Interview : Stolz und Vorurteil

Die Südeuropäer sind sauer auf Angela Merkel. Sie fühlen sich von der deutschen Kanzlerin ungerecht beurteilt. Zu Recht?

Julia Link[Matthias Schlegel]
Kritik an den Anderen. Die Bundeskanzlerin findet, Südländer gehen zu früh in Rente und urlauben zu viel. Foto: imago
Kritik an den Anderen. Die Bundeskanzlerin findet, Südländer gehen zu früh in Rente und urlauben zu viel. Foto: imagoFoto: IMAGO

Wer wollte es bestreiten: Das vereinte Europa kann nur funktionieren, wenn sich alle gleichermaßen anstrengen. Doch noch immer sind die Unterschiede groß – zwischen den Wirtschaftsleistungen, den finanziellen Spielräumen, den sozialen Standards. Die anhaltende Finanzkrise Griechenlands macht das mehr als deutlich. Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnt nun stärkere Bemühungen anderer Länder an – nach dem Motto: Es kann nicht sein, dass erfolgreichere Länder, wie Deutschland, auf Dauer die Zeche für die schwachen, um nicht zu sagen: die faulen Länder zahlen. Zwischen Ostsee und Bodensee mag sie da bei vielen auf Zustimmung stoßen, in den betroffenen und angesprochenen Staaten – Griechenland, Portugal und Spanien – ist man sauer. Und das nicht nur, weil damit die jüngsten Sparanstrengungen dieser Länder ignoriert werden, sondern auch, weil die Behauptungen Merkels nicht in jedem Fall der Realität entsprechen. Das zumindest zeigt der Fakten-Check.

Gehen Griechen, Spanier und Portugiesen früher in Rente als die Deutschen?

Betrachtet man den gesetzlichen Rentenanspruch, hat die Kanzlerin eigentlich nur für die Beschäftigtengruppe der griechischen Frauen recht. Den Erhebungen von OECD und europäischer Statistikorganisation Eurostat zufolge können sie schon mit 60 Jahren Altersrente beziehen, während die Männer dort, ebenso wie (noch) in Deutschland, erst mit 65 in Rente gehen können. In Spanien und Portugal gilt für Männer und Frauen die gleiche gesetzliche Altersgrenze wie in Deutschland: 65 Jahre.

Doch weil in anderen Staaten ebenso wie in Deutschland viele Menschen aus unterschiedlichsten Gründen deutlich früher aus dem Berufsleben ausscheiden, ist die maßgebende Größe das tatsächliche Renteneintrittsalter. Und da könnten vor allem die portugiesischen Männer der deutschen Bundeskanzlerin böse sein: Sie arbeiten im Durchschnitt bis 67, während die deutschen Männer schon mit 61,8 Jahren ihren Ruhestand genießen. Und auch die griechischen und spanischen Männer gehen nicht früher, sondern nahezu zum gleichen Zeitpunkt wie die deutschen in Rente. Wiederum nur die griechischen Frauen steigen im Schnitt ein paar Monate früher als die deutschen Frauen aus dem Berufsleben aus, während portugiesische und spanische Frauen länger erwerbstätig sind.

Machen die Arbeitnehmer in anderen EU-Ländern länger Urlaub als die Deutschen?

Der gesetzlich garantierte Urlaubsanspruch in Deutschland beträgt 20 Tage. Das ist auch in zahlreichen anderen europäischen Staaten so. In einigen Ländern sieht das Gesetz mehr Urlaub vor, etwa in Frankreich 30, in Portugal 22, in Griechenland, Dänemark, Österreich, Schweden und Luxemburg 25 Tage.

Weil in Deutschland die Tarifverträge in den verschiedenen Branchen oder Betriebsvereinbarungen aber zum Teil deutlich mehr Urlaub zusichern, liegt die Zahl der tatsächlich durchschnittlich in Anspruch genommenen Urlaubstage wesentlich höher. In der Wirtschaft fallen laut Eurostat in Deutschland tatsächlich 27 Urlaubstage an. Und bei dieser Aufstellung liegt Deutschland hinter Frankreich und Slowenien in der Spitzengruppe jener Länder, in denen am meisten Urlaub gemacht wird. Die Griechen, Portugiesen und Spanier kommen nur auf 24 Urlaubstage.

Was sagen Fachleute zu Merkels Äußerungen?

Martin Gasche, Abteilungsleiter für Alters- und Sozialpolitik am Mannheimer Forschungsinstitut Ökonomie und Demographischer Wandel, hält es für fragwürdig, den Vergleich allein am Renteneinstiegsalter festzumachen: „Es gibt in Europa sehr unterschiedliche Rentensysteme und Altersstrukturen.“ Es sei wenig sinnvoll, „nur einen Parameter herauszugreifen und zu verallgemeinern“. Vielmehr sei das griechische Rentensystem allgemein reformierungsbedürftig. Das sei aber schon länger bekannt.

