziehung hat, trägt man immer etwas davon in die eigentliche Beziehung hinein.

Das klingt, als hätten Sie damit Erfahrungen gemacht.

Als meine ehemalige Freundin mich nach vielen Jahren betrogen hat, hörte sie plötzlich andere CDs und las andere Bücher. Ich habe rumgerätselt, fragte sie, woher sie das Buch hat, aber ich hab nichts gemerkt. „Da hab ich ’ne Rezension im ,Spiegel’ drüber gelesen.“ Seit wann liest meine Freundin Buchrezensionen im „Spiegel“? Das hat mich kurz stutzig gemacht, aber ich dachte dummerweise nicht lange genug darüber nach.

Was Nacktheit angeht: Wie sind Sie aufgewachsen?

Ich bekenne: Es wurde nackt durch die Wohnung gelaufen. Ich bin bis heute FKK-Gänger. In Potsdam am Heiligensee gibt’s eine FKK-Badestelle, da gehe ich hin. Nasse Badeklamotten sind lästig.

Wieso? Im Wasser ist doch alles nass.

Schwimmen Sie nackt, das ist viel besser. Vor allem, wenn man rauskommt. Sonst wickelt man sich ein Handtuch um, damit bloß keiner was sieht. Es war schon sehr absurd, als nach der Wende an den Ostseestränden der Kleinkrieg losging, wo man jetzt nackt baden darf und wo nicht.

Wenn wir uns Ihr bisheriges Werk anschauen: Warum muss es bei Ihnen immer so schäbig aussehen? Kaputte Imbissbuden in „Halbe Treppe“, das letzte unsanierte Haus am Helmholtzplatz in „Sommer vorm Balkon“ und jetzt eine abgelebte Mietwohnung irgendwo am Plänterwald …

Das hängt von den Umständen ab, in denen die Protagonisten leben, auch von ihrer sozialen Situation. Die Wohnung von Karl in unserem Film ist nicht abgeranzt! Das ist so, wie ein Mann sich einrichtet, nachdem vielleicht vor fünf Jahren seine Frau gestorben ist und er eine kleinere Wohnung genommen hat. Aber ich kann Sie beruhigen: „Whisky mit Wodka“, mein nächster Film, wird opulent. Der spielt in einem mondänen Ostseebad.

Stimmt es, dass Sie als Kind lange mit Ihrer Mutter in einer Ein-Raum-Wohnung gewohnt haben?

Ja. In Schwerin im Hochhaus, Neubau. Ich habe im Flur geschlafen. Weil meine Mutter, Barbara Bachmann, Schauspielerin ist, ist sie auch oft spät nach Hause gekommen. Das war keine leichte Zeit für sie. In dem Beruf, alleine mit einem kleinen Kind. Später sind wir in ein anderes Viertel umgezogen.

Ihr Vater, der Theaterregisseur Adolf Dresen, ist Ende der 70er Jahre in den Westen gegangen. Wie war das für Sie?

Meine Eltern haben sich getrennt, als ich zwei war, sie hatten aber ein gutes Verhältnis zueinander. Als meine Mutter später heiratete, hat mein Vater sich mit Christoph Schroth, dem neuen Mann meiner Mutter, erstaunlich gut verstanden. Ich erinnere mich, wie wir alle zusammen in der Hohen Tatra Ferien machten. Mein Vater kam aus dem Westen dazu, 1977. Er lebte ja als DDR-Bürger im Ausland, er hatte ein Visum. Der Hintergrund war: Nach der Biermann-Ausbürgerung wollte sich die DDR nicht die Blöße geben, dass noch mehr Künstler in den Westen gehen. Mein Vater hatte in Basel eine Gastinszenierung und ließ von dort verlauten, er käme nicht mehr zurück. Ihm wurde hinterhergereist, Ergebnis der Aktion war, dass er ein ständiges Visum bekam. Trotzdem war er de facto weg – ich konnte ja nicht hin.

Wie fühlte sich das an: der Vater unerreichbar?

Furchtbar. Ich kam gerade in die Pubertät. Ich erinnere mich, dass mein Vater mir quasi zum Abschied einen Kassettenrecorder aus dem Westen geschenkt hat. Ich kriegte den totalen Wutanfall, weil ich dachte: Jetzt will er mich bestechen. Ein Radio für einen Vater. Ich war außer mir. Es war der Einbruch des Politischen in mein Privatleben. Trotzdem haben wir guten Kontakt gehalten.

