Interview : "Serbiens Jugend und weltoffen, das können Sie vergessen"

Ein Schritt in Richtung Europa: Im Interview erklärt Dragoslav Dedovic, Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Belgrad, was das Wahlergebnis in Serbien wirklich zu bedeuten hat.

Der Westen feiert das Wahlergebnis in Serbien als Schritt in Richtung Europa. Sehen Sie das auch so, Herr Dedovic?



Es ist nicht der historische Sieg, von dem man in Brüssel oder Belgrad gerne spricht. Ich bin da vorsichtiger. Mindestens die Hälfte der serbischen Gesellschaft denkt antieuropäisch. Die Kosovo-Frustration sitzt dort tief.

Was bedeutet das?

Wir sprechen hier über eine gespaltene Gesellschaft. Ob man eine parlamentarische Mehrheit für das Projekt Serbien in der EU findet, das ist auch nicht so gewiss, wie man gerne möchte.

Wie haben die jungen Leute abgestimmt?

Sehr viele wählten die Liberal-Demokratische Partei, die eine gnadenlose Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fordert. Ihre These ist, dass man die Zukunft nur gewinnen kann, wenn man den Mund aufmacht und sich nicht einfach dem allgemeinen Schweigen über die serbischen Verbrechen in der Vergangenheit anschließt. Sie hat 5,3 Prozent bekommen.

Es gibt bei der Jugend aber auch nationalistische Tendenzen. Wie ist das zu erklären?

Sehr viele junge Menschen sind unter den Bedingungen der Sanktionen und Kriege aufgewachsen, im Kontext des „normalen“ Nationalismus. Sie denken relativ konservativ, viele waren auch noch nie außerhalb Serbiens. Die hiesige Jugend mit Progressivität und Weltoffenheit gleichzusetzen – das können Sie vergessen.

Warum ist es für die serbische Bevölkerung so schwer, sich zu positionieren?

Serbien steckt seit 20 Jahren in einer permanenten Krise. Das ist eine Staatskrise, eine politische, eine ökonomische Krise, und eine der Identität. Serbien hat nach dem Zerfall Jugoslawiens von Anfang an keine nationalen Ziele definiert. In dieser ungewissen Lage konnte man jeden Nationalismus à la Milosevic passieren lassen. Nur unter dem früheren Premier Zoran Djindjic gab es in Serbien für eine kurze Zeit eine Vision - der schnellstmögliche Weg in die EU. Djindjic überstellte Milosevic an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und bezahlte das 2003 mit dem Leben. Seitdem gibt es in Serbien eher eine Stagnation als eine Entwicklung.

Welche Folgen hätte eine Regierungsbildung durch die radikalen Kräfte?

Sie würde einen Stopp der Zusammenarbeit mit Den Haag, eine größere wirtschaftlich-politische Anlehnung an Russland und eine unbequemere Verhandlungsposition gegenüber der Europäischen Union bedeuten.

Welche Rolle spielt die Regierungsbildung für die Zukunft des Kosovo?

Die Kosovopolitiker behaupten, dass es mit dem Lager von Serbiens Präsident Tadic bessere Perspektiven für eine Zusammenarbeit gibt. Tadic ist in der Kosovopolitik ein serbischer Staatsmann, der das Kosovo als illegitim abgetrenntes Territorium Serbiens betrachtet. Er will aber unbedingt, dass das Land in der EU das nationale Interesse verteidigt.

Hat der Westen einen Plan B, wenn die Radikalen in Serbien an die Macht kommen?

Das ist die entscheidende Frage. Ich sehe bisher keine ernsthaften Anstrengungen, zumindest, was Kosovo betrifft. Das Kosovo ist in einer katastrophalen wirtschaftlichen Lage, Kriminalität und Korruption sind an der Tagesordnung. Der Schlüssel zum Erfolg oder Scheitern des Westens in Kosovo liegt darin, eine halbwegs lebenswerte, demokratische Gesellschaft dort zu entwickeln. Ich sehe noch keine ernsthaften, großen Anstrengungen. Das Problem wird sich nicht von selbst lösen. Man muss dranbleiben.

Dragoslav Dedovic ist Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Belgrad. Das Gespräch mit ihm führte Sarah Kramer.

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