Dirk Hofäcker vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung hält es für fragwürdig, Deutschland auf eine Spitzenposition zu heben und auf die Südeuropäer hinabzuschauen: „Deutschland hat lange selbst zu den Frühverrentungsländern gehört. Das hat sich erst in den letzten Jahren geändert und wir sind jetzt bestenfalls Mittelfeld.“ Der Kritik an Griechenland kann er eher mit Blick auf die Erwerbsquote „mit Vorsicht zustimmen“. Er weist darauf hin, dass in Deutschland mehr Menschen zwischen 55 und 64 Jahren erwerbstätig sind als in Griechenland. Laut OECD-Daten nämlich 56 Prozent in Deutschland, während es in Griechenland nur 42 Prozent sind. Das liege aber auch daran, dass in Griechenland allgemein weniger Frauen arbeiten. Weniger Berufstätige stellten natürlich ein Problem für den Staatshaushalt dar, denn wer nicht arbeite, zahle keine Einkommenssteuer.

Wie fallen die Reaktionen auf Merkel in Griechenland aus?

Die griechische Regierung hat bisher relativ zurückhaltend auf die Kritik reagiert. „Das was das griechische Volk nicht verdient hat, sind Ratschläge und Kommentare, die nicht konstruktiv sind“, sagte Außenminister Dmitris Droutas in Athen lediglich. Die griechischen Zeitungen allerdings finden deutlichere Worte. „Sie betreiben Populismus, Frau Merkel“, hieß es in einem Kommentar der linksliberalen Athener Zeitung „Eleftherotypia“. Auch die Athener Zeitung „Ta Nea“ kritisierte die Aussagen und veröffentlichte Daten über Vergleiche von Urlaub und Renteneintrittsalter von Griechen und Deutschen. Dazu stellte die Zeitung eine Karikatur: Angela Merkel hält als Zirkusdirektorin einen Reifen in der Hand, auf dem „Rente“ geschrieben steht. Durch diesen Reifen peitscht sie zwei alte Greise, von denen sich einer auf eine Gehhilfe stützt und der andere einen Krankenhaustropf hinter sich herzieht.

Der deutsch-griechische Europaabgeordnete Jorgo Chatzimarkakis (FDP) kritisierte, Merkel provoziere in Griechenland und anderen EU-Ländern Empörung über Deutschland. „Merkel sollte auch in ihrer Rolle als CDU-Vorsitzende ihrer Verantwortung als Kanzlerin gerecht werden“, sagte er. Indem die CDU-Politikerin sachlich falsch argumentiert habe, befördere sie nicht das Verständnis für Konsolidierungsanstrengungen anderer EU-Länder. Ihre Äußerungen werden eher „Trotzreaktionen und eine Abwendung von Europa hervorrufen nach dem Motto: Wir lassen uns nicht zu Deutschen machen“.

Wie reagieren Spanier und Portugiesen?

Merkels Pauschalschelte „zeigt eine tiefe Ignoranz“ der Kanzlerin, schimpft der Boss der portugiesischen Gewerkschaft UGT, Joao Proenca. „Frau Merkel hat bewiesen“, fährt er fort, „dass sie nicht sehr besorgt um die europäische Einheit ist“, vor allem weil sie mit falschen Informationen Zwietracht streue.

Die spanische Volksseele kocht angesichts der deutschen „Demagogie“ und der „Berlusconisierung“, wie es in den Kommentarspalten großer spanischer Tageszeitungen heißt. Auch in den Leserbrief-Foren wird heftig Dampf abgelassen: In Spaniens größtem Blatt „El Pais“ fordern einige Leser gar eine offizielle Entschuldigung Berlins. Die spanische Regierung „sollte nicht erlauben, dass solche Lügen über uns verbreitet werden. Wir sind nicht faul.“

Die Regierungen in Lissabon und Madrid hielten sich mit offiziellen Äußerungen zurück. Portugals sozialistischer Übergangs-Regierungschef Jose Socrates begnügte sich mit dem knappen Satz: „Ich bin nicht einverstanden.“ Ein Standard-Kommentar, den man dieser Tage auf Spaniens Straßen häufig hört, lautet: „Ich möchte gerne Deutscher sein.“ Vor allem, weil in „Alemania“ der Lebensstandard, der sich unter anderem in Löhnen, Pensionen und sozialer Sicherheit ausdrückt, sehr viel höher sei.

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