Und nach dem Fall der Mauer?

Nach der Wende wurde es intensiver, bis zu seinem Tod. Von meinem Vater habe ich übrigens auch die Schmalfilmkamera, mit der ich als Elfjähriger meine ersten Aufnahmen gemacht habe – im Schweriner Tierpark. Ein bisschen Exotik, dachte ich, kann nicht schaden. Ich schwenkte wie ein Wilder, weil das Filmmaterial so teuer war. Später habe ich beim Amateurfilmklub des Klement-Gottwald-Werks mitgemacht. Die haben Schiffskräne produziert, aber für die Freizeitbeschäftigung der Werktätigen das Filmstudio gehabt. Ich durfte als Schüler trotzdem dabei sein.

Empfanden Sie es als luxuriös, zwei Väter zu haben?

Ja. Christoph Schroth ist wie ein Vater für mich, ein wunderbarer Mensch. Ich bin wirklich froh, dass meine Mutter ihn gekriegt hat. Dabei war ich damals gerade elf und wollte meine Mutter für mich alleine haben. Als Christoph dann vor der Tür stand, hab ich sie ihm vor der Nase zugeschlagen – er hat dann mit seinem wenigen Westgeld Matchboxautos gekauft. Den rosa Jeep habe ich heute noch; der hat mein Herz erweicht. Es gab noch einen Krankenwagen, wo man die Tür hinten aufklappen konnte, echt toll.

Sie leben inzwischen in Potsdam, wir stellen uns vor: in einer Villa.

Nee, kann ich mir nicht leisten. Aber ich kann nicht sagen, dass ich grundsätzlich was gegen Villen habe. Obwohl ich in einem besetzten Haus gewohnt habe. Ende 1989 gab es noch diesen rechtsfreien Raum: Da konnte man sich einfach eine von den leeren Wohnungen aufbrechen. Am 31. August 1990 bekam ich die Ablehnung meines Wohnungsantrages, bin aber trotzdem zum Wohnungsamt gegangen, um meine besetzte Wohnung zu legalisieren. Da saß eine frustrierte Frau, es war ihr letzter Arbeitstag. Sie sagte bloß: „Ach, mir ist das alles egal.“ Dann hat sie den Stempel draufgedrückt. Ich habe am gleichen Tag die Ablehnung meines Antrags und die Zuweisung meiner Wohnung bekommen.

Hat Berlin Sie nie gereizt?

Ich war nie ein großer Berlin-Fan. Ich bin gerne hier, weil hier einfach viel los ist, aber mich strengt das zu sehr an, weil ich das Gefühl habe, was zu verpassen. Man muss sich entscheiden: Ist man ein Großstadttyp und fährt ab und zu mal raus, oder ein Provinztyp, der ab und zu in die Stadt fährt? Ich bin eher Letzteres.

Es fällt auf, dass Sie noch keinen Kinofilm im Westen gedreht haben.

Stimmt nicht: „Nachtgestalten“ spielt im Westteil Berlins. Es liegt trotzdem nahe, dass man von den Menschen und Landschaften erzählt, die man am besten kennt, aber ich habe fürs Fernsehen auch schon mal eine Asylbewerbergeschichte in Baden-Baden gedreht, „Mein unbekannter Ehemann“. Das war dummerweise der Film, bei dem ich die meisten Fehler gemacht habe.

Welche Fehler?

Der Film hat einen schwarzen Hauptdarsteller. Der wird immer in einer kleinen Dachwohnung gezeigt, die ganz in Weiß eingerichtet ist. Wir haben schnell gemerkt, dass es nahezu unmöglich ist, auch nur irgendein stimmungsvolles Licht zu erzeugen, irgendeine Blende hinzubekommen – und zwar so, dass das Gesicht des Hauptdarstellers noch Zeichnung hat. Ein Desaster.

Und was war bisher Ihr größtes Glück als Filmemacher? In Cannes bei der Uraufführung von „Wolke 9“ über den roten Teppich zu laufen?

Nein. Es war vielleicht der Moment, als nach der Vorführung das Licht anging und es Standing Ovations gab. Eine wildfremde Frau ist auf mich zugekommen und hat mich umarmt. Solche Momente müsste man in Bernstein gießen.

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